Roger Willemsen © AFP/Getty Images/JOHANNES EISELE

Da ist sie also wieder, die Jahreszeit der überheizten Innenräume, jetzt noch hitziger mit Bonus-Koalitionsverhandlungen. Es ist die letzte Baustelle, denn eigentlich ist das Land doch fertig. Auf Jahrzehnte hinaus wird es keine Regierung ohne CDU-Beteiligung geben, keine Bundesligatabellenspitze ohne Bayern, kein Bayern ohne CSU. Jetzt gehen wir an die Feinheiten, das heißt an die Liquidation der Kritiker.

Da haben sich doch tatsächlich ein paar öffentlich Arbeitende – nicht durchweg Intellektuelle, nicht durchweg Linke – getraut, Bedenken gegen die Große Koalition anzumelden! Dafür bezichtigt sie Hans-Ulrich Jörges, Assistenzchef des sterns u. a., der Verachtung für die verfasste Demokratie, der gefährlichen Affekte gegen die Politik, der Unverschämtheit, Verlogenheit, Eitelkeit, Arroganz, Überheblichkeit, außerdem wandere man "auf die historisch überlieferte Politikerverachtung von rechts zu", womit man quasi Neonazi ist, also, schließt Jörges, "Halt’s Maul!".

Was also haben Silvia Bovenschen, Antje Vollmer, Ingo Schulze, Hanna Schygulla, Friedrich Schorlemmer, 10.000 andere und auch ich uns zuschulden kommen lassen? Einwände! Und was haben wir beim stern freigesetzt: den Gerhard-Löwenthal-Reflex, Intellektuellenhass! Deshalb jetzt mal ganz unintellektuell gefragt: Jörges, haben Sie sie noch alle? Da verleiht der stern im Namen seines Gründers Henri Nannen einen Preis auch für die kritische Begleitung des Tagesgeschehens und toleriert nicht mal Einwände gegen jenen Maximalkonsens, der jeder Opposition, aber langfristig auch der SPD den Garaus machen könnte? Und anschließend haben wir dann nur noch Hans-Ulrich Jörges, das stern-Geschütz der Demokratie? Oder ist das vielleicht schon die wilde Frische der neuen Meinungsfreiheit unter der Großen Koalition?

Klar, laut Bertelsmann-Studie liegt unser Land in puncto Gemeinsinn nur im Mittelfeld und ist tendenziell immer weniger bereit, Vielfalt zu akzeptieren, auch Meinungsvielfalt. So nimmt Deutschland lieber keinen Snowden auf, keine Guantánamo-Häftlinge und schon gar keine "Einwanderer" in unser "Sozialsystem". Wir nennen das "Willkommenskultur". Aber mit diesem Ausdruck schicken die Katarer auch ihre Lohnsklaven in die Zwangsarbeit am Stadionbau für die Fußball-WM, unser Brot und Spiele. Sepp Blatter findet jetzt, diese WM solle dort erst im Winter stattfinden, denn das amerikanische Sprichwort sagt: "Wer einen Wachskopf hat, soll nicht in die Sonne gehen."

Unsere Lohnabhängigen dagegen werden schon 2015 einen Mindestlohn bekommen. Früher würde er uns nur die Wirtschaft ruinieren. Aber Dieter Zetsche von Daimler sagt: "Ich kann auch mit fünf Millionen gut leben." Genügsam ist er wie jener Kölner Bankier Pferdmenges, der, gefragt, was er mit einer Million machen würde, erwiderte: "mich einschränken".

Das Deutschland der sozialen Kälte beantworten wir mit einer Zufuhr emotionaler Überwärmung. Wenn Sigmar Gabriel und Marietta Slomka sich in wechselseitiger Patzigkeit hochschaukeln, gewinnen wir eine Woche Fegefeuer daraus, und weil die Liebe der Eliten zur FDP abgekühlt ist, schieben Zeitungen und Talkshows den frisch behaarten Untoten Christian Lindner so oft in die Mikrowelle der Interviews, bis er fast auf Körpertemperatur gebracht ist. So viel Lindner war nie, so viel Desinteresse an Lindner aber auch nicht. Ja, diese FDP ist wie die Costa Concordia, innerlich abgewrackt, aber ein logistisches Wunder wird sie aufrichten. "With a little help from my press."

Wer aber denkt an die "Anschlussverwendung" der alten FDP-Unterstützer Wolfgang Joop, Mutter Beimer, Sky du Mont und Dolly Buster, an die Journalisten, die sich von der Partei nicht lösen können? Es ist wie bei Menschen, die nach einem Todesfall das Kinderzimmer unverändert lassen. Die Süddeutsche Zeitung führt in stillem Minnedienst die FDP sogar noch in den Umfrageergebnissen auf.

Nur Dieter Bohlen, auch er ehemals FDP-Unterstützer, ist schon vom windigen Fähnchen gelaufen und lässt sich einen Wahlkampfauftritt in Österreich teuer bezahlen. Dort leben laut Wissenschaft noch 19 Angehörige von Ötzi, aber wie viele von ihnen sind im Team Stronach, der die Todesstrafe im Programm hat? Jetzt war auch Dieter Bohlen dabei und leistete seinen Beitrag dazu, dass etwa 30 Prozent aller Österreicher politische Gruppierungen mit rechtem Profil wählten.

Ja, wir erregen uns gern, selbst was uns sachlich egal sein könnte, bringt uns gefühlsmäßig auf die Palme: Wir sagen nur "Limburg" und sind schon überwärmt. Der Bischof mag ein Verschwender sein, aber bis heute hat der Staat einen Verfassungsauftrag aus dem Jahre 1919 nicht umgesetzt, nach dem den Kirchen keine Entschädigung für frühere Enteignung mehr zusteht. Knapp eine halbe Milliarde Euro jährlich werden trotzdem immer noch an die Kirchen bezahlt. Das erhitzt uns nicht. Im Bau von Tebartz-van Elst aber wird noch Wochen nach seiner Flucht herumgestochert, als ginge es um Relevanz.