Wladimir Putin bei einem Besuch in seiner alten Heimatstadt Dresden 2006 © epa Dmitry Astakhov/Pool

DIE ZEIT: Fünf Jahre lang lebte Wladimir Putin in Dresden, von 1985 bis zum Mauerfall. Wie hat ihn diese Zeit geprägt?

Boris Reitschuster: Ich kenne Leute im Kreml, die sagen, Putin würde ohne seine Dresden-Erfahrung nicht einen solch autoritären Kurs verfolgen. Diese Zeit war überaus wichtig für ihn. Wenn Putin heute demonstrierende Menschen etwa in Kiew sieht, dann kommt in ihm eine Angst hoch, die er wohl in Dresden das erste Mal so gespürt hat. Um ihn zu verstehen, muss man den kleinen KGB-Mitarbeiter in Sachsen kennen, der er damals war.

ZEIT: Wieso kam er hierher?

Reitschuster: Putin war vom sowjetischen Geheimdienst geschickt worden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er begeistert davon war. Jeder KGB-Mann träumte davon, im Westen eingesetzt zu werden; oder – wenn schon in der DDR – wenigstens in Ost-Berlin. Dresden hingegen war eine unwichtige Dienststelle, und in dieser wiederum war Putin nur ein kleines Licht.

ZEIT: Was waren seine Aufgaben?

Reitschuster: Als ich Putins Stasi-Akten las, bekam ich regelrecht Mitleid. Das muss ein furchtbar langweiliger Job gewesen sein. Nach dem Motto: Wenn ein Fremder vor der KGB-Villa zu lange an der Laterne lehnte und rauchte, recherchierte Putin wochenlang, wer das gewesen sein könnte.

ZEIT: Wie kam er mit den Menschen hier zurecht?

Reitschuster: Putin war nicht so gut integriert, er ging höchstens mal in die Kneipe zum Bier trinken. Ansonsten blieb er für sich. Trotzdem schätzte er die Deutschen – für ihren Perfektionismus, ihre Disziplin. Die Gehwege in Dresden waren sauber, in Geschäften gab es Obst zu kaufen, das in Russland fehlte. Er sah hier das sozialistische Schlaraffenland. Die Sowjetunion fand damals Gefallen an Demokratie, Putin aber an der autoritären DDR.

ZEIT: ... bis zum Jahr 1989.

Reitschuster: Genau, im Dezember stürmten Demonstranten die Dresdner Stasi-Zentrale. Dann liefen sie zur KGB-Residenz, wo Putin an dem Tag das Kommando hatte. Als sie am Zaun rüttelten, reagierte Putin unsicher: Sollte er sie mit Waffengewalt vertreiben? Mehrfach rief er bei den russischen Streitkräften an, aber es hieß nur: "Moskau schweigt." Putin war total auf sich gestellt, das hat ihn geprägt. Zehn Jahre später, als Präsident im Kreml, erzählte er: An diesem Tag in der DDR habe er verstanden, an welcher Krankheit das sowjetische System litt – allein an der Lähmung der Macht.

ZEIT: Nicht am Wunsch des Volkes nach Mitbestimmung?

Reitschuster: Sehen Sie, Demokraten haben ihm seinen Traum zerstört. Daher glaubt er bis heute, dass ein Staat nur stark sein kann, wenn er seine Bevölkerung unterdrückt. Putin hat sich ein Russland gebaut, das sehr an die DDR erinnert – DDR plus Kapitalismus und Reisefreiheit. Er hat die Illusion einer Demokratie geschaffen, genau wie einst Honecker: Es gibt unterschiedliche Parteien, aber eigentlich sind das nur Blockparteien. Die Medien werden manipuliert, die Justiz wird staatlich gesteuert. Gegen Abtrünnige geht man mit alten SED-Methoden vor. Honecker wäre stolz auf ihn.

ZEIT: Putin wird "Deutscher im Kreml" genannt.

Reitschuster: Dagegen wehrt er sich auch nicht. Wahrscheinlich empfindet er es als Auszeichnung.

ZEIT: Nur ist das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland seit Jahren unterkühlt …

Reitschuster: Ja, das kränkt Putin. Er hat mir in einem Gespräch einmal stolz davon erzählt, dass seine jüngste Tochter, die in Dresden geboren ist, ihre ersten Worte auf Deutsch sagte. Er schätzt die Deutschen und versteht nicht, warum sie ihm die kalte Schulter zeigen.

ZEIT: Was gibt es denn nicht zu verstehen an der Forderung, die Menschenrechte einzuhalten?

Reitschuster: Putin hält das Menschenrechtsargument für einen Vorwand. Er glaubt, dass die Demokratie überall nur gespielt sei. Und dass der Westen eben geschickter spiele als Russland.

ZEIT: Bundespräsident Joachim Gauck wird nicht zu Olympia nach Sotschi reisen. Ärgert Putin das?

Reitschuster: Es nagt an ihm. Putin wäre so gern im Westen anerkannt! Ausgerechnet die Ostdeutschen lassen ihn auflaufen. Denn sie durchschauen ihn. Sie verstehen genau, dass er die Demokratie öffentlich preist und insgeheim hasst. Merkel kennt diese Strategie aus der DDR. Gauck auch.

ZEIT: Gerhard Schröder eher nicht, er nannte Putin bekanntlich einen lupenreinen Demokraten.

Reitschuster: Im Kreml hörte ich den Witz, dass Putin ja lebenslang gelernt habe, Gefolgsleute anzuwerben – Schröder sei da sein Meisterstück.

ZEIT: Putin ließ einen sächsischen Bäckermeister nach Russland kommen. Er hat sich mit der Stollenmanufaktur einen Teil seiner Dresden-Erfahrung zurückgeholt. Ist das typisch für ihn?

Reitschuster: Absolut, Putin ist ein Pascha. Gefällt ihm etwas, will er es eins zu eins importieren. Nur begreift er eben nicht, dass die Wirtschaft nur dann erfolgreich funktioniert, wenn die Menschen frei sind.