Die Lage in der Ukraine ist verfahren. Sie ist ernst. Und sie könnte hoffnungslos werden, wenn nicht alle Seiten Umsicht walten lassen – Putin vor allem, aber auch die Europäer und Amerikaner, und nicht zuletzt die Ukrainer selber. In dieser Lage hat es keinen Sinn, sich etwas vorzumachen.

1. Wie es heute aussieht, wird sich eine Mehrheit der Krim-Bevölkerung am kommenden Sonntag für den Anschluss an Russland aussprechen. Die Frage, ob dies letzthin auf die Einschleusung russischer Truppen zurückzuführen ist oder auf den Druck einheimischer prorussischer Bürgerwehren, wird danach nur noch akademischen Fußnotenwert haben.

2. Der Westen wird es an pflichtgemäßen Protesten nicht fehlen lassen, an wohlfeiler Empörung, an Berufungen auf das Völkerrecht. Doch gibt es keine völkerrechtliche Norm, die Sezession verbietet. Im Falle Kosovo ist der Westen gegen Serbien in den Krieg gezogen, um die Abspaltung der Kosovaren von Serbien zu ermöglichen. Die Russen, kurioserweise, waren damals, anders als heute, gegen jegliches Sezessionsrecht; so biegt sich jeder je nach Sachlage die Dinge zurecht.

3. So sehr sich der Westen auch darüber empören mag – vor der Kulisse der Geschichte ist die Heimkehr der Krim nach Russland nicht gänzlich ohne Berechtigung. Die Halbinsel gehörte seit der Zeit Katharina der Großen, deren Bildnis das Büro der Bundeskanzlerin ziert, zu Russland.

Im Jahre 1954 verschenkte der Ukrainer Nikita Chruschtschow sie an die ukrainische Sowjetrepublik. Zwei Drittel der Bevölkerung sind Russen. Die 170 Kriegsschiffe der russischen Schwarzmeerflotte haben in Sewastopol ihren Heimathafen; der Marinestützpunkt ist Russland bis 2042 vertraglich zugesichert. Die Russen haben sich so wenig mit der Abspaltung der Krim abgefunden, wie sich die Amerikaner damit abfinden würden, dass ein US-Präsident Kalifornien den Mexikanern übergäbe.

4. Etwas ganz anderes wäre es, wenn Putin sich auch der Ostukraine bemächtigen wollte. Dies könnte und dürfte sich der Westen nicht bieten lassen. Wobei sich allerdings niemand einbilden sollte, dass eine militärische Reaktion machbar oder verantwortbar wäre; selbst der Falke im US-Senat, John McCain, räumt dies ein. Die Nato ist nicht in der Lage, mit konventionellen Streitkräften einzugreifen. An einem Atomkrieg jedoch darf niemand auch nur denken; er ließe weder von der Ukraine noch von den Kontrahenten in Ost und West viel übrig. Es bliebe nur eine einzige Alternative: Kalter Krieg.

5. Ein neuer Kalter Krieg, das muss man sich illusionslos klar machen, wäre weit schlimmer als der 1990 abgeschlossene Ost-West-Konflikt. Damals standen einander zwei wirtschaftlich so gut wie unverbundene Machtblöcke gegenüber. Heute sind Ost und West kommerziell und finanziell eng miteinander verflochten. Die EU ist Russlands größter Handelspartner, das Volumen des Güteraustauschs beläuft sich auf rund 400 Milliarden Euro (USA-Russland: ganze 40 Milliarden). Deutschland bezieht 39 Prozent seines Erdgases und 35 Prozent seines Erdöls aus Russland; 6.000 deutsche Unternehmen sind in Russland mit Niederlassungen, Produktionsstätten und Investitionen aktiv.

Die westeuropäischen Banken, zumal die Finanzplätze London und Zypern, machen blendende Geschäfte mit Russen. Ein neuer Kalter Krieg würde Westeuropa in die nächste Wirtschaftskrise stürzen. Bliebe das russische Erdgas aus, würde es nach 129 Tagen kalt in unseren Wohnungen; so lange reichen derzeit die Reserven. Die Energiewende, nach der ja vor allem Gaskraftwerke unsere Stromversorgung sichern sollen, könnten wir uns hinter den Spiegel stecken.  

Ein westlicher Handelsboykott würde zwangsläufig in verschiedenen Branchen Hunderttausende Arbeitsplätze gefährden. Niemand kann einen derart verheerenden Wirtschaftskrieg wirklich wollen ...

6. Bundeskanzlerin Merkel und ihr Außenminister Steinmeier wollen ihn gewiss nicht. Dafür müssen sie sich gefallen lassen, von den Rechten im Lande als "Putin-Versteher" angeschwärzt zu werden: als Appeasers also, Beschwichtiger, ja: Kapitulanten. Unheilige Einfalt! Diplomatie bietet die einzige Chance, das Schlimmste zu verhindern. Womöglich bleibt sie vergeblich. Den Vorwurf, nicht alles versucht zu haben, dürfen wir uns jedoch nicht zuziehen.

7. Die Ukraine als Brücke zu sehen, habe ich vor zwei Wochen beiden Seiten empfohlen; nicht zu versuchen, sie ins eigene Lager zu ziehen; ihrer Doppelnatur gemäß sie in die Netzwerke der EU einzubinden wie in das geschichtlich gewachsene Beziehungsgeflecht mit Russland. In seiner jüngsten Kolumne trug Henry Kissinger dasselbe Argument vor: "Viel zu oft wird der Fall der Ukraine als Showdown dargestellt: ob die Ukraine dem Westen beitritt oder dem Osten. Wenn aber die Ukraine überleben und gedeihen soll, dann kann sie nicht der Vorposten der einen gegen die andere Seite sein – sie sollte vielmehr als Brücke zwischen ihnen dienen."

Mit einem einzigen Satz rückt Kissinger der Weltöffentlichkeit darüber hinaus ins Bewusstsein, worum es im letzten Grunde geht: "Die Ukraine als Objekt einer Ost-West-Konfrontation zu behandeln, hieße auf Jahrzehnte hinaus jede Chance vertun, Russland und den Westen (besonders Russland und Europa) in ein kooperatives internationales System zu bringen."

Ein Satz, der auch die Putin-Nichtversteher nachdenklich stimmen sollte.