Ein Kaufmann will mehr

Emil Schneider (1828 bis 1895) beschreibt seine Zeit als Lehrling in einem Eisenhandelsgeschäft in Berlin

Samstag, den 11. Oktober 1845

Heut ist mein 17. Geburtstag, und heute will ich dies Tagebuch beginnen, welches ich so lange, als es Gott beschlossen hat, zu führen und worin ich auch das Unbedeutendste und Geringste, was mir begegnet, aufzuzeichnen gedenke.

Mein Geburtstag wurde heut nicht gefeiert, da morgen als an einem Sonntage ich besser Gelegenheit habe, mich aus dem Geschäfte frei zu machen. Meine Eltern und Geschwister gratulierten mir vorher bei meiner Zurückkunft aus dem Geschäft, an das ich bis acht Uhr gefesselt bin, sehr herzlich.*

Freitag, den 17. Oktober 1845

Jetzt will ich eine kurze Übersicht meines äußeren täglichen Lebens geben. Ich schlafe zu Hause bei den Eltern. Des Morgens um sechs (im Winter sieben) gehe ich nach dem Geschäft. Dies ist dann schon in der Regel geöffnet, mir bleibt dann nur noch das interessante Geschäft des Fensterladenöffnens in unserer Niederlage. Dann wird Kaffee getrunken, und dann muss ich die Hälfte des Ladens abstäuben. Dann beginnt die Arbeit. Obgleich ich mich nun auf alle Weise jetzt schon bestrebe, höhere Obliegenheiten zu den meinigen zu machen, so lassen mir meine besonderen Pflichten als jüngster Lehrling (Steinkohlen zu verkaufen und Nägel zu packen; diese geisttötendste Beschäftigung, die ich kenne und verabscheue) wenig Zeit dazu.

Dienstag, den 21. Oktober 1845

Ach, ich möchte lernen, lesen, denken, fühlen, meine Fantasie und meinen Geist beschäftigen und auf die herrlichen Höhen der wissenschaftlichen Tätigkeit führen, aber ach, die Zeit, die ich mein nennen kann, sie ist so kurz, so bemessen.

Samstag, den 25. Oktober 1845

Je mehr Geltung ich im Geschäft gewinne, desto mehr mache ich Rückschritte in meinen Kenntnissen. Am Abend hatte ich englische Stunde. Leider kam der Engländer erst gegen neun Uhr, sodass die Stunde bis nach zehn Uhr dauerte, worüber der Vater ungehalten war.

Freitag, den 31. Oktober 1845

Heut war ich ganz wieder Mensch, ich fühlte die Last meiner Pflichten weniger, ich sah die Fehler meiner Mitmenschen mit milderen Augen an, ich sang, wenn ich konnte, ich arbeitete im Geschäft tüchtig und freute mich darüber, dass mich meine Umgebung zu achten anfängt.

Montag, den 3. November 1845

Sollte nicht jeder Mensch bemüht sein, wenn er sieht, wozu der menschliche Geist fähig ist, den seinigen auf die größtmögliche Höhe zu führen? Ach! Wer es kann, der tut es nicht, und wer es gern tun möchte, der kann es nicht!

Sonntag, den 30. November 1845

Um vier Uhr machten der Vater, Jettchen und ich eine Promenade zum Tore hinaus zu dem Trautwienschen Kaffeehaus, die trotz des unaufhörlichen Regens höchst ergötzlich war.

Montag, den 1. Dezember 1845

Ist es denn ein Wunder, wenn gerade unter den Kaufleuten so viele gottlose, jämmerliche Menschen es gibt? Tag für Tag an die elendsten Interessen gefesselt, an die Sorge für sein eigenes Ich, wie kann er da die Seele erheben zu einem edlen, schönen, großen Gedanken, zu Gott, zur Unsterblichkeit?

Donnerstag, den 18. Dezember 1845

Meine Lektüre ist jetzt Humboldts Reise in Amerika. Zugleich lehrreich und interessant, spricht sie mich sehr an.

Freitag, den 19. Dezember 1845

Diese trotz der Mannigfaltigkeit so einseitigen Beschäftigungen, dieses gehaltlose Geschwätz, dieses Ärgern und Hassen meiner Kollegen untereinander und dann das so falsch angewandte Lärmmachen und Räsonieren meines Lehrherrn, der selbst seinen Leuten mit einem lächerlichen Beispiele vorangeht, machen mir alles zum Überdruss, und wenn ich nicht hoffend auf die Zeit der Freiheit nach den Lehrjahren sähe, würde ich jetzt von der eingeschlagenen Bahn, wenn es von mir abhinge, umkehren. Was hilft mir ein Beruf, dem ich zwar mit Ehre vorstehen kann, der mich aber immer öde, leer und unglücklich macht!

Mittwoch, den 31. Dezember 1845

Heut wird das alte Jahr zu Grabe getragen. Wir haben im Familienkreise der alten Sitte durch das Trinken einiger Gläser Punsch, wobei Vater launige schlesische Lieder uns vortrug, genüge getan, und jetzt, da ich dies schreibe, ist es halb zwölf.

Was wird das neue Jahr mir bringen? Werde ich am nächsten Silvester denselben Kreis der Meinigen mit derselben Ruhe sehen?