Alles wird schlechter, das Niveau sinkt ins Bodenlose, der Mist wächst stapelweise: Nichts eint den ja oft uneinigen Literaturbetrieb so sehr wie die gute alte Kulturkritik; einträchtig gibt man sich hier der süßen Klage namens Niedergang hin.

Doch das eigentliche Drama für den leidgeplagten Leser lag auch 2013 im genauen Gegenteil: Die Qualität breitet sich unaufhaltbar aus. Es ist ein Irrglaube, dass der Buchliebhaber unter dem Trash ächzen würde; den kann er nämlich virtuos umkurven.

Wirklich zu schaffen macht ihm hingegen die Masse des Guten, die tagtäglich auf den Buchmarkt drängt. Hier herrscht die permanente Überforderung durch ein wachsendes Riesenangebot, zumal jeder sich ausrechnen kann, wie viel er bis zu seinem Lebensende noch lesen kann, wenn man großzügig vier Bücher pro Jahr ansetzt. Zwangsläufig führt das zu Optionsparalyse.

Soll man zu einem der furchtbar herrlichen Bände des Manesse-Verlags greifen, der mit untrüglicher Spürnase vergessene Schätze der Weltliteratur hebt? Oder zu Giorgio Vasaris Künstlerviten aus dem 16. Jahrhundert, deren Edition in 45 sagenhaft günstigen Bänden über Michelangelo und Co. bald abgeschlossen sein wird – im Wagenbach-Verlag, der 2014 seinen 50. Geburtstag feiert. Oder endlich den Roman Alles andere als ein Held des kürzlich verstorbenen Rudolf Lorenzen lesen; die Werke dieses großen Unbekannten erscheinen im Berliner Verbrecher Verlag – nomen est omen –, der 2014 den Kurt-Wolff-Preis bekommt. 

Durch Lesezwang geradezu unfröhlich stimmt einen der Verlag Matthes & Seitz, vor allem mit seiner Reihe Fröhliche Wissenschaft, bei der man nie weiß, wo man anfangen soll – was ausnahmslos auch für jeden Titel der Friedenauer Presse gilt oder die schrecklich hinreißenden Bücher des Weidle Verlags. Besonders schlimm ist der Terror der Klassikerneuübersetzungen; die Qual der Wahl unter den diversen Meister und Margaritas von Michail Bulgakow raubt einem den Schlaf – und Hanser verschont uns auch 2014 nicht und lässt Nathaniel Hawthornes Scharlachroten Buchstaben auf uns los.

Aber Jammern hilft nicht, denn das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher. Seien wir also heroisch, und stellen wir uns auch im kommenden Jahr der unendlichen Fülle des Guten, Wahren, Schönen.