Das Feldlager Faisabad in Afghanistan (Archivbild von 2012) © Can Merey/dpa

Ausgestorben. Dieses Wort kommt einem in den Sinn, wenn man das ehemalige Bundeswehrlager in Faisabad betritt. Ein Jahr nach dem Abzug der Deutschen sind die Straßen des Camps leer. Von den 200 Männern der Bereitschaftspolizei ANCOP, die hier stationiert ist, sind anwesend: Kommandeur Sardar Mohammad Hakimi, sein Bodyguard mit Kalaschnikow, ein Diener, ein Koch und zwei Gehilfen, ein Funker, vier Wachen.

Die Bundeswehr ist vor einem Jahr aus der Stadt im Nordosten Afghanistans abgezogen. Die Soldaten sollten die Provinz stabilisieren und afghanische Sicherheitskräfte ausbilden. Vergangenen Herbst übergaben sie einen großen schwarz-rot-goldenen Schlüssel an ihre afghanischen Nachfolger und wünschten "bei der Bewältigung aller Aufgaben hier in Badachschan alles Gute".

Es ist kurz nach Mittag, fünf junge Polizisten schlendern durchs Tor. Sie kommen aus dem Urlaub. Kommandeur Hakimi geht ihnen entgegen. Begrüßt, drückt Hände, scherzt. Dann nimmt er einen von ihnen beiseite. "Wo wart ihr so lange?", fragt er. "Ich hatte euch 14 Tage erlaubt – nicht 25." – "Kommandeur, Sie wissen doch, wie gut es tut, die Familie zu sehen." Hakimi widerspricht nicht. Er sagt: "Mach dich schon mal bereit. In drei Tagen fahren wir nach Boschan."

Boschan ist ein Dorf im Distrikt Warduj, 50 Kilometer von Faisabad entfernt. Hakimis Leute kämpften dort seit Monaten gegen Aufständische: ein Drittel Taliban, zwei Drittel Kriminelle. Schon zu Bundeswehrzeiten gab es in dieser Gegend immer wieder Gefechte. Nun versuchen die Polizisten, in den Bergen Wardujs zwei Checkpoints zu halten. Hakimis Leute seien dort zu Dutzenden gestorben, berichtet er. Im März habe er noch 350 Männer befehligt, inzwischen seien es 200. Die anderen seien entweder tot oder geflüchtet.

Boschan ist ein Ort, der ahnen lässt, was nach dem Abzug der Nato passieren könnte.

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Als die Isaf-Truppen 2001 nach Afghanistan kamen, sollten sie Kabul sichern und der Regierung helfen, den Staat von der Hauptstadt aus neu aufzubauen. Nach zwei Jahren beschloss man, die Macht der Zentralregierung ins ganze Land auszuweiten. 2004 kamen die Deutschen nach Faisabad, in die Hauptstadt der Provinz Badachschan. Die Taliban konnten sie nie erobern.

Als die Bundeswehr abzog, kämpften Militär, Geheimdienst und Polizei in acht der 27 Distrikte gegen Aufständische. Heute haben sich die Kämpfe auf zwölf Distrikte ausgeweitet. Manche waren wochenlang nicht erreichbar, weil Aufständische die Straßen sperrten. Zweimal kamen die Deutschen zurück nach Faisabad, mit Aufklärern, Hubschraubern und Sanitätern. Afghanische Regierung und Bundeswehr lobten den Erfolg ihrer gemeinsamen Operationen, aber in Wahrheit wurden die Aufständischen nur von einem Distrikt in den nächsten vertrieben. Ihre Macht in der Provinz wächst.

Fragt man Hakimi, wie es in Badachschan läuft, erzählt er eine Stunde lang von den Gefechten der letzten sieben Monate. Neben ANCOP gibt es Armee, Geheimdienst, Grenzpolizei, Polizei und Kommunalpolizei. Hakimis Erzählungen sind also nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was in Badachschan passiert. Trotzdem zeigen sie, dass einiges schiefläuft bei dem, was die Bundesregierung "Übergabe in Verantwortung" nennt.