Man weiß ja, dass das Mittelalter finster war, dreckig und wüst. Dass es noch keine Haarkuren gab und keine bonusheftgepflegten Zähne. Mehr muss man eigentlich nicht wissen. Und doch kann die deutsche Filmindustrie offenbar nicht genug bekommen von jener schlecht beleuchteten Zeit. In gleich zwei von Nico Hofmanns Ufa produzierten Buchverfilmungen tritt sie uns nun entgegen: im ZDF-Zweiteiler Die Pilgerin und in Philipp Stölzls Der Medicus, der im Kino anläuft.

Letzterer erzählt frei nach Noah Gordon von einem Engländer, der im 11. Jahrhundert auszieht, um in Persien zum großen Heiler zu werden. Visuell ist der Film zwischen marokkanischen Landschaftspanoramen und bieder inszenierten Studioaufnahmen angesiedelt. Wie kann es eigentlich sein, dass eine 26-Millionen-Euro-Produktion aussieht, als brenne in jeder zweiten Einstellung dieselbe Ölfunzel?

In der Pilgerin wiederum stellt man erfreut fest, dass selbst im Mittelalter spielende Geschichten mit dem Satz aller Sätze ihr Ende finden können. Wenn alles Gehölz und aller Rindenmulch durchschritten und alle Schlachten geschlagen sind – dann heißt es: "Und jetzt küss mich!" Die Streicher mayonnaisen, die Baumwipfel biegen sich, und Tilla, die Heldin des neuen ZDF-Historienfilms (5. und 6. Januar), liegt in den Armen eines Sebastians. Tilla (Josefine Preuß) hat einiges durchgemacht, seit sie aufgebrochen war, um das Herz ihres Vaters zu begraben, nahe Santiago de Compostela, wo auf dem Jakobsweg bis heute Erleuchtungstouristen einfallen, worüber Komödianten Erlebnisberichte schreiben, die Bestseller werden. Die Pilgerin war übrigens auch einer, verfasst vom Autorenduo Iny Lorentz, in Deutschland weltberühmt, seit Sat.1 unlängst Die Wanderhure fürs Fernsehen adaptierte.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Mit Sex hat Tilla, trotz etlicher Gelegenheiten, allerdings nichts am Hut. Es geht um Wesentliches. Was uns verirrten Geistern überhaupt noch Halt spende, fragt dieser Film. Und er antwortet: Keuschheit und Demut. Diese Tugenden werden forthin in großer Ereignisdichte erprobt. Tillas Vater wird zu Beginn ermordet von ihrem Bruder Otfried, sie selbst an einen feisten Kaufmann verheiratet (der vor der Hochzeitsnacht stirbt), sie flieht, mit Kurzhaarfrisur als Mann getarnt, und schließt sich einem Pilgerzug an, dessen Mitglieder rein namensmäßig einem Kegelclub aus Hannover angehören könnten: Manfred, Dieter und Hermann. 

Mit wechselnden Begleitern durchlebt Tilla unentwegt Gefahren und Gefühlswallungen und guckt dabei recht naturtrüb bis besorgt. Einmal fällt das Büßerkreuz ins Moor, ein anderes Mal droht Verhauenwerden durch Räuber am Waldessaum. Viel heißes Öl fließt in Wunden, und es wird oft in Flüssen gebadet, damit Tillas Tarnung auffliegen könnte. Plötzlich: Schlange in der Hose! Man ahnt, dass es auch um Emanzipation gehen soll, um die alte Geschichte von einer Frau, die ihren Weg macht. Aber da dem Film dazu nicht mehr einfällt als Sentenzen wie "Was weißt du schon, was es heißt, eine Frau zu sein?", will man ihn gar nicht weiter mit Thesen beschweren. Zwischendurch werden der Atmosphäre wegen Marktszenen eingespielt mit Gemüse, das die Kochsendungen im Vormittagsprogramm ohne hygienische Einwände übernehmen könnten.

In den Dialogen schreibt sich weitgehend die Tragödie deutscher Fernsehkonfektion fort, die kaum mehr verlangt als die Indolenz ihres Zuschauers: "Er wird sterben." – "Das müssen wir alle." Otfried sagt an einer Stelle: "Die Leute lieben einfache Geschichten." Und das klärt immerhin die Frage, woher die kuriose neue Faszination fürs Historiendrama in Deutschland kommt, für dessen gartenzwerghafte Vorstellungen von Reinheit und Rechtschaffenheit und der Trias aus Glaube, Liebe, Hoffnung. Hier herrschen niemals Zweifel an der generellen Verfasstheit der Welt, Schicksal ist Schicksal, Vorsehung ist Vorsehung, Gut und Böse sind klar unterschieden.

Vielleicht besteht darin die größte Sehnsucht, die Filme wie Die Pilgerin und Der Medicus befriedigen. Nach Übersichtlichkeit, nach Beruhigung. Nach Zeiten, da wichtige Dokumente von berittenen Schurken abgefangen wurden und nicht von der NSA. Es ist ein Kreuz. Man gähnt um Gnade.

Änderung vom 27.12.2013: In der ursprünglichen Version des Artikels fehlte die Erwähnung der Verfasser von "Die Pilgerin".