DIE ZEIT: Herr Szymczyk, was haben Sie vor für die nächste Documenta?

Adam Szymczyk: Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Und es wäre ja auch furchtbar langweilig, wenn ich es schon wüsste. Gut, ich habe schon ein Konzept, doch ob das am Ende trägt, ob die Ausstellung dann überhaupt etwas mit diesen ersten Ideen zu tun haben wird? Vermutlich eher nicht.

ZEIT: Aber ein Konzept wird es doch geben?

Szymczyk: Ich könnte Ihnen das jetzt natürlich unterbreiten, dann müsste ich Sie aber gleich danach um die Ecke bringen (lacht) . Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will daraus kein großes Mysterium machen, aber im Moment stehe ich ja ganz am Anfang, und es ist noch überhaupt nichts geklärt. Falls aber das, was ich vorhabe, klappen sollte, wird sich in Kassel ziemlich viel verändern, so viel ist gewiss.

ZEIT: Ist denn die Documenta heute überhaupt noch so wichtig? Anders als noch vor ein paar Jahrzehnten gibt es doch heute eine unüberschaubare Zahl von Großausstellungen.

Szymczyk: Doch, doch, Kassel ist nach wie vor das Zentrum der Kunstwelt, und alle fünf Jahre wieder ist die Documenta ein großes Fest. Schon allein, weil sie so unglaublich gut besucht ist, voriges Jahr kamen ja über 800 000 Menschen. Und jede Documenta sorgt für große Besucherfrequenz.

ZEIT: Sie meinen, Sie werden die Millionengrenze durchbrechen?

Szymczyk: Meine Aufgabe ist es ja nicht, die Besucherrekorde zu brechen. Aber ich freue mich natürlich, wenn sich die Besucher für die Documenta 14 interessieren.

ZEIT: Was war Ihr Antrieb, sich für die Documenta zu bewerben?

Szymczyk: Ich wurde von der Findungskommission eingeladen, an dem Auswahlprozess teilzunehmen. Aber ich will das ja eigentlich schon seit vielen Jahren machen. Als ich das erste Mal in Kassel war, 1997, als ich sah, wie großartig diese Ausstellung sein kann, da war für mich klar: Das willst du machen. Man muss nicht dem hektischen Rhythmus gehorchen wie in der Kunsthalle Basel, wo wir neun große Ausstellungen im Jahr produzieren. Für mich ist die Documenta wie ein sehr langes Sabbatical, in dem man endlich normal funktioniert. Dabei weiß ich gar nicht, ob ich das kann: normal funktionieren.

ZEIT: Kassel wird schon dazu beitragen, einen normaleren Ort gibt es vermutlich nicht in Deutschland.

Szymczyk: Ach, ich kenne schlimmere Orte.

ZEIT: Wann werden Sie umziehen?

Szymczyk: So ganz werde ich wohl im Moment nicht hinziehen, erst später. Meine Partnerin ist Künstlerin und Choreografin, da werde ich pendeln müssen.

ZEIT: Gibt es denn schon eine Liste mit den Künstlern, die Sie einladen wollen?

Szymczyk: Durch meine Arbeit als Kurator kenne ich natürlich viele, und mit manchen will ich auch unbedingt 2017 zusammenarbeiten. Lucius Burckhardt zum Beispiel, der beschäftigt mich im Moment viel.

ZEIT: Der ist aber schon seit einiger Zeit tot und ist vor allem als Soziologe bekannt.

Szymczyk: Das stimmt natürlich, aber er hat sich mit der Landschaft auseinandergesetzt, und seine Methoden sind sehr künstlerisch. Er hat die Spaziergangswissenschaft begründet, ihm ging es darum, die Umwelt bewusster wahrzunehmen und aus dem bloßen Sehen ein Erkennen werden zu lassen. Er verließ den Seminarraum, um sich bewegend der Wirklichkeit anzunähern, so wie das auf ihre Weise auch Richard Long oder Paweł Althamer gemacht haben. Und diese Ideen finde ich auch für meine Documenta interessant: dem gesetzten Rahmen zu entkommen und sich selbst zu verlieren.