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Weihnachten nahte, da ergriff der britische Premierminister noch ganz schnell das Wort. Doch die Botschaft, die David Cameron verkündete, klang nicht froh. Die "hart arbeitende britische Öffentlichkeit" sorge sich, dass Zuwanderer die britischen Sozialsysteme ausnutzten. Und weil er die Sorge teile, kündigte der Premier an, würden bereits zum 1. Januar die Regeln für Neuankömmlinge verschärft. Großbritannien solle künftig "ein weniger attraktiver Ort für EU-Einwanderer werden, die ... auf Staatskosten leben wollen".

Die Einwanderer, die Cameron meint, stammen überwiegend aus Rumänien und Bulgarien. Viele Menschen von dort sind schon nach Großbritannien gekommen, und im neuen Jahr, das ist Camerons Sorge, könnten es noch mehr werden. Damit steht er nicht allein da. Vom 1. Januar an gilt auch für Rumänen und Bulgaren die volle Freizügigkeit innerhalb der EU; sieben Jahre nach dem Beitritt der beiden Länder endet eine Übergangsfrist. Schon vor Monaten veröffentlichte der Deutsche Städtetag deshalb eine Art Hilferuf. Seitdem wird in Deutschland über "Roma-Häuser" berichtet und über "Armutszuwanderung" diskutiert.

In mancher Hinsicht wiederholt sich in Westeuropa eine Debatte, die vor zehn Jahren schon einmal geführt wurde, als die ersten acht osteuropäischen Länder zur EU stießen. Damals fürchtete man den "polnischen Klempner", der hart arbeitenden Westeuropäern die Arbeit streitig machen könnte. Heute geht es um bedürftige Roma, die in Utrecht, Duisburg oder Manchester Sozialhilfe kassieren. Der Ton dabei ist rau, parteiübergreifend, nicht nur in Großbritannien.

Wie oft, wenn es um Zuwanderer geht, fällt es nicht leicht, zu unterscheiden, was Fakten sind und was Mythen, wo die berechtigte Sorge aufhört und die politische Verantwortungslosigkeit anfängt. Zumal der 1. Januar im Schatten eines zweiten Datums steht, das die etablierten Parteien nicht minder fürchten: Ende Mai finden Europawahlen statt, und in vielen Ländern sind schon jetzt Nationalisten und Rechtspopulisten im Aufwind. Mittellose "Zigeuner", die dank der europäischen Freizügigkeit die Sozialkassen plündern – das ist der Stoff, aus dem eine Marine Le Pen in Frankreich oder ein Geert Wilders in den Niederlanden ihre Wahlkampagnen stricken.

Wie berechtigt sind also die Warnungen?

Tatsächlich sind die Menschen innerhalb der Europäischen Union mit der Osterweiterung mobiler geworden. 14 Millionen EU-Bürger gibt es heute, die zwar in der EU, aber nicht in ihrem Herkunftsland leben. Das entspricht 2,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, vor zehn Jahren waren es noch deutlich weniger. Viele Menschen sind vom Osten in den Westen gewandert. Allein 2,9 Millionen Rumänien und Bulgarien leben heute in einem anderen, meistens westeuropäischen Land.

Aufschlussreich ist ein Blick auf die bevorzugten Zielländer. Die meisten polnischen Auswanderer sind zunächst nach Großbritannien gezogen, heute leben dort fast 600.000 Polen. Die Erklärung ist einfach: Anders als Deutschland oder Frankreich hatte Großbritannien 2004 auf eine Übergangsfrist für den Zuzug von Arbeitnehmern aus Osteuropa verzichtet. David Cameron hat von einem "monumentalen Fehler" seines Vorvorgängers Tony Blair gesprochen. Dabei bestreitet auch er nicht, dass die allermeisten Polen in Großbritannien heute gut integriert sind.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Nach dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens 2007 waren es Italien und Spanien, die den Osteuropäern sofort die volle Freizügigkeit garantierten. Die Folge: Rund zwei Millionen Rumänen und Bulgaren leben heute in diesen beiden Ländern. Im Vergleich dazu sind die Zahlen für Großbritannien und Deutschland geradezu bescheiden.

Ohnehin gibt es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen der öffentlichen Erregung und der Statistik. Obwohl die Arbeitslosigkeit in Spanien groß ist, sind die Zuwanderer weitgehend akzeptiert. Allerdings gilt auch umgekehrt: Dort, wo es Probleme gibt, wie derzeit in einigen deutschen Kommunen, lassen sich diese nicht einfach mit einem Hinweis auf die Statistik beantworten, wie es die Europäische Kommission lange Zeit versucht hat.

Unbestritten ist, dass sich viele Osteuropäer auf den Weg nach Westen gemacht haben, weil in den alten EU-Mitgliedsländern mehr Wohlstand als in den neuen herrscht. Die meisten von ihnen haben dort Arbeit gefunden – häufig eine Arbeit, für die es keine einheimischen Arbeitskräfte gab oder gibt. Das gilt für hoch qualifizierte Fachkräfte, etwa Ärzte, genauso wie für unqualifizierte Saisonarbeiter.

Eher gefühlter Sozialtourismus

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) spricht von einer "Freizügigkeitsdividende": Unter dem Strich profitiert Deutschland von den Zuwanderern aus anderen europäischen Ländern, die durchschnittlich zehn Jahre jünger sind als die Mehrheitsbevölkerung. Der "Sozialtourismus" innerhalb der EU sei "eher gefühlt als real".

Der Migrationsforscher Herbert Brücker hat die Situation von Rumänen und Bulgaren in Deutschland untersucht. Die Ergebnisse finden sich in einem soeben veröffentlichten Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Auch Brücker findet keine Anzeichen für eine "europäische Armutszuwanderung", vor der der Deutsche Städtetag gewarnt hatte. Sowohl die Arbeitslosenquote als auch die Zahl der Kindergeldempfänger unter den Rumänen und Bulgaren in Deutschland liege unter dem Bevölkerungsdurchschnitt. Von den knapp 370.000 Personen aus diesen beiden Ländern, die Mitte des Jahres in Deutschland lebten, erhalten zehn Prozent Hartz IV.

Problematisch sind die Verhältnisse in Duisburg, Dortmund oder Berlin trotzdem, weil sich in einigen Stadtteilen Zuwanderer konzentrieren, die weder ein Arbeitseinkommen haben noch Hartz IV beziehen. Brücker spricht von 60 bis 75 Prozent. Nicht wenige von ihnen sind Analphabeten und haben so gut wie keine Chance, in Deutschland jemals einen Job zu finden. Unter ihnen dürfte auch der Anteil an Roma überdurchschnittlich hoch sein. Insgesamt, schätzt Brücker, sei aber höchstens jeder zehnte Zuwanderer aus Rumänien oder Bulgarien ein Rom. Ähnlich ist es in Großbritannien, Frankreich oder den Niederlanden. Die Probleme sind längst nicht so groß, wie es manche Politiker glauben machen wollen. Aber es gibt sie. Und dort, wo es sie gibt, sind die Kommunen oft überfordert.

Denn Zuwanderer, die keine Aussicht auf Arbeit haben, dürfte es eigentlich gar nicht geben. Zwar garantieren die EU-Mitgliedsstaaten Menschen aus anderen EU-Ländern grundsätzlich die gleichen Rechte wie ihren eigenen Bürgern. Aber länger als sechs Monate dürfen nur diejenigen bleiben, die ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten oder zumindest Aussicht auf eine Arbeit haben. Wer kommt, um von Sozialleistungen zu leben, kann ausgewiesen werden – so steht es in den europäischen Gesetzen. Wie streng kontrolliert wird und welche Regeln in den ersten Monaten gelten, entscheiden hingegen weitgehend die Mitgliedsstaaten. Dabei gibt es bemerkenswerte Unterschiede.

In Großbritannien, so hat es David Cameron nun verkündet, haben EU-Zuwanderer künftig erst nach drei Monaten Anspruch auf Arbeitslosenhilfe und andere Sozialleistungen. In Deutschland gilt dies seit Langem. Anders verhält es sich hierzulande mit dem Kindergeld; das steht jedem EU-Bürger zu, sobald er in Deutschland gemeldet ist.

Erst einmal holt Großbritannien also nur nach, was in anderen Ländern der Union Standard ist. Aber David Cameron geht noch einen Schritt weiter. Mittelfristig, fordert er, sollten die Mitgliedsstaaten der EU die Möglichkeit bekommen, Obergrenzen für Zuwanderer aus anderen EU-Ländern festzusetzen. Diese könnten sich nach dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen in den Herkunftsländern richten: Je höher, desto willkommener. Luxemburger wären dann in London weiterhin erwünscht, Bulgaren weniger. Die Freizügigkeit in der EU wäre de facto abgeschafft.

Was genau nach dem 1. Januar geschieht, ist schwer vorherzusehen. In Großbritannien kursiert die Zahl von 50.000 neuen Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien pro Jahr. Der Migrationsforscher Herbert Brücker rechnet für Deutschland mit 100.000 bis 180.000 neuen Zuwanderern aus diesen beiden Ländern. Im zu Ende gehenden Jahr stieg die Zahl der Rumänen und Bulgaren in Deutschland um rund 70.000.

Sorgen bereitet aber nicht die absolute Zahl der möglichen Zuwanderer. "Risiken ergeben sich aus der geringen Qualifikation der Bulgaren und Rumänen", heißt es im Bericht der IAB. Fast die Hälfte der Rumänen und Bulgaren, die 2011 in Deutschland lebten, hatte keine abgeschlossene Berufsausbildung. Im nächsten Jahr werde damit auch die Zahl der Hartz-IV-Empfänger unter ihnen steigen.

Die Populisten wird’s freuen. Und für die etablierten Parteien wird es ein Test. Aber was sagen eigentlich Rumänen und Bulgaren selbst zu der Diskussion, die über sie geführt wird? In Großbritannien hat neulich der rumänische Botschafter darauf aufmerksam gemacht, dass zwei Millionen Briten in einem anderen EU-Land lebten und von der Freizügigkeit profitierten. Mehrere Zehntausend von ihnen würden derzeit in Deutschland bei der Arbeitssuche finanziell unterstützt. So hatten es britische Medien berichtet. Auch das ist eine interessante Statistik.

Mitarbeit: Petra Pinzler