Heidegger, den viele für den genialsten Denker seiner Epoche halten, war ein bekennender Nazi. Der Mann, dessen Buch Sein und Zeit "das bedeutendste philosophische Ereignis seit Hegels Phänomenologie darstellt" (Jürgen Habermas), war ein ergebener Verehrer Hitlers und bot sich an, den "Führer zu führen". Heidegger bescheinigte dem Nationalsozialismus eine "innere Wahrheit und Größe", er feierte Hitler als charismatischen Retter und Überwinder der "Seinsvergessenheit".

Aber wie weit reichte Heideggers faschistisches "Engagement"? War es bloß eine "Verirrung", oder zieht sich ein brauner Faden auch durch sein philosophisches Werk? War Heidegger, wie der Philosoph Edmund Husserl behauptete, ein überzeugter Antisemit? Und wenn ja – warum hatte er dann so viele berühmte jüdische Schüler?

Immer wieder haben sich an Heideggers Beziehung zum Nationalsozialismus leidenschaftliche Kontroversen entzündet, und nun gibt es wieder eine: Anfang März werden im Frankfurter Verlag Vittorio Klostermann die Schwarzen Hefte erscheinen, Heideggers philosophische Notate, die er 1931 begonnen und für den Abschluss der Werkausgabe vorgesehen hatte. Herausgeber ist der Wuppertaler Philosoph Peter Trawny, der sich für Heideggers Modernekritik interessiert und ein hinreichend aufgeklärtes Verhältnis zu dessen Werk pflegt. Doch die judenfeindlichen Ausfälle in den Heften schockierten ihn so sehr, dass Trawny – auf Diskretion vertrauend – seinen französischen Kollegen einige Auszüge vorab zur Kenntnis brachte (siehe seinen nebenstehenden Beitrag).

Trawny konnte nicht ahnen, dass französische Forscher, allesamt treu ergebene Heidegger-Verehrer, einige Zitate kursieren ließen, gleichsam nach dem Motto: Wenn es schon einen Heidegger-Skandal gibt, dann wollen wir ihn wenigstens selbst inszenieren (SZ vom 11. 12. und FAZ vom 14. 12. 2013). Seitdem auch in Alain Finkielkrauts Radiosendung auf France Culture einige wenige Zitate aus den Schwarzen Heften verlesen wurden, ist die Aufregung groß, und die alten Fragen liegen wieder auf dem Tisch: Hat der vielfach angefeindete Emmanuel Faye nicht doch recht, wenn er behauptet, es gebe eine intime Verbindung zwischen Heideggers NS-Engagement und seinem Denken (siehe unser Interview mit ihm auf der gegenüberliegenden Seite)? Lässt sich die These des einschlägigen Heidegger-Jahrbuchs (Nr. 5/2009) aufrechterhalten, wonach sich eine systematische Judenfeindschaft bei Heidegger nicht zweifelsfrei belegen lässt?

Bislang argumentierten Heideggers Verteidiger so: Die Begeisterung des Meisterphilosophen für Adolf Hitler sei bereits nach einem Jahr wieder abgekühlt; bei den judenfeindlichen Auslassungen, zum Beispiel Heideggers Beschwerde über die "Verjudung des deutschen Geisteslebens", handele es sich "nur" um einen "geistigen Antisemitismus", was heißen soll: Heidegger habe mit dem rassischen Judenhass der Nazis nichts zu schaffen gehabt, er habe "lediglich" eine gewisse kulturelle Aversion gegen bestimmte jüdische Denkweisen empfunden. Dieser Antijudaismus, auch das wird gern vorgebracht, habe damals zu den intellektuellen Üblichkeiten gehört, gleichsam zur mentalen Standard-Attitüde von links bis rechts.

Es ist fraglich, ob die Behauptung vom rein "geistigen", offensichtlich ungefährlichen Kultur-Antisemitismus noch länger Bestand haben wird. In den Schwarzen Heften spricht Heidegger ausdrücklich vom "Rasseprinzip" und fügt an, die Juden hätten eine besondere "Begabung" für das "Rechnerische". Das Rechnerische ist, das muss man wissen, bei Heidegger prinzipiell abschätzig gemeint, denn wer rechnet, der denkt nicht. Die Herrschaft der Zahl, so heißt es in seinem Werk immer wieder, ist bedeutungsleer, sie erschöpft sich in "bodenlosem Scharfsinn" und abstrakter Rationalität. Das Rechnerische ist das Kainsmal des geistlosen Geistes, das Kennzeichen für das "uferlose Treiben verstandesmäßiger Zergliederung".

Nach der Bemerkung, die "rechnerisch" begabten Juden hätten historisch am längsten nach dem "Rasseprinzip" gelebt, folgt ein Halbsatz, der einem den Atem stocken lässt. Heidegger moniert, die Juden hätten alles getan, damit auf sie selbst das "Rasseprinzip" keine "Anwendung" fände, anders gesagt: Sie lebten zwar nach dem "Rasseprinzip", aber sie wollten nicht, dass man sie danach behandelt. Dieser Halbsatz ist auf vollendete Weise heimtückisch, denn Heidegger schreibt den "rechenhaften" Juden erst eine Lebensform zu (sie leben nach dem "Rasseprinzip"), um sie dann im Licht der eigenen Merkmalszuschreibung zu disqualifizieren und intellektuell auszubürgern. Wenn man legitimerweise das "Rasseprinzip" auf die Juden anwenden würde, dann hätten sie politisch, kulturell und gesellschaftlich nicht jene Macht inne, die ihnen nach Maßgabe ihres eigenen Prinzips nicht zustünde. Auch wenn es abstoßend ist, man muss diese Exklusionsphrase ausbuchstabieren, die Heidegger in voller Kenntnis der nationalsozialistischen Judenhetze zu Papier gebracht hat. Denn es ist mit Händen zu greifen, welche Behauptung er aufruft, wenn er den Juden eine partikulare "Begabung" für das "Rechenhafte" zur Last legt, das Prinzip der "bodenlosen" Rationalität: Heidegger spielt auf die in der faschistischen Intelligenz übliche Infamie an, die Juden hätten den Universalismus erfunden – die Gleichheit aller Menschen –, um selbst als Gleiche rechtlich anerkannt zu werden. Die jüdische Erfindung von Gleichheit und Moral war der Trick, um sich Macht und Einfluss zu sichern; sie begründet die Herrschaft des entwurzelten Daseins über die existenzielle Tiefe der metaphysischen Völker, die Herrschaft des bloß "Seienden" über das "Sein".