DIE ZEIT: Sie vertreten seit Langem die These, dass Heideggers Philosophie nicht nur an einigen marginalen Stellen, sondern im Kern vom Nationalsozialismus affiziert ist. Nun erwarten wir die Publikation der Schwarzen Hefte im kommenden Jahr. Ist es für Sie vorstellbar, dass diese Hefte noch einmal ein ganz neues Heidegger-Bild ergeben?

Emmanuel Faye: Ich höre schon seit Monaten, dass die Schwarzen Hefte sehr radikale und direkte antisemitische Überlegungen enthalten sollen. Die Textstellen aus den Schwarzen Heften , die jetzt in einer Sendung von France Culture verlesen wurden, haben das bestätigt. Natürlich können wir uns erst dann ein Gesamtbild von den Heften machen, wenn sie vollständig ediert sind. Auf jeden Fall ist es beunruhigend, dass Heidegger die Veröffentlichung seiner antisemitischen Überlegungen als die Krönung der Gesamtausgabe vorgesehen hat. Es sieht ganz so aus, als sei dieser radikale Antisemitismus das bewusste Ziel, das Telos seines Weges.

ZEIT: Dann wäre der Antisemitismus der eigentliche Gehalt des Heideggerschen Denkens?

Faye: Heidegger hat häufig von der Weltlosigkeit des Judaismus gesprochen. Damit spielte er auf das antisemitische Stereotyp vom geschäftstüchtigen Juden an. Aber er geht noch darüber hinaus. Die Juden sind für ihn nicht nur heimatlos, sondern auch "weltlos" . Damit rangieren sie sogar noch unter den Tieren, von denen Heidegger in den Grundbegriffen der Metaphysik im Jahr 1929 sagte, sie seien "weltarm". Die Juden haben also nicht nur keinen Platz auf der Welt, sie haben auch nie einen gehabt. Das Heideggersche Existenzial des In-der-Welt-Seins hat somit eine deutlich diskriminierende Funktion. Wer wie die Juden keine eigene Welt hat, kann auch nicht in der Welt sein. Im selben Sinne erwähnt Heidegger in den Schwarzen Heften auch wieder diese "Entwurzelung", durch die sich seiner Ansicht nach das Weltjudentum auszeichnet.

ZEIT: Würden Sie so weit gehen, zu sagen, Heidegger sei ein Faschist gewesen, der die Welt vom "jüdischen Geist" befreien wollte?

Faye: Um genau zu sein, sollte man Heidegger nicht als Faschisten, sondern als Nationalsozialisten betrachten. In seinen Vorlesungen lobt er 1933/34 die "national-sozialistische Weltanschauung" als Garantin eines "Gesamtwandels" des deutschen und sogar des europäischen Menschen. Er spornt seine Studenten an, auf das "Ziel der völligen Vernichtung" der Feinde hinzuarbeiten, die sich "in der innersten Wurzel des Daseins eines Volkes festgesetzt haben". In einem Brief an Viktor Schwoerer, der vor Jahren in der ZEIT veröffentlicht wurde, schreibt er 1929, es ginge darum, die "wachsende Verjudung im weiteren und engeren Sinne" zu bekämpfen. Er lehnt nicht nur alles ab, was aus dieser "Verjudung" im weitesten Sinn hervorgeht: den sogenannten "liberalen" Individualismus, das universalistische und rationale Denken und das "jüdische Christentum", sondern er wendet sich auch gegen konkrete Personen wie den Philosophen Richard Hönigswald, der infolge eines antisemitischen Gutachtens von Heidegger von der Münchner Universität entlassen wurde. Im Übrigen darf man auf keinen Fall vergessen, dass auch bei Hitler und Rosenberg der theologisch-politische Antisemitismus sehr ausgeprägt war. Außerdem wäre zu fragen, wie, wenn nicht durch die Vernichtung konkreter Juden, diese totale Vernichtung des "jüdischen Geistes" vonstattengehen sollte? Wie kann man den Wunsch nach einer vom "jüdischen Geist" befreiten Welt vom konkreten Mord an den Juden trennen? Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat uns bewiesen, dass dies nicht möglich ist.

ZEIT: Wie weit geht Heideggers Verwandtschaft zu NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg?

Faye: Heidegger und Rosenberg kämpften um die geistige Führerschaft in der nationalsozialistischen Bewegung. Heidegger akzeptierte allerdings, mit Alfred Rosenberg und Julius Streicher zum Ausschuss für Rechtsphilosophie der Akademie für deutsches Recht zu gehören, der daran gearbeitet hatte, die Nürnberger Rassengesetzgebung zu legitimieren. Beide Autoren ähneln sich in ihrem Bestreben, den Antisemitismus metaphysisch zu überhöhen. In den Schwarzen Heften erhebt Heidegger die dem "Weltjudentum" angedichtete "Entwurzelung" zu einer metaphysischen Angelegenheit. Auch Rosenberg erklärt in seinem Buch Mythos des 20. Jahrhunderts Ziele der nationalsozialistischen Weltanschauung zu einer Frage der Metaphysik. Es gibt eine deutliche Verwandtschaft zwischen dem, was Rosenberg den "Ruf nach eigenem Raum" nennt, und Äußerungen Heideggers in seinen Seminaren wie zum Beispiel in folgender Aussage: "Einem slawischen Volke würde die Natur unseres deutschen Raumes bestimmt anders offenbar werden als uns, den semitischen Nomaden wird sie vielleicht überhaupt nie offenbar." Der einzige Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass man die Texte, in denen Rosenberg von Metaphysik spricht, heute nicht mehr ernst nimmt. Man erkennt darin sofort die Ideologie. Bei Heidegger hält man die aus seiner nationalsozialistischen Weltanschauung hervorgehenden Positionen aufgrund seiner suggestiven Sprache hingegen für philosophisch relevant und diskutierbar.