Karl Jaspers berichtet in seiner Philosophischen Autobiographie, er habe mit Heidegger "über die Judenfrage, über den bösartigen Unsinn von den Weisen von Zion" gesprochen. Heidegger wollte dem nicht folgen. Es gebe "doch eine gefährliche internationale Verbindung der Juden". Diese Anekdote schwebte jahrzehntelang über Heideggers Denken, ohne dass es möglich war, sie zu widerlegen oder zu bestätigen. Die Veröffentlichung der ersten sogenannten Schwarzen Hefte Anfang des nächsten Jahres wird zeigen, dass Jaspers’ Mitteilung einen wahren Kern enthält.

Das "Weltjudentum" wird von Heidegger als eine Macht in den internationalen Kräftekonstellationen des Zweiten Weltkriegs betrachtet. Beinahe allgegenwärtig kontrolliere es Ökonomie und Politik. Es verkörpere Kapitalismus, Liberalismus und Modernität und damit einen Existenzentwurf ohne Heimat. Diese Zuschreibungen des "Weltjudentums" im Blick, scheint Heidegger die bereits angebrochene unübersehbare Verfolgung der Juden in den deutschen Gemeinden übersehen zu haben. Von der Niederbrennung der Freiburger Synagoge in der sogenannten "Reichskristallnacht" in der Nähe der Universität findet sich in den Schwarzen Heften jedenfalls nichts. Das "Weltjudentum" ist Heidegger zufolge eine der Mächte, die, sich der "Machenschaft" (das heißt der modernen Technik) unterwerfend, um die Weltherrschaft kämpfen. Das "Weltjudentum" habe sich zum Ziel gesetzt, die von Heidegger behauptete deutsche Sonderrolle im philosophischen Geschick des Abendlands zu durchkreuzen. Eine Idee, die nur durch die "Protokolle der Weisen von Zion" zu verstehen ist.

Die Schwarzen Hefte sind ein Manuskript, an dem Heidegger Anfang der dreißiger Jahre zu arbeiten beginnt und das er am Beginn der siebziger Jahre beschließt. Die Aufzeichnungen sind niemals privater Natur, sondern stets auf der Höhe eines sich in dieser Zeit zu seiner Reife entwickelnden Denkens. Er hatte festgelegt, dass sie ganz am Ende der Veröffentlichung der Gesamtausgabe erscheinen sollen. Einerseits konnte in den siebziger Jahren niemand absehen, wie voluminös diese Gesamtausgabe werden würde. Andererseits ist die Wichtigkeit des Manuskripts unübersehbar.

Antisemitische Äußerungen von Heidegger sind seit Langem bekannt. In Briefen an Hannah Arendt und an seine Frau Elfride finden sich Bemerkungen, die ein antijüdisches Ressentiment belegen. Eine private Voreingenommenheit gegen die Juden ist eine bedenkliche Schwäche. Sie lässt sich vor dem Hintergrund des Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts grassierenden allgemeinen Antisemitismus zwar nicht rechtfertigen, doch in ihrer Bedeutung einschränken. Nun aber ist klar, dass Heidegger dieses Ressentiment, das ich einen seinsgeschichtlichen Antisemitismus nennen möchte, zum Anlass philosophischer Gedanken gemacht hat. So erhält das Ressentiment eine andere, erschreckende Dimension.

Dabei gibt es eine ganze Anzahl jüdischer Studenten, die ihre philosophische Bildung Heidegger verdankten: Karl Löwith, Hans Jonas, Hannah Arendt, Günther Anders, Leo Strauss, Emmanuel Levinas. Er hatte einen jüdischen Assistenten namens Werner Brock, dem er nach der Machtergreifung der Nazis half. Hinzu kommt die späte Begegnung mit Paul Celan, eine flüchtige Begegnung mit Mascha Kaléko, in die Heidegger sich sogleich ein wenig verliebte. Heideggers Denken zog stärker an, als sein frühes, wie auch immer geartetes Interesse für den Nationalsozialismus abstieß. Niemand wusste etwas von einem in die Philosophie transformierten Antisemitismus. Nun ist die Frage unvermeidbar, was wohl zum Beispiel Celan über Heidegger gedacht hätte, hätte er die Schwarzen Hefte gekannt.

Von der unbezweifelbaren Wichtigkeit der Schwarzen Hefte aus gesehen, ist es verständlich, dass nun seit ein paar Wochen das Bekanntwerden einiger Passagen aus diesen Notizen in Paris zum Teil hysterische Reaktionen ausgelöst hat. Wie es in der akademischen Szene üblich ist, hatten Herausgeber der Gesamtausgabe Martin Heideggers Kollegen in Frankreich von ihrem Vorhandensein informiert. Als dann durchsickerte, dass der Verlag Klostermann noch darüber hinaus mein Buch mit dem Titel Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung veröffentlichen wird, hatten bestimmte französische Heideggerianer offenbar genug. Französische Gelehrte, die seit Jahrzehnten Heideggers Denken interpretieren, liefen sozusagen intellektuell Amok. Das Gerücht, es gebe Antisemitisches in den Schwarzen Heften, schlug augenblicklich um in öffentliche Verlautbarungen, in Lesungen und sogar in Versuche, die Herausgabe meines Buches durch Feststellung meiner Inkompetenz zu verhindern.

In einem Beitrag, mit dem der Nouvel Observateur jüngst eine "neue Heidegger-Affäre" ausgerufen hatte, zitierte er einen vorläufigen Titel meines Buches und übersetzte Passagen aus den Schwarzen Heften . Sie sollten sogleich als Beweis dafür herhalten, dass es in ihnen nach Meinung François Fédiers, des beim Verlag Gallimard wirkenden Hauptverantwortlichen der Übersetzung Heideggers ins Französische, "keinen Antisemitismus" gebe. Hadrien France-Lanord, Autor eines Buches über Heidegger und Paul Celan sowie Herausgeber eines voluminösen Heidegger-Wörterbuches, zeigte sich dagegen "tieftraurig". Sogleich übernahm er – von Trauer schier übermannt – die Initiative und rezitierte in der von Alain Finkielkraut geleiteten Radiosendung auf France Culture die meisten Stellen der Schwarzen Hefte, die Problematisches enthalten.

Das löste eine Kettenreaktion hektischer Äußerungen aus. Zunächst veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Artikel von Joseph Hanimann, der von unvoreingenommenen Lesern als eine Kampagne gegen mich interpretiert wurde. Hanimann teilt mit, dass Fédier meinen Text für "schieren Unsinn" halte, dass er "wohl mehr mit meinem persönlichen Geltungsbedürfnis als mit der Sache" zu tun habe. Am Ende des Artikels werden mir "Indiskretionen" angehängt und – ich kann es nicht anders nennen – Drohungen ausgesprochen: Ich würde meine "wissenschaftliche Zukunft" und das von mir geleitete Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität aufs Spiel setzen.

Der danach in der FAZ publizierte Artikel von Jürg Altwegg pflegt einen anderen Ton, indem er sachlich zusammenfasst, was bisher geschah, den Antisemitismus bei Heidegger jedoch vielleicht etwas vorschnell als "Debakel für Frankreichs Philosophie" bezeichnet. Inzwischen hat Günter Figal, der Präsident der Heidegger-Gesellschaft, im Deutschlandradio Kultur erklärt, dass die diskutierten Heidegger-Stellen "eindeutig antisemitischen Inhalts" seien.