Szene aus dem James-Bond-Film "Feuerball" mit Sean Connery in der Hauptrolle © MacGregor/Getty Images

Jubiläumsfeiern sind ein untrügliches Zeichen für die Historisierung, und die holt längst auch die Popkultur ein. Welche Pop-Phänomene wurden in diesem Jahr nicht alle 60 Jahre alt: Cyndi Lauper und Mike Oldfield, Fix und Foxi und das Cinemascope-Format. Ein Jubiläum blieb hierzulande seltsamerweise unbemerkt, und das, obwohl es mit einem großen Editionsprojekt aufwarten kann: Vor 60 Jahren erblickte der Brite James Bond das Licht der Welt – nicht als Leinwandheld, sondern als Romanfigur.

Wer den Geburtstag des erfolgreichsten Agenten der Popkultur feiern wollte, der musste in dessen Heimat reisen. Die Briten würdigten ihren Nationalhelden ausgiebig. Der Times etwa war jene Enthüllung Schlagzeilen wert, mit der Kate Grimond, die Nichte des Bond-Erfinders Ian Fleming, pünktlich zum Jahrestag die Öffentlichkeit beschenkte: Einem Manuskriptfund zufolge soll der Exspion Fleming seinem Helden ursprünglich den wenig einprägsamen Tarnnamen Secretan zugedacht haben, James Secretan.

Schwer zu sagen, ob mit dieser Wahl die Markenkarriere des Mannes anders verlaufen wäre, dessen Name nicht nur Buchcover und Filmplakate schmückt, sondern auch die Etiketten von Rasierwassern und die Ziffernblätter von Armbanduhren. Casino Royale hieß das Buch, in dem James Bond seinen ersten Auftritt hatte. Als es 1953 erschien, prangten jene sechs blutenden Herzen auf dem Cover, die nun auch die Einladungskarten für die Londoner Geburtstagsparty zierten. Im Carlton House im vornehmen Bezirk Westminster bot sich eine Szene wie in einem James-Bond-Film: Dicke mitternachtsblaue Teppiche schluckten die Schritte, während der Blick durch die hohen Fenster – nomen est omen – bis zum St. James’s Park schweifte.

Geladen hatte die Ian Fleming Publications Limited, die ihren beachtlichen Umsatz fast ausschließlich dem Handel mit den Rechten am fiktionalen Charakter verdankt – ein Millionengeschäft. Zwischen den Mahagoni-Regalen erhob Marken-Managerin Corinne Turner ihr Glas denn auch gleich zweimal: einmal auf den Erfinder und einmal auf seine Kollaborateure in der Verlagswelt. In den Gläsern schwappte zwar nicht der obligate Vesper Martini, doch stießen die geladenen Verleger umso lieber mit der Rechteinhaberin an, als diese kürzlich ihre Entscheidung revidiert hatte, E-Books künftig direkt an die Leser zu vertreiben. Die Backlist wird nun komplett von Vintage Publishing vertrieben, einer Tochter des Verlagsriesen Random House. Das dritte Mal hob Turner ihr Sektglas auf den eigentlichen Stargast des Abends, einen hochgewachsenen Mann mit grauen Schläfen: William Boyd.

Nachdem die Romane Flemings mittlerweile mehr oder weniger originalgetreu verfilmt sind und sich eine Handvoll Autoren bereits in Fortsetzungen versuchen durfte, hat man die Lizenz zum Schreiben an den 1952 geborenen Briten weitergereicht. Bekannt ist Boyd für Bestseller wie Ruhelos oder Eine große Zeit. Sein neuer Bond-Roman, der auf Deutsch im Berlin Verlag erscheint, spielt im Jahr 1969. Boyd bedient darin einen Mad Men- Effekt: Seinen Helden versetzt er zurück in die Epoche, in der es am Flughafen weder Sicherheitschecks noch Rauchverbot gab. Solo lautet der in allen Sprachen funktionierende Titel des Buches. Zum einen, weil Bond darin einen Alleingang riskiert. Zum anderen wegen eines der im Bond-Universum so wichtigen Details: Mit etwas Fantasie findet man im Wort Solo eines der Markenzeichen des Agenten mit der Lizenz zum Töten – das "Double-O".

Das Buch ist Teil einer Mission im Dienste des internationalen Buchhandels, der abermals auf die alte Geheimwaffe Bond setzt. Doch sie ist heikel. Denn so stark Bond zuletzt auf der Leinwand war, so sehr schwächelt er auf dem Papier. An kaum einer Figur lässt sich der Medienwandel des 20. Jahrhunderts so beispielhaft nachvollziehen wie an dem geheimen Agenten Ihrer Majestät: Vom Romanhelden über die Comicfigur bis in den Film und ins Computerspiel führte sein langer Marsch durch die Mediengeschichte. Die Schriftlichkeit verblasste hinter der Strahlkraft der bunten Bilder dabei allmählich wie dünne Tinte. Zwar ist der 1964 verstorbene Autor Fleming als Bond-Erfinder noch bekannt, doch gelesen werden seine Romane selbst von erklärten Fans der Filme kaum noch. Dies soll sich nun ändern. Boyds Auftrag ist es, den Kinoerfolg wieder zurück auf die Buchseiten zu holen und dabei nahtlos an die Bond-Romane aus den fünfziger und frühen sechziger Jahren anzuknüpfen.