An einem klirrend kalten Abend in den bolivianischen Anden macht sich die 15-jährige Arbeiterführerin Lourdes Juana Sánchez Cruz auf den Weg, ihr Land zu verändern. Sie steht in einer finsteren Straße am Rande der Stadt Potosí und blickt sich ungeduldig um. Das Taxi, das sie zum Bus bringen soll, ist schon da, aber ihre Eltern lassen auf sich warten.

"Mamita!", ruft sie. "Macht schnell! Sonst fahren die anderen ohne mich!"

Lourdes hat sich fein gemacht. Sie hat Kajal aufgetragen und die blaue Schutzweste, in der sie auf dem Friedhof die Gräber der wohlhabenden Leute putzt, gegen einen selbst gehäkelten Poncho getauscht. Über ihren Kopf hat sie eine dicke Wollmütze gezogen. Von ihrem Rücken hängt ein prall gefülltes Tuch. Kleider für drei Tage.

Minuten später zwängt sich Lourdes auf die abgewetzte Rückbank des Taxis, neben ihr die Mutter, eine junge Frau, deren Zöpfe ein faltiges Gesicht einrahmen. Vorn, neben dem Fahrer, sitzt ihr Vater, ein schweigsamer Bergarbeiter, der sich alle paar Minuten den Staub der Mine aus der Lunge hustet. Das Taxi setzt sich in Bewegung, und Lourdes’ vier jüngere Geschwister stehen winkend in der Tür ihres kleinen unverputzten Ziegelhauses. Das Mädchen teilt sich mit ihnen ein enges, unbeheiztes Zimmer.

Im Wagen ist es still.

Sie rollen durch eine baumlose Siedlung. Wäre es nach Lourdes gegangen, wäre sie allein zum Busbahnhof gefahren. Aber sie ist minderjährig, deshalb müssen ihre Eltern im Büro der Buslinie unterschreiben, dass sie mit der Fahrt einverstanden sind.

Wochenlang hat Lourdes auf sie eingeredet, hat ihnen erklärt, wie wichtig diese Reise sei, für ihre eigene Zukunft und die Zukunft der Gewerkschaft. Der Vater entgegnete, die Mutter brauche sie im Haushalt. Die Mutter sagte, sie mache sich Sorgen, wegen der Jungs, die mitführen.

"Ihr müsst kämpfen", sagt der Vater jetzt auf einmal in die Stille.

Ein Lächeln huscht über die Pausbacken seiner Tochter. Lourdes ist müde, es war ein langer Tag. Nach der Schule hat sie einen Teller Suppe hinuntergeschlungen, den sie auf dem Weg zur Arbeit wegen der ganzen Aufregung wieder erbrach. Wenig später saß sie auf einer Bank neben der Friedhofspforte und rief: "Grabpflege! Grabpflege!"

Ein paar Meter weiter standen achtjährige Kinder, die Blumen anboten, Zehnjährige, die Obst und Gemüse verkauften, Elfjährige, die am Boden kauerten und die Schuhe der Erwachsenen putzten. Unter den rund 130.000 Einwohnern Potosís gibt es 6.000 arbeitende Kinder. 840.000 sind es nach Schätzung des bolivianischen Arbeitsministeriums im ganzen Land. Fast jedes vierte Kind in Bolivien arbeitet.

"Ihr seid so viele", murmelt der Vater vorne im Taxi, "ihr seid stärker als die Politiker."

"Grabpflege! Kann ich helfen?" Fast eine Stunde lang liefen die Friedhofsbesucher an diesem Nachmittag achtlos an Lourdes vorbei. Dann gab ihr ein älterer, in feinen Stoff gekleideter Herr ein Zeichen. Lourdes folgte ihm im Abstand einer Schrittlänge. Sie gingen vorbei an den Grabfestungen der Reichen, an den Mausoleen der Bergbau-Kooperativen, wo große Schriftzeichen verkünden, dass hier der Dienst der Männer ende, die ihr Leben in den Minen ließen.

Der Friedhof ist groß, es ist der einzige in Potosí. An seinen Rändern stecken schiefe Holzkreuze in der Erde, dazwischen liegen namenlose Grabplatten, von der Witterung zerbrochen, über die Wege wuchert Unkraut. Anfangs war Lourdes der Friedhof unheimlich. All die Blinden, die auf ihren Höckerchen sitzen und Gebete für die Toten sprechen, gegen ein paar Münzen. Die alten Hexenweiber mit ihren Kerzenritualen. Die toten Minenkinder in ihren Gräbern.

Hinter ihrem Kunden betrat Lourdes ein Mausoleum, in dessen Wänden Gefallene des Chaco-Krieges ruhen, den Bolivien vor 80 Jahren gegen Paraguay verlor. Lourdes stieg auf einen Stein, zog eine ätzende Creme aus ihrer Westentasche und wischte und rieb an der Messingeinfassung der Grabvitrine herum, bis sie wieder glänzte. Sie polierte die Glasscheibe und kehrte mit der Hand die Reste welker Blumen vom Boden.

"Neuerdings stehlen sie ja überall die bronzenen Christusfiguren von den Gräbern", sagte der Mann und blickte Lourdes prüfend an, aber sie schaute weg, als ob sie ihn nicht hörte. Dann drückte er ihr fünf Boliviano in die Hand, umgerechnet 50 Cent, und verschwand.

Es blieb das einzige Grab, das sie an diesem Nachmittag putzte. An guten Tagen, sagt Lourdes, schaffe sie vier oder fünf Gräber, und manchmal, wenn sie sehr dreckig seien, bekomme sie acht oder zehn Boliviano für ein Grab. Von dem, was sie verdient, kauft Lourdes Bücher und Hefte für die Schule, Pausenbrot, anständige Kleidung. Dinge, für die sonst kein Geld da wäre, weil der Vater in der Mine zu wenig verdient.

Lourdes deutete auf den Berg, der sich wie eine große, schicksalhafte Pyramide über dem Friedhof und der Stadt in die dünne Höhenluft erhebt. Jahrhundertelang trieben dort oben Spaniens Konquistadoren die indianischen Ureinwohner in die Stollen, um sie nach Silber und Zinn graben zu lassen. Zehntausende starben in den Minen. Heute ist der Cerro Rico, der reiche Berg, durchlöchert und so gut wie leer. Die Bergarbeiter, die noch immer in die Schächte steigen, kratzen nur noch die Reste aus dem Stein.

Lourdes will ein anderes Leben als das ihres Vaters, der nie etwas anderes kannte als den Berg. Sie will studieren. Aber dafür braucht sie Geld.

Mit zwölf verdiente sie ihre ersten Boliviano als Küchenhilfe in einem Restaurant. Zwei Jahre später folgte sie einer Freundin auf den Friedhof, weil sie sich dort ihre Arbeitszeit selbst einteilen kann und die Schule nicht versäumt.

Als sich am späten Nachmittag der Friedhof leerte, rief Lourdes die anderen Kinder zusammen, fünf Mädchen und acht Jungen.

Gemeinsam bilden sie die Gewerkschaft der arbeitenden Friedhofskinder. Der Jüngste ist sieben Jahre alt, Lourdes ist die Älteste. Sie ist die Anführerin.

Lourdes baute sich vor den Stufen der Kapelle auf, wo sich die Kinder einmal in der Woche treffen, um darüber zu reden, wie sie sich wehren können gegen Kunden, die nicht zahlen; was sie unternehmen können gegen die Leute, die sie des Diebstahls verdächtigen, seit so viele Christusstatuen von den Gräbern verschwunden sind.