Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Es ist meiner Ansicht nach wissenschaftlich erwiesen, dass 64 Prozent der Deutschen geisteskrank sind. Darauf müssen Politik, Medien, Kirchen und Gewerkschaften sich einstellen. Die Allensbacher Meinungsforscher haben im Auftrag des John Stuart Mill Institutes eine Umfrage durchgeführt. Thema: Was soll schnellstens verboten werden, also wohl am besten schon 2014? Weit vorne, mit 64 Prozent, sind "ungesunde Lebensmittel". 64 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass "ungesunde Lebensmittel" verboten werden müssen.

Was ist überhaupt ein ungesundes Lebensmittel? Ich würde sagen, eine Person, die sich morgens zum Frühstück Strychninpaste auf den Toast streicht und Arsen in den Kaffee tut, ernährt sich ungesund. Da gebe ich eine ungünstige Gesundheitsprognose. Bei allen anderen Sachen kommt es doch auf die Dosis an. Wer jeden Tag Eisbein mit Schokolade isst, kriegt irgendwann Probleme. Einmal im Monat Eisbein mit Schokolade, das geht, sogar dann, wenn es zum Nachtisch noch Muscheln in Fett-Salz-und-Zucker-Soße gibt. Weil überhaupt keine ungesunden Lebensmittel existieren, sondern lediglich Lebensmittel, die schädlich sein können, wenn man sie ständig im Übermaß zu sich nimmt, lässt sich sagen, dass 64 Prozent der Deutschen etwas verbieten möchten, was nicht existiert. Als Nächstes verlangen sie ein Nachtflugverbot für Osterhasen und die Helmpflicht für Zombies. Das ist der erste Wahnsinn. Jetzt kommt Wahnsinn Nummer zwei.

Ich habe die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen recherchiert. Laut eine Studie der Krankenversicherung DKV ernähren sich 50 Prozent ungesund, zu viel Zucker, zu viel Fett et cetera. Das heißt, Millionen meiner Landsleute verlangen, dass der Staat ihre Lebensgewohnheiten, die viele von ihnen vermutlich gut finden und die sie jederzeit freiwillig ändern könnten, für illegal erklärt. Und es wird immer extremer. In Görlitz hat im August ein Mann die Polizei aufgesucht und verlangt, eingesperrt zu werden. Es lag nichts gegen ihn vor, er wurde nicht verfolgt. Er hatte auch keine gefährlichen Neigungen, er wollte einfach nur ins Gefängnis. Für diese Geisteskrankheit schlage ich den Namen Carcerophilie vor. Es ist eine noch unerkannte Epidemie. Aber es kommt noch wahnsinniger.

In der gleichen Allensbach-Umfrage sollten die Leute sagen, welcher Wert ihnen persönlich besonders wichtig ist. 57 Prozent antworteten: Freiheit. Ich bin kein Mathe-Fuchs, aber es ist völlig klar, dass es eine beträchtliche Schnittmenge zwischen den 64 Prozent Lebensmittelverbietern, den 50 Prozent Ungesundessern und den 57 Prozent Freiheitsfreunden geben muss. Die Lebensphilosophie von Millionen Mitbürgern ließe sich demnach so zusammenfassen: "Ich esse gern Eisbein. Persönliche Freiheit ist mir sehr wichtig. Deshalb sollte das Eisbeinessen verboten und streng bestraft werden." Nein, falsch, wahrscheinlich ist es eher so: "Ich esse gern Eisbein. Persönliche Freiheit ist mir sehr wichtig. Deshalb nehme ich mir die Freiheit, allen anderen Deutschen das Eisbeinessen zu verbieten. Sämtliche Eisbeine sind vom 1. Januar 2014 an bei mir abzuliefern."

Laut der gleichen Umfrage möchten auch 49 Prozent der Deutschen, dass "Filme mit vielen Gewaltdarstellungen" verboten werden – nach dem Kontext, in dem die Gewalt gezeigt wird, wurde dabei nicht gefragt. Mir fällt da als Erstes Die Brücke von Bernhard Wicki ein, als Zweites König der Löwen, in dem sich die Löwen und die Hyänen dauernd gegenseitig beißen. 64 Prozent der Deutschen brauchen einen Arzt.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio