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Niemand kann etwas für seinen Namen. Aber wer möchte einen Adolf als Schwager haben? Und wer konsultiert gerne einen Arzt namens Dr. Krebs? Was wir spontan mit Namen verbinden, hat großen Einfluss auf unser Leben, das bestätigt auch die Forschung. Wer etwa "Kaiser" oder "König" heißt, macht in Deutschland eher Karriere als ein "Bäcker" oder "Koch", ergab eine Studie, die britische Wissenschaftler der Universität Cambridge vor wenigen Wochen publizierten.

Sie verglichen die Position von 222 924 Berufstätigen aus der deutschen Privatwirtschaft und stellten fest, dass Menschen mit Nachnamen wie Kaiser, König oder Fürst in den Chefetagen überrepräsentiert sind: Unter tausend Managern kommt ein solcher Familienname 27-mal so häufig vor, wie nach der statistischen Häufigkeit zu erwarten wäre – und kaum einer trägt den Namen Bäcker, Bauer oder Koch.

Bei den Angestellten in niedrigerer Position erwies sich das Verhältnis dagegen als umgekehrt. Offenbar trauen Vorgesetzte den Kollegen mit Namen wie Kaiser automatisch mehr Führungsqualitäten zu – und erleichtern ihnen den Aufstieg. Genauso relevant sind Vornamen für die Karriere, stellten Psychologen der TU Chemnitz fest. Je moderner Menschen den Vornamen einer Person empfinden, desto jünger schätzen sie diese ein. Verblüffend war, dass die Testpersonen unbewusst auch sofort folgerten: je jünger, desto attraktiver und intelligenter. Eine Elfriede, von der sie nichts außer ihrem Namen wussten, erschien ihnen als dumm – eine Lea hingegen als schlau.

"Justin" gilt als leistungsschwach, "Sophie" als leistungsstark

Dass der Einfluss von Vornamen früh zum Tragen kommt, deckte 2009 eine Studie der Universität Oldenburg auf, an der sich 2000 Grundschullehrer beteiligten: In ganz Deutschland hegen Pädagogen Vorurteile gegen Kinder mit Namen wie Justin, Marvin, Cedric, Mandy, Angelina, Chantal, Maurice oder Kevin und ordnen sie einem bildungsfernen Unterschichtmilieu zu. Kevins haben es besonders schwer. Zu diesem Namen fielen den Lehrkräften am häufigsten die Attribute "verhaltensauffällig" und "leistungsschwach" ein.

Vornamen wie Charlotte, Sophie, Hannah, Alexander oder Jakob verbanden sie dagegen mit Eigenschaften wie "leistungsstark" oder "freundlich". Belegt ist zudem, dass Lehrer Schüler, denen sie mehr zutrauen, wohlwollender benoten als solche, deren Potenzial sie geringer einschätzen.

Vergangene Woche veröffentlichte der Leipziger Namenforscher Thomas Liebecke seine jüngsten Erhebungen. Felix, so stellte er nach einer Internet-Umfrage fest, ruft das Bild eines sportlichen, frechen Jungen hervor – der allerdings nicht durch Intelligenz auffällt. Als schlau (und aus wohlhabender Familie stammend) gilt hingegen Maximilian. Bei Anton denken die meisten an ein vorgerücktes Alter. Elisabeth steht für Intelligenz und Zuverlässigkeit – nicht aber für Attraktivität. Anders Emilia, hier erwarten viele eine junge, attraktive Person. Nachteilig kann der Gebrauch der Kurzform sein. Träger von Vollformen (Jennifer, Alexander, Maximilian) schätzten Liebeckes Probanden als erfolgreicher ein als eine Jenny, einen Alex, einen Max.

Viele Singles bleiben offensichtlich lieber weiter allein, als sich mit einer Chantal oder einem Kevin zu treffen.
Jochen Gebauer, Psychologe

Können Vornamen auch verführen oder Liebestöter sein? Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin von 2012 legt das nahe. Das Team des Psychologen Jochen Gebauer nutzte Rankings zur Beliebtheit einzelner Vornamen und analysierte deren Klickraten bei 47.000 Usern eines Online-Dating-Portals. Die Seiten von Männern mit dem beliebten Vornamen Alexander wurden mehr als doppelt so häufig angesteuert wie diejenige eines Kevin. Begehrt waren auch Singles namens Lena, Felix, Paul oder Hannah, während die Mikes und Chantals schlechte Karten hatten. "Viele Singles bleiben offensichtlich lieber weiter allein, als sich mit einer Chantal oder einem Kevin zu treffen", sagt Gebauer.

Wer einen unbeliebten Vornamen hat, verfügt in der Regel über ein niedrigeres Selbstbewusstsein als der Durchschnitts-Single und raucht mehr, ergab die Studie darüber hinaus. Inzwischen hat sich für das Phänomen der negativ behafteten Vornamen, die ihrer Träger Lebenschancen schmälern, der Fachbegriff Kevinismus etabliert. "Selbstverständlich bestimmt der Name nicht alles", betont Gebauer. "Aber ich denke schon, dass Eltern bei der Auswahl eine Verantwortung tragen."

Außergewöhnliche Namen bringen Probleme mit sich

Auffallend ist, dass die Experimentierfreudigkeit steigt. Allein 2012 wurden auf deutschen Standesämtern rund 50.000 verschiedene Vornamen eingetragen. Für Jungen etwa Raider, Don Armani Karl-Heinz, Sexmus Ronny, Belmondo und Ducati, für Mädchen Amsel, Maybee, Hedi-Rocky und La-Vie. Dabei haben es Männer und Frauen mit außergewöhnlichen Vornamen nachweislich schwerer als die Mehrheit. Sie landen häufiger in psychiatrischen Kliniken und in Gefängnissen. Bereits in den späten 1940er Jahren zeigte eine Untersuchung der Harvard University: Studenten, deren Vorname unter den 3000 Eingeschriebenen nur ein einziges Mal auftauchte, machten lediglich vier Prozent der Prüflinge aus – aber neun Prozent der Durchgefallenen.

Für sein Kind einen Allerweltsvornamen zu wählen mag fantasielos sein. Es hat jedoch Vorteile, möglichst oft auf Namensvettern zu treffen. Menschen helfen einander bereitwilliger, wenn sie erfahren, dass sie denselben Namen haben. In einem Experiment aus dem Jahr 2004 trugen Forscher manipulierte Namensschilder, während sie Testpersonen um eine humanitäre Spende baten. Stimmte der Name auf dem Schild mit ihrem eigenen überein, spendeten die Probanden doppelt so viel Geld.

Doch es gibt eine Grenze, von der an "Sättigung" eintritt. Dann beginnen Modenamen zu nerven. Sowohl 2011 als auch 2012 wurden für Mädchen Sophie und Marie am häufigsten gewählt. Naht da bereits der Überdruss? Experten betonen, dass sich Assoziationen zu Namen durchaus verändern. Denkbar also, dass selbst Problemnamen wie Chantal oder Kevin in ferner Zukunft salonfähig werden.

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