Polizeirazzia in Rio de Janeiro © Severino Silva/dpa

Dona Conceição hat gemerkt, dass sie aus ihrem Haus vertrieben werden soll, als sie einen hohen Zaun hinter ihrem Garten errichteten. Als es plötzlich Wachposten gab, die die Zufahrt kontrollieren, und Busse voller Touristen, die nun mehrmals pro Tag auf Schotterpisten an ihrem Grundstück vorbeiziehen. Einmal, erzählt sie und lacht, hätten die Touristen sogar bei ihr im Wohnzimmer gestanden und seien völlig entsetzt gewesen, als ihnen aus dem Badezimmer eine frisch geduschte Seniorin entgegenkam.

Dona Conceição Marins Maciel ist vor 83 Jahren in diesem weiß verputzten Häuschen mit dem Wellblechdach zur Welt gekommen – hineingeboren in einen Garten Eden. Ihr Großvater hatte sich im 19. Jahrhundert am Fuß eines steilen Berges im Wald von Tijuca niedergelassen, von dem damals niemand etwas wissen wollte, der heute aber zu den besten Wohnlagen von Rio de Janeiro gehört. Er war Gärtner im angrenzenden Botanischen Garten, man erlaubte es den Angestellten, Häuser auf diesem Stück Land zu errichten.

So lebt die alte Dame zwischen erlesenen Palmen und himmelhohen Jackfruchtbäumen. Sie schlurft mit ihrem Gehstock im Morgenmantel zwischen Kolibris und kleinen Äffchen, die Füße in grauen Socken und pinkfarbenen Flipflops.

Doch der Botanische Garten wird zurzeit schrittweise vergrößert, das Häuschen der Dona Conceição liegt bereits mitten auf dem Parkgelände. Kürzlich haben Beamte neben ihrer Eingangstür eine Markierung angebracht: SPU-369. Das ist keine Hausnummer, sondern ein Aktenzeichen. Die Bundesregierung, der das Parkgelände gehört, will die rund 600 Häuschen in dieser Gegend mit Bulldozern einebnen. Die wilde Siedlung, sagen sie, sei ein Schandfleck in der Landschaft. Man müsse der Natur wieder eine Chance geben.

Die ganze Welt schaut ein halbes Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft auf Rio de Janeiro. Eduardo Paes, der ehrgeizige Bürgermeister der Stadt, lässt Milliarden investieren, um die Stadt zur WM 2014 und zu den Olympischen Spielen 2016 zu verschönern. Das Fußballstadion Maracaña wurde fast komplett neu gebaut, zusätzliche Klärwerke sollen das Meerwasser vor den Küsten reinigen; überall entstehen Parks, Museen und Gondeln. In den Favelas hingegen, in den etwa tausend Siedlungen und Slums auf dem Stadtgebiet, rücken Polizeitrupps, Bagger und Abrissbirnen an. Nach Schätzungen von Bürgerinitiativen sollen bis zu den Olympischen Spielen etwa 30 000 Menschen umgesiedelt werden.

"Ich bin alt, ich werde hier ohnehin nicht lebend rausgehen", sagt Dona Conceição und stützt sich fester auf ihren Stock. "Wir erhalten keine offiziellen Informationen." Sie erfahre nur Gerüchte. Angeblich solle sie, wenn sie erst vertrieben worden sei, eine Sozialwohnung in der Nähe angeboten bekommen, "aber wo soll das sein, hier ist doch weit und breit gar kein Platz?" Ein Nachbar ist kürzlich fortgezogen, man munkelt, er habe 10.000 Euro Entschädigung bekommen, wofür er jedoch gar kein vergleichbares Heim finden könnte. "Keiner sagt uns, was sie wirklich mit uns vorhaben!", klagt Dona Conceição.

"Sie" – für die alte Dame und ihre Nachbarn ist es nicht mal ganz klar, wer die Verantwortlichen für diese Aktionen sind. Die Beamten der Parkverwaltung zählen sie dazu, die Politiker der Stadt und die Regierung in Brasília, sicher auch Großspekulanten und die Medien ebenso. Die Bewohner gehen davon aus, dass die geplante Vertreibung irgendwo in der vornehmen Siedlung gegenüber ausgeheckt worden sein muss – auf der anderen Seite des kleinen Tals, wo sich seit den sechziger Jahren ein Villenviertel den Hang hinaufgefressen hat.

Der Alto Jardim Botânico ist das vornehmste Stadtviertel von Rio. Dort lebte der Nationalsänger Tom Jobim (The Girl from Ipanema), der kürzlich in Probleme geratene Großindustrielle Eike Batista wohnt dort, der ehemalige Finanzminister Pedro Malan, die Oligarchenfamilie Mariani, genauso wie die Besitzerfamilie des Mediengiganten O Globo.

"Es ist absurd, welchen Wertzuwachs mein Haus zuletzt erlebt hat", sagt Beto Zornig, der einen Designerbau mit viel Glas in der obersten Straße des Alto Jardim Botânico am Hang bewohnt. Er habe es 1999 gekauft, da war es schon etwa 15 Jahre alt, und seither habe der Immobilienwert um das Zehnfache zugelegt.

Seit klar ist, dass Rio die Fußball-WM und die Olympischen Spiele ausrichten wird, steigt auch der Bedarf an Wohnraum für wohlhabende Menschen. Allein in den vergangenen zwei Jahren sollen sich die Grundstückspreise an diesem Berg verdoppelt haben.

"Der Vorteil hier oben ist, dass man ein sehr privates Leben leben kann", sagt Beto Zornig. Manche Häuser im Viertel könne man nur sehen, wenn ein Tor aufgehe; sie sind umgeben von haushohen Mauern, davor sitzen Wachmänner unter kleinen Schirmchen, die Fremde mit misstrauischen Blicken verfolgen. Beto Zornig, der sein Geld mit dem Import und Export luxuriöser Einrichtungsgegenstände verdient, hat den Vormittag auf der Veranda verbracht. Er hat den Panoramablick auf die Christusstatue, den Zuckerhut, die Lagune und die Strandviertel Ipanema und Leblon genossen.