Drei Tore gehen auf, die eines auf das andere folgen. Das erste Tor mit seinem Netzgitter ist so hoch, als wollte es selbst die Wolken am Himmel aufhalten. Ruckelnd bewegt sich das Gatter auf doppelläufigen Schienen. Eine Frau hinter Glas drückt einen Knopf, sie sieht nur flüchtig zu uns auf. Das zweite Tor: schmaler, niedriger, mit einem Schäferhund davor. Es öffnet sich mit einem Summton. Der Hund reißt kläffend an seiner Kette, springt in Richtung der Besucher. Das dritte Tor ist eine enge Abfolge von Käfigen, jeder mit zwei Türen versehen. Das Gatter hinaus öffnet sich erst, wenn das Gatter hinein ins Schloss gefallen ist. Ein weiterer Blick hinter einer Glasscheibe, eine Frau wieder, die unsere Dokumente prüft. Sie nimmt uns die Handys ab, verteilt dafür Metallplaketten. "Nicht verlieren", sagt sie dringlich.

Noch einmal öffnet sich mit elektrischem Klick eine Stahltür, sie springt auf und gibt den Blick frei auf das, was sie die rote Zone nennen und was im Amtsjargon Besserungskolonie 13 heißt. Eine schmale asphaltierte Straße führt in das Innere, ein Korridor aus Metall, links und rechts verbeulte Eisenwände. An seinem Ende stehen mehrere Reihen zweistöckiger Ziegelhäuser aus der Stalin-Zeit, deren frischer Anstrich nicht verbergen kann, wie marode sie in Wirklichkeit sind.

Zwischen der Ostsee und Wladiwostok am Japanischen Meer unterhält die Russische Föderation 1.029 Strafanstalten, aber nur sieben sind wie diese hier. Die Kolonie 13 mit ihren 1750 Häftlingen beherbergt diejenigen, die Gefängnisse normalerweise bewachen und betreiben – Polizisten, Paramilitärs, Amtsdiener aller Art. Knapp 10.000 von ihnen sitzen in den Sonderknästen in ganz Russland ein. Diese sind nicht nur zu ihrer Strafe, sondern auch zu ihrem Schutz gedacht. In den "schwarzen Zonen", wie Russlands Gefängnisse für gewöhnliche Kriminelle im Jargon heißen, müssten die Insassen der Kolonie 13 täglich um ihr Leben fürchten.

In Marschformationen begegnen uns die Delinquenten auf den Lagerstraßen, die Hände hinterm Rücken, die Köpfe gesenkt. Sie sind angehalten, beim Laufen diese Demutshaltung anzunehmen. Die, die einst Recht sprachen oder es durchsetzten, tragen jetzt schwarze Häftlingskluft mit reflektierenden Streifen an Beinen, Brust und Schultern. Selten gewähren die Behörden Journalisten Zutritt zu diesem Lager. Seine Existenz ist eine Schande, gleichzeitig aber auch ein Beweis, dass unter Wladimir Putin der russische Staat gegen die Korruption vorgeht. Das Lager ist nicht etwa ein Symbol des Zerfalls staatlicher Macht, sondern das ihrer Widerstandskraft. So wollen es die Justizbehörden verstanden wissen, die uns den Besuch der Kolonie genehmigten. Das Lager befindet sich am Ortsrand der Stahlstadt Nischni Tagil, kurz hinterm Ural, Standort der größten Panzerfabrik der Welt. Das Kupfer der Freiheitsstatue in New York soll, so heißt es stolz in der Stadt, einst aus Nischni Tagil geliefert worden sein. Vor dem Besuch der ZEIT hat die Gefängnisleitung offenbar die Gebäude neu streichen lassen, man sieht noch Kübel mit weißer Farbe.

Die Gespräche mit den Gefangenen finden im Lesesaal des "Kulturhauses" statt. Knarrendes Parkett. Ein langer Tisch, an dessen Ende sich zwei junge Offiziere der Wachmannschaften positionieren, Elias und Oleg. Der Direktor hat sie für diese Aufgabe abkommandiert. Beide scheinen darüber nicht sehr glücklich zu sein. Sie bitten darum, ihre Nachnamen nicht zu drucken. Als erster Häftling tritt Nagutschew Ruslan Salimolwitsch in den Raum, 50, Ex-Polizist, eilig in all seinen Bewegungen, so wie er es in der Kolonie verinnerlicht hat. Er legt sein Käppi ab. Das Verbrechen, das ihn an diesen Ort gebracht hat, ist eines, das sie fast alle hier begangen haben.

"Ich bin hier wegen meiner Gier", beginnt er und lächelt.

Auf dem internationalen Corruption Perception Index befand sich Russland in den letzten zwei Jahrzehnten im freien Fall. Das Land rutschte vom Platz 46, den es im Jahr 1996 hielt, auf zuletzt Platz 133. Es liegt damit weit hinter dem Bürgerkriegsland Sierra Leone und nur knapp vor dem desolaten Kongo. Die Korruption ist Russlands zweites Selbst. Die Regierung von Wladimir Putin gibt offiziell vor, sie zu bekämpfen, tatsächlich wuchs die Korruption unter ihr so heftig wie noch nie. Putin herrscht seit vielen Jahren mit einem System aus Freundschaft und Gefälligkeiten. Dieses System reproduziert sich auf allen Ebenen der Macht. Es heißt, nur wer die Korruption verstehe, könne Russland verstehen. Die Verurteilten der Kolonie 13 sind hier, weil sie es übertrieben, weil sie zu dreist waren oder im politischen Machtkampf unterlagen. Oder weil sie gar das System zum Besseren ändern wollten. Wer hier schuldig ist und wer nicht, ist oft schwer zu sagen. Denn die, die sie hierher brachten, gelten als besonders korrupt. Russlands Gerichte.

Dieser Lesesaal ist der ideale Ort, um das Monstrum Korruption aus der Nähe zu betrachten. Ein Observatorium am Rande eines Schwarzen Loches, das alles an sich zu reißen versucht.

Nagutschew Ruslan Salimolwitsch: "Mich haben sie drangekriegt. Ich wurde gefickt. Ich war erst bei der Antikorruptionseinheit und später beim Liegenschaftsamt meiner Gemeinde in der Nähe von Sotschi am Schwarzen Meer. Eines Tages kam ein Fremder zu mir, der mich mit Freundlichkeiten einwickelte. So ein Angeber mit Luxusschlitten und teurer Rolex-Uhr. Er wollte ein Grundstück, das er bereits gekauft hatte, als Eigentum ins Grundbuch eingetragen bekommen. Das dauert legal nämlich alles sehr lange in Russland. Der traf uns über acht Monate. Immer wieder. Er lud mich und die zwei anderen Kollegen zum Essen ein. Er trug eine schicke Krawatte, eine Krawattennadel, und in der Nadel war eine Kamera. Herrje, ich hab den ganzen Scheiß im Gerichtssaal mitangesehen! Der Mann war Mitarbeiter der Antikorruptionseinheit. Der hat sogar gefilmt, wie er uns ins Bordell eingeladen hatte. Drei Stunden Video. Scheiße, waren wir auf diesen Aufnahmen besoffen, unsere Gespräche bestanden zu 90 Prozent aus Schimpfwörtern. Wir haben für ihn alle Formalitäten erledigt, das war ein Haufen Arbeit, von A bis Z, und haben dafür 500.000 Rubel bekommen. 500.000 Rubel für ein halbes Jahr Arbeit, das ist doch nichts!

Am korruptesten sind die Kindergärten

Wir wurden dann im Juni 2011 verhaftet, als wir in einem Café saßen, 15 der schweren Jungs kamen, die Spezialeinheiten. Wofür? Ich versteh das nicht. Wir sind doch keine Riesen, nur Zwerge der Korruption. Meine Kinder haben meine Verhaftung im Fernsehen gesehen und geweint. Die Medien haben sofort alles gebracht, die echten Namen, Fotos, alles, ganz Russland hat es gesehen. Artikel 290, Paragraf 5. Vier Jahre habe ich bekommen.

Ich habe mich arrangiert. Es ist für mich nicht so schlimm. Ich male. Als Kind habe ich die Kunstschule besucht, und ich bedanke mich beim Personal von ganzem Herzen, dass ich die Möglichkeit habe, zu malen. Sie hängen hier meine Bilder überall auf und verkaufen sie auch. Früher habe ich surreale Kunst gemocht, jetzt male ich eher Natur. Wozu brauchen wir hier noch surreale Bilder? Surreal ist aggressiv. Naturbilder entspannen. Heute male ich gerade an einem Bild, das zeigt ein Weizenfeld und einen Bauern. Da gibt es sehr viele helle Farben, das wirkt optimistisch. Meine drei Söhne hängen sehr an mir. Die zwei Jüngeren sind erst sieben und acht Jahre alt. Ich darf von hier aus ja telefonieren. Ich lass die erzählen und erzähl wenig von mir. Ich will sie nicht belasten.

Wer neu in die Kolonie kommt, muss ein paar Regeln beachten. Ich sag allen, bleib, wie du bist. Sei kein Angeber. Es kommt nicht gut, wenn du überall erzählst, was für ein großer Hecht du draußen warst. Störe niemanden. Bewege dich so vorsichtig, dass du den anderen noch nicht mal leise mit der Schulter berührst, wenn du an ihm vorbeigehst. Sonst riskierst du Prügel. Und man darf den Humor nicht verlieren. Was bleibt uns sonst?

Das Geschrei über die Korruption ist übertrieben. Das macht die Politik nur, damit sie in den Internationalen Währungsfonds reinkommt. Ich kenne niemanden, der sich über die Korruption beklagt. Meine Bekannten beklagen sich über schlechte Straßen – darüber, dass es kein Wasser und keinen Strom gibt, aber nicht über bestechliche Polizisten. Wenn mir einer Geld auf den Tisch legt und dann einfach geht, ist das für mich keine Korruption. Ich betrachte das als ein Geschenk."

Die beiden Offiziere Elias und Oleg verfolgen in den zwei Tagen unseres Besuchs die Gespräche zunächst angespannt, bald aber beginnt sich Elias zu langweilen, er bringt Illustrierte zum Schmökern mit. Den Oberkörper halb über die Tischfläche geschoben, den Kopf auf eine Hand gestützt, blättert er in den Magazinen. Oleg bleibt konzentriert, lauscht den Berichten. In manchen Momenten sieht er fassungslos seine Gefangenen an, mal aus Empörung, dann wieder aus Mitleid, bleibt aber stumm.

Der, den sie immer noch Richter nennen, ist nahezu kahlköpfig, besitzt einen festen Händedruck, schaut mit festem Blick in die Augen des Gegenübers. Waleri Anatoljewitsch Krjukow, 64, spricht mit einer Stimme, die gewohnt ist, zu einer größeren Menschenmenge zu sprechen. Das ist ihm von den Jahren der Macht geblieben. Der Rücken ist ihm aber krummer geworden, der Kopf zwischen die Schultern gesunken. Er ist Vorsitzender des Gefangenenrates und fühlt sich in der Rolle des Gastgebers.

Waleri Krjukow: "Wollen Sie Kekse? Einen Kaffee vielleicht? Ich bringe Ihnen etwas aus unserer Cafeteria. Wir waren hier alle früher auf der anderen Seite. Ich habe fast 20 Jahre lang für unseren Rechtsstaat gearbeitet. Auf der Universität war ich einer der Besten meines Jahrgangs. 1975 wurde ich zum Richter gewählt, damals wurde man noch gewählt und nicht ernannt wie heute. Ich habe mich hochgearbeitet, vom Amtsgericht zum Berufungsgericht meines Bezirkes. Ich war dort von zwölf Richtern der jüngste. Mir haben sie die härtesten Fälle gegeben. Jetzt bin ich hier. Mein Fall füllt 43 Aktenordner mit jeweils 300 Seiten. Ich hatte vor einigen Jahren als Richter gekündigt und war Geschäftsmann geworden. Viele aus meinem Jahrgang arbeiteten mittlerweile in der Ölindustrie. Ich hatte Kontakte. Ich begann damit, Öl in meine Region zu bringen, und eröffnete Tankstellen. Ich bin hier, weil man mir Betrug vorwirft. Zu neun Jahren verurteilt. Paragraf 159, Absatz 4. So steht es auf einem Zettel, den sie mir auf meinen Bettrahmen geklebt haben. Ich soll 44 ehemalige Angestellte gezwungen haben, für mich Kredite aufzunehmen, 50 Millionen Rubel.

In der Kolonie bin ich der Vorsitzende des Ältestenrates. Ich habe mein eigenes Büro. Das Lager ist in Arbeitsbrigaden unterteilt. Es gibt für jede Arbeitsbrigade einen Leiter, 17 sind es insgesamt. Hier im Lesesaal des Clubs sitzen wir dann zusammen, um die Aufgaben zu lösen, die uns von den Wachmannschaften vorgegeben werden. In deinem Leben in der Kolonie gibt es zwei Phasen. Die Anfangsphase und die jetzt. Am Anfang waren nur Zorn, Wut und Schrecken. Ich habe im Gerichtssaal den Richter angeschrien. Ich kenne das Gesetz leider sehr viel besser als die heutigen Richter. Aber jetzt sehe ich es philosophisch. Ich büße hier nicht für das Vergehen, für das man mich bestraft, sondern wegen der vielen kleinen Dinge, die in meinem Leben ungesühnt blieben. Ich sage den Neuankömmlingen: Nehmt euer Schicksal an. Akzeptiert’s. Ich habe als Richter 7.500 Verhandlungen geleitet und 9.000 Menschen verurteilt. Und jetzt putze ich den Boden dieses Raumes. Aber was soll’s. Was soll’s."

Die Korruption durchdringt in Russland alles. Am korruptesten sind die Kindergärten. In einer Studie des russischen Forschungsinstituts Levada gaben zwölf Prozent aller jungen Eltern an, Kindergärtnerinnen bestochen zu haben. Wer zahlt, bekommt den Platz für sein Kind prompt, ohne Warteliste. Die Erzieherinnen stehen gleichauf mit den Gemeinderäten. Es folgen mit zehn Prozent die Gerichte, mit acht Prozent die Wohnungsämter, mit sechs Prozent Schulen und Krankenhäuser.

Die Korruption folgt ausschließlich ihren eigenen Regeln. Alle anderen Regeln hebelt sie aus. Die Gesetze, die der Staat offiziell erlässt, dienen in der Praxis vor allem dazu, die Höhe der Schmiergelder zu bemessen – die jene Gesetze außer Kraft setzen. Korruption verschmilzt Kapitalismus mit Anarchie. Korruption lähmt und beschleunigt. Sie ist die Wunderwaffe des einfachen Bürgers und seine schlimmste Geißel.

Ein weiterer Häftling öffnet die Eingangstür zum Lesesaal, zögerlich umgreift seine Hand die Türkante. Ein älterer Herr, graue kurze Haare. Vorsichtig lächelnd steht er vor uns. Oleg winkt ihn schroff herein. Er war vor seiner Verurteilung der Direktor der Steuerbehörde von Nischni Nowgorod, einer Millionenstadt an der Wolga, der Chef von 140 Finanzbeamten. Er bittet darum, seinen Namen nicht zu nennen, damit er später in Freiheit, in vielen Jahren, nicht noch mehr Erniedrigungen erfahre. Er braucht viel Kraft für dieses Gespräch. Alles an seinem Körper ist erschlafft. Die Schultern, die Hände, die Wangen. Die Demütigung des tiefen Falls ist ihm auf den Leib geschrieben.

Direktor des Steuerbehörde: "Sie wollen sicher wissen, warum einer wie ich hier ist? Die meisten Gefangenen, mit denen Sie sprechen, werden Sie anlügen. Ich hab keinen Grund dazu. Die Sache bei mir ist gelaufen. Mein Urteil lautet auf 14 Jahre. Schluss. Fertig. Kein anderer hier hat eine so lange Haftstrafe. Im März 2013 hat das oberste Berufungsgericht in Moskau mich abgewiesen. Seit Juni 2007 bin ich eingesperrt. Sie haben mich von zu Hause mitgenommen. Wissen Sie, dass ich Doktor der Wirtschaftswissenschaften bin? Hab eine Arbeit geschrieben mit dem Titel: ›Prinzipien und Methoden wirtschaftlicher Analysen kleiner Unternehmen im Gebiet Nischni Nowgorod‹. Ich war Dozent, bin mein Leben lang schnell auf der Karriereleiter vorangekommen. Vor meiner Zeit bei der Steuerbehörde hab ich sogar für den Bürgermeisterposten kandidiert. Meine Losung hieß: ›Gemeinsam ins 21. Jahrhundert!‹ Ich hab verloren.

Meine Frau hat mich gedrängt, beim Finanzamt aufzuhören, so unsauber ging es da zu. Sie hat gesehen, wie nervös ich war. Immer unter Druck. Und dann kam eines Tages die Revision des Ministeriums. Sie haben in meinem Verantwortungsbereich sehr viele Verstöße festgestellt und mir vorgeworfen, ich hätte den Staat um 190 Millionen Rubel betrogen. Sie brauchten einen Sündenbock. Ich habe meiner Stellvertreterin zu sehr vertraut. Die hat sich mit einer Unternehmerin zusammengetan und falsche Mehrwertsteuer-Bescheinigungen ausgestellt. Diese Unternehmerin hatte 18 Scheinfirmen gegründet. Die gab’s nur auf dem Papier, doch sie hat Umsatz vorgetäuscht und sich dafür Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen. Ich weiß genau, wie es lief. Sie hat die Papiere bei uns eingereicht, die bekommt ein Steuerinspektor, der die prüft. Der schreibt dann seine Empfehlung, die dann noch im Haus von vier weiteren Leuten unterschrieben werden muss.

"Ich werde hier drinnen immer dümmer"

Als Leiter hab ich nie irgendwelche Dokumente unterschrieben. Als Leiter habe ich von diesen Papieren gar nichts gesehen. Aber die Staatsanwaltschaft hat vor Gericht so argumentiert, als wenn ich das alles organisiert hätte. Ich muss leider sagen, es ist mir nicht gelungen, das Gegenteil zu beweisen. Die Stellvertreterin wurde auch verhaftet. Ihre Strafe wurde aber ausgesetzt, sie hat gegen mich ausgesagt. Mich allein beschuldigt. Sie hatte acht Anwälte, ich nur einen, einen schlechten. Ich hatte kein Geld. Sie hat sieben Jahre Haft bekommen, aber man hat sie ihr erlassen, weil sie eine 14-jährige Tochter hat. Das ist die offizielle Begründung. Und was ist mit meinen Töchtern? Die jüngste ist zwölf! Die 190 Millionen Rubel sind verschwunden. Vermutlich hat sich meine Stellvertreterin mit einem Teil der Summe freigekauft. Sie hat mich zehnmal verraten, dabei hab ich sie selbst ernannt.

Hier in der Kolonie leite ich das Psychologische Labor. Ich bin dort für die Sauberkeit zuständig, außerdem verteile die psychologischen Testbögen. Alle Insassen werden alle drei Monate getestet. Die wollen so Selbstmorde vermeiden. Sonst habe ich nicht so viel zu tun. Ach ja, ich muss auch die Wellensittiche füttern. Nach Feierabend werden die Stühle auf die Tische gestellt, und der Boden wird gewienert. Wir sind zu zweit. Der andere ist ein ehemaliger Verkehrspolizist. Verurteilt wegen Amtsmissbrauchs. Er hatte einen Festgenommenen geschlagen. In einem halben Jahr wird er entlassen.

Meine 14 Jahre finde ich sehr ungerecht. Aber schon die Untersuchungsrichterin hat mir gesagt, ›dein Urteil ist bezahlt, deswegen kriegst du das volle Programm‹. Alle Geschworenen, die sich bei den Beratungen für mich ausgesprochen hatten, wurden kurz vor dem Urteil ausgetauscht. Das hab ich auch dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg geschrieben. Die haben meinen Fall übrigens auch abgelehnt.

Ich bin jetzt 59 Jahre alt. Ich werde hier drinnen immer dümmer. Die geistige Entwicklung ist gestoppt. Ich sehe fern oder lese. Natürlich gibt es hier keine sehr guten Bücher. Es war schwierig, mich an das Gefängnis zu gewöhnen. Wie würden Sie sich fühlen!? Ich habe einen Hochschulabschluss, bekleidete eine hohe Führungsposition. Ich bin ein gehorsamer und ordentlicher Bürger dieses Staates gewesen, mein Leben lang. Aber ich hab es verstanden, ich bin im Gefängnis, ich bin wie jeder andere, ich muss mich an die Regeln halten."

Die Tür fällt hinter dem Direktor ins Schloss, Oleg streckt sich gähnend. Er verschränkt die Arme im Nacken. "Ich habe sein Urteil von vorne bis hinten gelesen", sagt er. "Ich konnte darin keinen Beweis für seine Schuld erkennen. Aber vielleicht habe ich es nur nicht begriffen."

Die Regeln der Kolonie haben offenbar vor allem ein Ziel: den Häftlingen die Individualität zu nehmen. Zwischen den Bereichen des Lagers dürfen sie sich nur in Marschformationen bewegen. Es gilt als Privileg, einzeln laufen zu dürfen, kenntlich gemacht durch einen weißen Streifen am Ärmel, ein Recht, das man sich durch das Einhalten vieler anderer Regeln verdienen muss. Der Bettenbau muss millimetergenau sein. Das Produktionssoll in den Werkstätten der Kolonie muss erreicht werden. In der Gießerei, der Dreherei, der Schreinerei. Der Boden muss nach Vorschrift geschrubbt, die Wachmänner müssen militärisch korrekt gegrüßt werden. Die Regeln füllen ein dickes Buch, sie hängen an den Wänden der Schlafsäle, in der Kantine, den Toiletten und werden der Kolonie jeden Vormittag von 8 bis 12 Uhr über ein Dutzend Megafone vorgelesen. Was die Mauern der Kolonie 13 für den Körper, sind ihre Regeln für den Kopf.

Er kommt mit nur mühsam kontrollierter Wut, fast benimmt er sich wie der, der er einst war. Chodytsch Alexander Michajlowitsch, 36, setzt sich, und sofort versucht der frühere Polizei-Oberstleutnant, meinen Blick niederzuringen. In der Region Kuschtschjowskaja am Schwarzen Meer, aus der er stammt, ist er Legende. Er füllte dort die Titelseiten der Zeitungen. "Der Patenonkel" wird er dort genannt. Als Leiter einer Antiterroreinheit soll er jahrelang Teil einer der grausamsten Mafiabanden Südrusslands gewesen sein. Die beängstigendste Form der Korruption. In vielen Bezirken sind Polizei und Mafia miteinander verschmolzen. Der eine nährt den anderen. Nachdem die Bande mit dem Namen Zapok am 4. November 2010 zwölf Mitglieder einer mit ihr verfeindeten Familie umbrachte, darunter Frauen und Kinder, wurde Chodytsch von Spezialkräften aus Moskau verhaftet.

Chodytsch Michajlowitsch: "Die Polizei war von Anfang an meine Welt. Ich habe in meiner Laufbahn zwölf Auszeichnungen und Orden bekommen. Ich war Meister im Kickboxen und der Präsident des Schwerathletenverbandes in meiner Region. Ich hatte zunächst die Abteilung Bekämpfung des Organisierten Verbrechens unter mir, dann die Antiterroreinheit. Alle anderen Dienststellen mit Ausnahme des FSB (der Nachfolger des KGB, Anm. d. Red.) waren verpflichtet, mir Bericht zu erstatten. Eine meiner Aufgaben ist es zum Beispiel gewesen, zu prüfen, ob Kandidaten für öffentliche Ämter charakterlich geeignet sind. Wissen Sie, in meinem Leben war alles gut, ich war zufrieden, wirklich, bis zu dem Tag, an dem diese zwölf Leute getötet wurden. Ich war als Ermittler am Tatort, ich sage Ihnen, grässlich, Frauen und Kinder, mit Klebebändern gefesselt, die Hände und Beine, dann alle erstochen, mit gewöhnlichen Küchenmessern, und hinterher mit Benzin übergossen und verbrannt.

Das war der Skandal. Der Gouverneur brauchte einen Sündenbock. Ein Schlachtopfer. Schon Tage vor meiner Verhaftung kamen TV-Teams an mein Haus und fragten: Wieso bist du noch nicht verhaftet? Das Innenministerium hat in meiner Vergangenheit geforscht, nichts konnten sie finden, gar nichts! Dann kamen sie irgendwann mit dem Vorwurf daher, ich hätte einem Freund sein Auto abgepresst. Der hatte mir Geld geschuldet, 18 000 Euro, und ich habe ihm angeboten, stattdessen sein Auto zu nehmen. Deswegen haben sie mich offiziell verhaftet, lächerlich! Solche Sachen haben die ausgegraben. Noch ein, zwei ähnliche Dinge, bei denen ich mich bereichert haben soll. Wegen dieser Absurdität bin ich jetzt zu acht Jahren verurteilt. Mein Urteil fiel vor laufender Kamera, mich hatten sie im Gericht in einen Käfig gesperrt. Davor saß meine Frau und weinte. Stellen Sie sich das vor! Ich hatte keinen Anwalt zu meiner Verteidigung, und auch kein Menschenrechtler war damit befasst. Die Verhandlung dauerte nur einen Tag. Sie wollten einen schnellen Prozess. Im Gericht haben sie mir gesagt, wenn du deine Schuld anerkennst, kriegst du nur drei Jahre. Aber ich hab’s nicht gemacht! Ich hab’s nicht gemacht!

Diese Absurdität kostete mich acht Jahre. Und alles nur, weil der Anführer der Bande, Sergei Zapok, der Patenonkel meines Sohnes ist. Ich passte am besten, ich kannte jeden der Zapok-Bande, das ist doch klar, ich bin mit denen aufgewachsen. Sergei war lange ein hoch geachteter Mann, Doktor der Soziologie, Mitglied in Putins Vaterlandspartei. Ich sitze wirklich unschuldig hinter Gittern. Aber meine Frau stützt mich. Sie schickt mir Geld. Hier in der Kolonie ist es meine Aufgabe, die Marschkolonnen der Gefangenen zu begleiten. Ich laufe vor ihnen her, gebe die Richtung vor, ich registriere, wer wann wohin geht. Ich bitte Sie, fragen Sie beim Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof nach, ob die sich um meinen Fall kümmern. Die müssen ihn vorrangig bearbeiten! Niemand hört dich als Häftling. Niemand hilft dir!"

Oleg sieht ihm schmunzelnd hinterher, als Chodytsch zur Tür hinausgeht. Ob er unschuldig sei, wie er behaupte, frage ich ihn. "Wenn er so unbestechlich war, wie er sagt", meint der Wachmann, "woher hat er dann als einfacher Polizist 18.000 Euro, die er verleihen konnte?"

Um zu verhindern, dass Insassen sich umbringen, gibt es sechs Psychologen in der Kolonie. Fast alle, die hier landen, waren Menschen mit Macht, die diese Macht jetzt im Knast radikal verloren. Die Psychologen begutachten die Neueinweisungen in der "Quarantäne", einem eigens abgeriegelten Block im Lager, wo die Neuen die ersten vier Wochen verbringen. Sie setzen sie vor PC-Schirme und starten per Mausklick die Software des Psychologietests. Dieser Computertest wird dann alle drei Monate wiederholt. Entdecken sie Auffälligkeiten, laden sie die Sträflinge zu Gesprächen ein. Die einfachen Dienstgrade begegneten ihrem Angebot offen, erzählt einer aus dem Psychologenteam, die höheren lehnten meist ab. 27 Häftlinge seien derzeit akut suizidgefährdet, ihnen sei die Nachtarbeit verboten, ständig habe sie jemand im Auge. Am wichtigsten jedoch sei die Arbeit im Lager. Es gibt eine Gießerei, eine Nudelfabrik, eine Anlage für Viehzucht. Im Unterschied zu normalen Gefangenen wissen die verurteilten Staatsdiener nicht, was nach ihrer Haftentlassung tun. Der Weg zurück in den Staatsdienst bleibt ihnen auf immer verwehrt. Ein Leben in Freiheit bedeutet für viele von ihnen ein Ende als Säufer.

Herausgehobene Tätigkeiten müssen die Gefangenen bezahlen

Unter den Häftlingen herrschen strenge Hierarchien. Ganz unten sind die Polizisten, die HIV-infiziert oder tuberkulosekrank sind. Sie leben im Lager in nochmals separat umzäunten Gebäuden und dürfen sie nicht verlassen. Knapp über ihnen folgt die Gruppe der Tschetschenen, Mitglieder der russischen Spezialkräfte im Kaukasus, denen Mord und Vergewaltigung zur Last gelegt wird. An der Spitze der Gesellschaftspyramide stehen die, die früher auch oben waren, die hohen Offiziere und Richter und Direktoren. Sie haben das Geld, sich im Lager möglichst angenehme Bedingungen zu schaffen. "Für vieles muss man zahlen", sagt einer, der zehn Jahre in der Kolonie war und jetzt in Freiheit ist. Für den Posten eines Brigadeleiters müssten zwischen 80.000 und 90.000 Rubel gezahlt werden. Dafür bekommt er ein Einzelzimmer und darf über Skype mit seinen Verwandten sprechen. Die meisten Insassen leben in Sälen mit 90 bis 120 Betten. Für die Unterbringung in kleineren Zellen muss man bis zu 30.000 Rubel zahlen. Das Geld werde von Verwandten oder Freunden in Freiheit an Mittelsleute des Gefängnispersonals überwiesen. Die Korruption, die sie hierherbrachte, führt zu noch mehr Korruption.

In einem anderen Polizistengefängnis, der Kolonie 3 in Irkutsk, kam es im Juni zu einem Aufstand, bei dem sich 400 Insassen gegen zu hohe Bestechungsgelder wehrten. Beim Morgenappell schnitten sich 38 von ihnen die Arme auf.

Oleg ist nach dem Interview aufgestanden und sieht durch die vergitterten Fenster zum Hof hinaus, wo die Lautsprecher mittlerweile Peer Gynt spielen. Klassische Musik soll die Häftlinge beruhigen. Die Tage in der Kolonie sind eine Abfolge von Sinfonien. "Der Kampf gegen die Korruption soll nur ablenken", sagt Oleg am Fenster. "Von zehn Verkehrsunfällen wird nur einer von einem Besoffenen verursacht. Die anderen von den schlechten Straßen."

Das Problem der Korruption in Russland ist deshalb ein so großes, weil es nicht als Problem erkannt wird. Die Studie des Levada-Instituts von 2012 ergab, dass nur 29 Prozent der Befragten die Kultur der Korruption kritisierten – im Jahr 1999 waren es gar nur drei Prozent. Das Problem beginnt an der Spitze. Hartnäckig halten sich Gerüchte um die Reichtümer, die Wladimir Putin angehäuft haben soll. Bei einem offiziellen Jahreseinkommen von 140.000 Dollar soll er über ein Vermögen von 40 Milliarden verfügen. Fragen nach der Herkunft seiner teuren Uhren und des teuren Schmucks seiner Frau bleiben unaufgeklärt. Der Anteil der Korruption am Bruttosozialprodukt beläuft sich nach Schätzungen der renommierten Idem-Stiftung auf 25 Prozent. Die Summe der gezahlten Bestechungen stieg zwischen 2001 und 2005 von 33 Milliarden auf 316 Milliarden Dollar und wird gegenwärtig auf 300 Milliarden taxiert. Die Wirtschaft gibt diese Mehrkosten weiter, die Verbraucherpreise steigen. Der Anteil der Korruption an den Kosten eines Einfamilienhauses beträgt mittlerweile 30 Prozent. Offiziell ist der Kampf gegen die Korruption ein wichtiges Anliegen der Regierung Putin. In Wahrheit hat sie unter ihr stark zugenommen. Sehr effizient nutzt er die Antikorruptionskampagne immer wieder, wenn es darum geht, unliebsame Opponenten auszuschalten.

"Wir hätten da noch einen", sagt Oleg am Ende eines langen Tages und lässt Konstantin Janowitsch Ljudi, 39, herein. Mehrere Stunden hat er vor der Tür warten müssen.

Konstantin Janowitsch Ljudi: "Ach, das macht nichts, ich hab hier ja nicht so viel zu tun. Wir könnten uns auch auf Englisch unterhalten, aber das wollen die Beamten nicht. Dann können sie uns nicht verstehen. Ich war bis zu meiner Verhaftung im Jahr 2011 der stellvertretende Minister für Information im Gebiet Krasnodarski Kraj. Mir wurde vorgeworfen, ich hätte mir ungesetzlich ein Grundstück angeeignet. Ein Vorwand. Tatsächlich hatte ich in meinem Amt einen Konflikt mit dem FSB. Damals gab es aus Moskau Gelder für Frühwarnanlagen in einem Hochwassergebiet. Die Sache fiel in meine Zuständigkeit, es war jedoch auch der FSB involviert, weil es da ja um die öffentliche Sicherheit ging. Ich hatte eine offene Ausschreibung geplant, wie es auch gesetzlich vorgeschrieben ist. Aber der Vertreter des FSB hat gesagt, er wolle eine geschlossene Ausschreibung. Natürlich sollte eine Firma aus Moskau gewinnen, die der FSB offenbar schon ausgesucht hatte. Ich weiß nicht, ob in der betroffenen Region jemals etwas gemacht wurde. Ich weiß nur, dass es im Juni 2012 eine schwere Hochwasserkatastrophe gegeben hat, bei der über 200 Menschen starben. Aber da war ich schon im Gefängnis.

Es ist eine Intrige, um mich mundtot zu machen. Jeder, der sich mit dem FSB anlegt, gerät in diesen Strudel. Der FSB wollte mich loswerden, ich war zu unbequem. Mir wurde direkt gesagt, ich hätte keine Chance. Also habe ich meine Schuld anerkannt, um die Minimalstrafe von vier Jahren zu bekommen. Ich kenne mich da ja aus. Bevor ich Minister wurde, war ich Staatsanwalt. Ich war der ermittelnde Staatsanwalt nach dem Massaker in der Schule von Beslan. Die BBC hat damals eine Dokumentation über mich gemacht. In unseren Medien wurde über meine Festnahme nicht berichtet. Unsere Medien berichten ja nur, was ihnen vorgeschrieben wird. Fast alle Interneteintragungen über mich sind gelöscht. Sie werden kaum etwas finden! Schauen Sie nach!

Sie haben mich so weit weg geschickt, wie sie nur konnten. Ich war im Gefängniszug zwei Wochen lang unterwegs. Von ganz im Süden bis hierher in den Norden. Ich habe jetzt ein Jahr und acht Monate hinter mir. Ich zähle nicht die Tage. Jeder Tag hier ist gleich. Sechs Uhr aufstehen, Betten bauen, Frühstück, kurze Pause, rasieren, um acht Uhr der Appell, abzählen, dann gehe ich hier in den Club, wo ich putze. Mein Dienst dauert bis 21 Uhr, danach ist Abendkontrolle, um 22 Uhr geh ich schlafen. Ich habe mein Urteil akzeptiert. Ich versuche nicht, mich zu verteidigen, weil das meine Lage nur verschlechtern würde. Meine Kinder sind zehn und sieben Jahre alt, sie glauben, der Papa würde in London arbeiten. Ich sehe für mich und meine Familie in Russland keine Zukunft. Nach meiner Entlassung werden wir ins Ausland übersiedeln. Wenn das alles vorbei ist, lade ich Sie auf einen Kaffee auf dem Paradeplatz in Zürich ein."

Das Interview wird unterbrochen, die Zeit für unseren Besuch ist um, auf die Minute genau. Sechzehn Stunden, verteilt auf zwei von Moskau genehmigte Tage. Oleg rückt den Stuhl vom Tisch. Elias, der zweite Wachmann, nimmt seinen Stapel Illustrierte unter den Arm. "Wie den haben wir viele hier", sagt Oleg beim Hinausgehen über den Minister, über den tatsächlich fast alle Eintragungen im Internet gelöscht wurden. Ich werde ihn später im Hotel googeln. "Wir haben in Russland einen alten Spruch", sagt Oleg: "Gib mir einen Menschen, und ich finde dir den passenden Paragrafen." Oleg hat früher viel darüber nachgedacht, sagt er, wen er hier bewache. Schuldige, Unschuldige, Menschen, die womöglich nur zu wenig Kapital hatten und im Wettstreit der Schmiergelder unterlagen. Wer in der Kolonie für seine Schuld büße, und an wem sich der Staat schuldig mache. Oleg sagt, er habe längst aufgehört, solchen Gedanken nachzuhängen – weil es einfach zu nichts führe.

Aus den Lautsprechern spielt Rachmaninov, als wir die Kolonie verlassen. Ein fließender dunkler Klangteppich über dem Lagergelände. Die Wachfrau in der Sicherheitsschleuse gibt uns mit der Andeutung eines Lächelns die Mobiltelefone zurück. Der Hund reißt abermals an der Kette und schnappt in Richtung der Hosenbeine. Eine Tür nach der anderen fällt hinter uns ins Schloss.