Man kann doch gar nicht anders als sich darüber freuen, dass ein Mensch freigelassen wurde, auch wenn der über seine Milliarden einmal sagte: "Ich habe jede Lücke im Gesetz ausgenutzt." Sich freuen auch darüber, dass zwei Frauen von Pussy Riot nach fast zwei Jahren Straflager freikommen und zurück zu ihren Kindern dürfen. Wie gut, dass dieses Jahr so zu Ende geht.

Der Russe Michail Chodorkowski wäre offiziell im kommenden August aus der Haft entlassen worden, aber eine neuerliche Anklage war längst in Vorbereitung. Weil seine Mutter schwer krank ist, bat er Präsident Putin um Gnade, um die Mutter doch noch sehen zu können. Für ein Jahr gilt Chodorkowskis Visum in Deutschland. In Berlin war ein Mann zu erleben, der seine Worte mit Bedacht wählt, frei von Hass, und der nach zehn Jahren zum ersten Mal seine ganze Familie sehen darf.

Für manche aber ist das ein Grund zum Hassen: In den Onlinekommentaren und Blogs wird der frühere Oligarch verächtlich gemacht und verunglimpft. Einem Halunken habe die Bundesregierung da geholfen, einen Gauner aufgenommen, für den zehn Jahre Lagerhaft in Sibirien noch viel zu wenig der Strafe gewesen seien. Oder dem man zumindest nicht helfen sollte. Nicht dem. Und überhaupt: Was geht uns das alles an?

Bestraft wurde Chodorkowski gewiss nicht für seine Verbrechen

Sicher entladen sich hier Affekte gegen den Westen, seine angebliche Verlogenheit. Der Westen hilft Snowden nicht, aber dem Oligarchen: Also ist Chodorkowski ein Schurke, also ist der Einsatz für ihn interessengeleitet. Aber in dieser Wut spiegelt sich auch Heldensehnsucht; als verdiente nur der Anerkennung und Hilfe, der von Geburt an alles richtig gemacht hat. Figuren ohne Brüche, erhaben über Zweifel und Abgründe. Wer sich als Zuschauer immer nur auf die moralisch sichere Seite stellt, hat den besten Platz erwischt: Er kann sich nicht täuschen. Nur, sind etwa allein Helden es wert, gerettet zu werden?

Das Heldenleben bis ins hohe Alter ist eine seltene Gnade, Nelson Mandela hat es geführt. Mutter Teresa auch. Aber der große Solidarność-Führer Lech Wałeşa? Bekam nach seinem Triumph 1989 einen kräftigen Zug ins Autoritäre. Der große Dissident Solschenizyn? Verfluchte die westlichen Werte. Ihre historischen Leistungen schmälert das trotzdem nicht.

Man muss kein Held sein, um Unterstützung zu verdienen. Heldinnen sind die Frauen von Pussy Riot nicht; manche finden, Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina seien nicht mehr als gottlose Schlampen, die sich furchtbar in einer Kirche aufgeführt haben. Doch nach ihrer Verurteilung zu zwei Jahren Lagerhaft mit Mangelernährung, zeitweiliger Isolationshaft und Zwangsarbeit wurden aus Provokateurinnen politische Gefangene. Die beiden haben einen hohen Preis bezahlt für ihre Überzeugungen, von denen sie auch jetzt nicht ablassen. Kaum raus aus dem Lager, wendeten sie sich sofort gegen Putin, sein Regime und seine Amnestie, die sie für einen PR-Gag halten. Dank der Briefe von Tolokonnikowa, in denen sie die Haftbedingungen beschreibt, wurden gern beschwiegene Missstände bekannt. Und beide Frauen wollen sich künftig für Gefangene einsetzen.

Wer weiß, was daraus wird. Niemand hätte Mitte der neunziger Jahre geahnt, dass ein Mann wie Chodorkowski, dem jede Ideologie fern und nur sein Führungsanspruch wichtig war, sich wandeln würde. Chodorkowski hat auf undurchsichtige Weise Milliarden gemacht. Doch bestraft wurde er, weil er sich offen gegen Wladimir Putin stellte. Die Wandlung begann schon vor seiner Festnahme. Der knallharte Oligarch wurde zum Wohltäter. Finanzierte auf einmal Krankenhäuser, baute Schulen und Waisenhäuser, sicherte Renten. Verlor im Gericht kein böses Wort und nahm mit erstaunlichem Gleichmut sein Schicksal an. Und blickte mit Strenge in seinen Briefen auf sein Leben zurück.

Viele Medien machen Chodorkowski zu einem Helden, so lässt sich das Ereignis noch besser verkaufen. Ob er einer ist? Vielleicht. Entscheidend ist das nicht; auch für die weniger Geläuterten, die aus politischen Gründen irgendwo einsitzen, muss man sich einsetzen, an die Öffentlichkeit gehen. Die einen brauchen das, weil sie ohne Solidarität schutzlos wären; die anderen, weil ihr Kampf lohnt und sie ihn ohne Hilfe nicht gewinnen können. Entscheidend ist nicht, ob sie schön oder edel sind. Sie sind schwächer, das muss genügen.

Das ist keine Einmischung in innere Angelegenheiten, schweres Unrecht ist nie eine innere Angelegenheit. An wen könnten sich die Betroffenen sonst wenden? Die kasachische Regierung? Es hat Tradition, dass Deutschland sich vor allem für die russischen Bedrängten starkmacht. Auch jetzt war die Geheimdiplomatie erfolgreich – aber sie bliebe wirkungslos ohne den öffentlichen Druck.

Menschen brauchen Symbolfiguren. Manchmal aber wird die Konzentration auf die eine entscheidende Person hysterisch übersteigert. Die Medien suchen sich die eine Person aus (und vergessen die anderen). Das geht so weit, dass bei der ersten Pressekonferenz von Michail Chodorkowski Fotografen und Kameraleute so erbittert um Platz kämpften, dass Chodorkowski und seine Eltern bedrängt wurden.

Es reichen die entscheidenden fünf Minuten, es reicht, sich zu erheben, wenn es nötig ist, das eine Mal einzustehen: Wer dafür bestraft wird, verdient Hilfe. Also standen einige der russischen Journalisten auf und klatschten, als die Familie Chodorkowski sich bei der Pressekonferenz langsam nach vorn durch den Gang im Mauermuseum kämpfte.

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