Ashley Good will uns das Scheitern lehren. Das gute Scheitern, das richtige. Sie hat eine Firma gegründet mit dem Namen FailForward, was so viel bedeutet wie "nach oben scheitern". Denn scheitern ist gut. Wenn daraus Erfolg erwächst.

Fröhlich und straff sitzt Ashley Good in ihrem Büro in Toronto, morgen wird sie einen Triathlon absolvieren, die 30-Jährige hat sich einen neuen persönlichen Rekord auf der Laufstrecke vorgenommen. "Nur wenn wir an die Grenzen unserer Fähigkeiten stoßen, können wir lernen", sagt sie heiter.

Für FailForward hat Ashley Good den Innovate Innovation Award erhalten, also einen Preis für die Innovation der Innovation, was in diesem Fall vermutlich angemessen ist, denn die Idee, aus Fehlern zu lernen, ist ja nicht gerade eine brandheiße Neuerung – sondern bestenfalls eine, die man erneuern könnte.

Im Hauptberuf betreut Ashley Good das Scheitern bei Engineers Without Borders (EWB), den Ingenieuren ohne Grenzen, einer kanadischen Entwicklungshilfeorganisation mit 65 Mitarbeitern und mehr als 3.000 Freiwilligen. Dort verantwortet sie den jährlichen Failure Report, den Scheiterbericht, eine anmutig gestaltete Broschüre, in der Mitarbeiter der EWB über ihre Niederlagen berichten: über versandete Projekte, interkulturelle Zerwürfnisse, frustriertes Personal, politische Intrigen oder schlicht über persönliches Versagen.

Die Menschheit hasst Scheitern. Sie will es nicht. Sie hat Angst davor, sie tut alles, um es zu vermeiden

Die Idee wird bejubelt, die New York Times spricht davon, dass endlich Fehlschläge als unabdingbarer Teil der Entwicklungshilfe akzeptiert würden und nur so "die Verbesserung der Welt ihr volles Potenzial erreiche". Der englische Guardian lobt, dass "Ehrlichkeit über Fehler der Schlüssel ist, um sich zu steigern", und sogar die weltgrößte Stiftung, die des Milliardärs Bill Gates, ließ verlauten, "dass die Lektionen, die aus Fehlern stammen, oft die wichtigsten sind".

Die Sache hat nur einen Haken: Die EWB stehen nach wie vor nahezu allein da mit ihrem Scheiterreport. Von zwei, drei Organisationen sind zögerliche Geständnisse über Fehler bekannt, alle anderen loben den Mut zur Offenheit – und halten den Mund.

Diese Lektion lernte Ashley Good, als sie ein weiteres Projekt ins Leben rief, Admitting Failure – Fehler zugeben. Auf der Website sollten möglichst viele Organisationen von ihren Fehlschlägen berichten. Eine Enzyklopädie des Misslingens sollte es werden, ein globaler Scheiterbericht, öffentlich, auf dass alle Welt daraus lerne. Doch in drei Jahren wurden bloß 30 nichtssagende Geschichtchen eingestellt. "Ich muss zugeben, damit sind wir gescheitert", sagt Good tapfer.

Aber vielleicht ist das gut so. Vielleicht wird nichts so überschätzt wie die Annahme, Fehler seien ein besonders gutes Lernfeld. Und vielleicht wird nichts so falsch verstanden wie die "positive Kraft" der Fehler.

Eigentlich müsste das offene Scheitern längst ein rauschender Erfolg sein. Ashley Goods Versuch ist ja nicht der erste, Fehlschlägen einen Platz in der Geschäftswelt und im Leben der Menschen einzuräumen. Nach dem Platzen der Internetblase Anfang der 2000er, als auch die Elite sich übte im Absturz, gab es eine erste Welle von "Mut zum Scheitern"-Appellen.

Nun bemüht sich eine zweite Generation von Fiasko-Projekten um den klügeren Umgang mit der Niederlage. Aus dem Silicon Valley stammen die Failure Conferences, die Scheiterkonferenzen. Ein koreanisch-finnisches Team will den 13. Oktober als internationalen Tag des Scheiterns etablieren und sucht dafür derzeit Unterstützung. Es entstehen Design-Fail-Institute und FailFests, sogar die Weltbank zelebriert einen (internen) "FailFaire"; Bücher tragen Titel wie Gescheiter scheitern oder Die Kraft des Scheiterns, Personal Coaches konzentrieren sich darauf, den Menschen endlich ein positives Verhältnis zu ihren Fehlschlägen einzuimpfen.

Die Botschaft lautet stets: Aus Fehlern kann man mehr lernen als aus Erfolgen, aber nur wenn man sie ehrlich und offen analysiert. Dann sind sie sogar bereichernd. Und machen uns reifer, irgendwie menschlicher.

Doch vielleicht ist es an der Zeit, sich einzugestehen: Die Menschheit will keinen sensiblen Umgang mit dem Scheitern. Sie hasst Scheitern. Sie will es nicht, sie hat Angst davor, sie tut alles, um es zu vermeiden.

In Wirklichkeit führt sie das Scheitern in abschreckenden Beispielen vor, wie es das deutsche Fernsehen in unzähligen Serien tut und daran Unsummen verdient: von Raus aus den Schulden bis zur Super-Nanny, vom Restauranttester zum Frau suchenden Bauern – die Stunden werden gefüllt mit gescheiterten oder scheiternden Existenzen, an denen das Publikum vor allem eines lernen soll: wie man es nicht machen darf, wenn man weiterkommen will. Lernen durch Abschreckung, Schulfernsehen von der Schattenseite.

Die Gesellschaft will, ach, seien wir ehrlich: Wir wollen Guttenberg, Hoeneß, Hera Lind abstürzen sehen – Häme, Niedertracht, mahnende Zeigefinger: Kinder, schaut euch an, so ergeht es euch, wenn ihr scheitert! Von wegen sensibler Umgang, eine gute Lernumgebung schaffen, einen artigen Scheiterreport schreiben.

Doch wenn man genauer hinschaut, halten es auch die hehren Propagandisten des glorifizierten Scheiterns nicht anders. Nur hassen sie das Scheitern schlauer und versteckter. Diesen Eindruck jedenfalls erhält, wer versucht, jenen Scheiterkonferenzen zu lauschen, die seit 2009 aus dem Silicon Valley wuchern. Ihr ehrenwertes Anliegen: Unternehmer erzählen von ihren Fehlschlägen, damit andere Unternehmer daraus lernen mögen.