DIE ZEIT: Frau von Troschke, Sie haben vor 15 Jahren das Deutsche Tagebucharchiv gegründet. Was findet man dort?

Frauke von Troschke: Tagebücher, Briefe und Lebenserinnerungen von Privatpersonen, also sehr persönliche Blickwinkel auf die Zeitgeschichte. Meistens bekommen wir sie von Menschen, die am Ende ihres Lebens froh sind, einen Ort für ihr "geschriebenes Leben" gefunden zu haben. Oder Erben stoßen im Nachlass auf Niederschriften ihrer verstorbenen Verwandten und geben sie bei uns ab. Es wird dann vertraglich genau geregelt, was damit geschehen darf – und was nicht.

ZEIT: Es erstaunt dennoch, dass Ihnen so etwas Intimes wie ein Tagebuch anvertraut wird.

Von Troschke: Das höre ich öfter. Ich kann es auch gut nachvollziehen, wenn jemand sagt: Meine Tagebücher nehme ich mit ins Grab. Aber für uns wäre das ein Verlust. Denn es geht uns ja um ihre zeitgeschichtliche Bedeutung. Jedes Dokument an sich ist subjektiv, aber viele zusammen ergeben ein Bild der Zeit – wie bei einem Puzzle.

ZEIT: Viele Notizen stammen aus schwierigen Zeiten.

Von Troschke: Menschen schreiben nun mal eher, wenn es ihnen nicht so gut geht. Ein Tagebuch ist eine Entlastung. Wenn man sich schriftlich mit einer Lebenssituation auseinandersetzt, entwickelt man eine Distanz dazu. Es ist fast, als hätte man ein Gegenüber. Ich beobachte auch, dass viele Menschen ihre Dokumente aus einem positiven Sendungsbewusstsein heraus bei uns abgeben: Sie möchten anderen Mut machen, weil man in ihren Büchern sieht: Das Leben geht auch nach schweren Schicksalsschlägen weiter.

ZEIT: Und wer kommt zu Ihnen und beschäftigt sich mit den Dokumenten?

Von Troschke: Vor allem Wissenschaftler und Studenten, die für ihre Abschlussarbeit recherchieren. Auch einige Doktorarbeiten sind anhand unserer Dokumente entstanden. Außerdem arbeiten wir viel mit Schulen zusammen. Die Klassen kommen zu Besuch ins Archiv. Das ist mal ein lebendiger Geschichtsunterricht! Die Schüler können selbst nach Themen suchen, und es ist faszinierend für sie, durch die Bücher an den Lebensschicksalen teilzuhaben.

ZEIT: Führt von denen noch jemand Tagebuch?

Von Troschke: Es wird weniger geschrieben. Wenn ich bei unseren Besuchergruppen frage, sind es nur noch einzelne. Das liegt natürlich auch an den neuen Möglichkeiten im Internet, den Blogs und Twitter. Wir sind also insofern Hüter einer Gattung und Hüter dieser wunderbaren alten Handschriften.

ZEIT: Schreiben Sie selbst auch?

Von Troschke: Ich bin eine, die ihren Mitmenschen alles erzählt, ob sie wollen oder nicht. Im Gegensatz zu verschlosseneren Menschen brauche ich das Tagebuch also nicht als Entlastung. Ich fahre aber viel Zug, und da schreibe ich über das, was ich um mich herum wahrnehme. Das später wieder zu lesen ist spannend.