In der Türkei verfolgte der Staat lange Zeit rachsüchtig nur die eigenen Bürger. Neuerdings aber verfolgt der Staat auch sich selbst – und das nicht minder rachsüchtig. Premierminister Recep Tayyip Erdoğan hat nach einigen Minister-Rücktritten sein Kabinett umfassend umgebildet. Die Söhne von zwei Ex-Ministern sitzen in Untersuchungshaft. Da werden Polizeichefs und hohe Justizbeamte entlassen. Säuberungswellen erschüttern den türkischen Staat – und Premierminister Tayyip Erdoğan muss fürchten, dass sie ihn am Ende selbst umwerfen.

Erdoğan hat schon viele besiegt: fanatische Atatürk-Fans, säkulare Nationalisten, zuletzt die mächtigen Militärs. Aber jetzt trifft er vielleicht auf den schärfsten Gegner überhaupt. Der spricht mit sanfter Stimme, ist 72 Jahre alt und lebt im fernen Pennsylvania: Fethullah Gülen, Prediger und Anführer der türkischen Gülen-Bewegung, eines Zusammenschlusses von Gläubigen, die dem Bildungsideal und den konservativen Werten Gülens huldigen. In der Türkei und vielen Ländern betreiben sie Schulen mit säkularem Programm. Gülen-Leute sitzen in Ämtern und Gerichten, im Parlament und in Ministerien. Sie haben viel, sehr viel Einfluss.

Lange Zeit gingen die Gülen-Anhänger den Weg an die Macht zusammen mit Erdoğan. Die AKP, die Ende 2002 an die Regierung kam, war ihr gemeinsames Vehikel. Doch seit einiger Zeit will Erdoğan die Macht ganz allein für sich und hat damit den Kampf mit den Gülen-Leuten provoziert. Vor drei Jahren legte er seine Rolle als moderierender Führer der türkischen Konservativen ab. Als Alleinherrscher versteht er Demokratie nur noch als Bestätigungsmaschinerie seiner Macht, nicht mehr als Instrument der Mitbestimmung oder zum Schutz von Minderheiten. Kritikern droht Gefängnis. Das kennen die Europäer schon sattsam aus Ungarn oder der Ukraine. Nach der Wahl von 2011 säuberte Erdoğan die AKP-Fraktion und die Ministerien systematisch von Leuten, die er nicht als hundertprozentig loyal empfand. Viele Gülen-Leute waren darunter. Seither begann die Bewegung Erdoğan anzugreifen, in den Medien, aber auch mit verbündeten Ermittlungsrichtern und Polizisten, die in der vorigen Woche hart gegen vermeintlich korrupte Erdoğan-Verbündete durchgriffen.

Erdoğan trifft das mehr als die Proteste im Gezi-Park

Der Showdown begann in diesem Herbst. Erdoğan segnete ein Gesetz ab, das zum Ziel hat, die Gülen-Schulen zu schließen. Erdoğan entließ jetzt dutzendweise Polizeichefs und Justizbeamte, die Gülen nahestehen. Er polemisierte gegen finstere ausländische Mächte, vor allem den Botschafter der USA, wo Fetullah Gülen seit 1999 lebt.

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Gülens Rache trifft Erdoğan nun an dessen empfindlichster Stelle. Denn mit den Verhaftungen von Bauunternehmern und Ministersöhnen legen Gülen-nahe Ermittler die Korruption der AKP bloß. Diese Partei, deren Buchstaben "Ak" auch "weiß" bedeuten, warb stets für sich damit, sauberer als die übrigen Parteien zu sein. Tatsächlich blühen Bestechung und Vetternwirtschaft in den monumentalen Baugruben von Istanbul, Antalya und Ankara. Die staatliche Halkbank hat unter Aufsicht der Regierung illegalen Goldhandel mit Iran betrieben.