Lehrer beim Verteidigungs-Training in Florida © Brian Blanco/Reuters

Neulich erreichte Nancy Anderson übers Walkie-Talkie ein Alarmruf aus der Turnhalle. Die Direktorin der Cutter-Morning-Star-Schule im US-Bundesstaat Arkansas griff ihre Pistole, nahm die kugelsichere Weste vom Haken an ihrer Bürotür und rannte los. Trotz Stöckelschuhen sei sie in weniger als 10 Sekunden zur Stelle gewesen, erzählt sie. Es war nichts Ernstes. Zwei Mädchen waren in Streit geraten. Aber man könne ja nie wissen, sagt die 43-jährige Anderson. "Die Tragödie von Newtown soll sich an meiner Schule nicht wiederholen."

Vor einem Jahr richtete ein Amokläufer zweitausend Kilometer von Arkansas entfernt in einer Grundschule in Newtown, Connecticut, ein Blutbad an. Zwischen 9.30 Uhr und 9.40 Uhr am Morgen des 14. Dezember 2013 zog der offenbar psychisch gestörte Adam Lanza mit einem halb automatischen Sturmgewehr durch Flure und Klassenzimmer. 154 Mal drückte er den Abzug. Zwanzig Kinder und sechs Schulangestellte starben, ehe der Attentäter sich selbst tötete.

Das Massaker erschütterte Amerika. Präsident Obama hielt eine aufwühlende Rede, die Nation vereinte sich im Schmerz. Wie Obama plädierten zwei Drittel der Amerikaner für ein Verbot von Sturmgewehren, acht von zehn waren für eine schärfere Kontrolle von Waffenverkäufen. Demokratische und republikanische Senatoren arbeiteten an einer gemeinsamen Initiative. Für einen Moment schien es, als rücke das politisch heillos zerstrittene Amerika zusammen. Doch die mächtige Waffenlobby NRA mobilisierte gegen jede Einschränkung des Waffenbesitzes und setzte mit ihren gut vier Millionen Mitgliedern die Politik in Washington unter enormen Druck. Ein nationales Waffengesetz scheiterte schon im ersten Anlauf.

Die Schuldirektorin Nancy Anderson hat ihre mit 15 Kugeln geladene Smith & Wesson immer dabei. Mal steckt sie in ihrer rosafarbenen Handtasche, mal im schwarzen Anorak, auf dem groß "Security" steht. In ihrem Schreibtisch liegt noch eine zweite Neun-Millimeter-Pistole, eine mit einem Laser ausgestattete schwarze Glock. Und in einem halben Dutzend über das gesamte Schulgelände verteilten Safes werden weitere Schusswaffen aufbewahrt. Nur Anderson und eine Handvoll speziell ausgebildeter Kollegen besitzen dafür einen Schlüssel. Wer zu diesem Kreis gehört, will die Direktorin von 625 Schülern zwischen fünf und achtzehn Jahren nicht preisgeben. Nur so viel sagt sie: "Auch ein Cafeteria-Mitarbeiter ist darunter."

Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, haben sich Hunderte von Schulen in Amerika bewaffnet. Jedes zweite Elternpaar glaubt inzwischen, seine Kinder seien dadurch sicherer. "Wir leben wieder wie im Wilden Westen", empörte sich neulich ein deprimierter Mitarbeiter des Weißen Hauses.

Im Sommer versuchte der Justizminister des Bundesstaates Arkansas der Schulleiterin Anderson und zwölf weiteren Direktoren die Bewaffnung zu untersagen. Was sie täten, sei "ungesetzlich", sagte er. Schulen dürften zu ihrem Schutz zwar Polizisten einstellen oder einen Wachdienst. Doch Lehrer einer staatlichen Einrichtung seien keine Sicherheitsleute. Der Schul- und Polizeiausschuss des Parlaments gab zunächst dem Justizminister recht. Doch dann trat Nancy Anderson in den Zeugenstand und sagte voller Empörung: "Für Polizisten fehlt meiner Schule das Geld, ist das Leben armer Kinder darum weniger wert? Sollte jemals ein Amokläufer meine Schüler bedrohen, will ich ihm mehr als nur einen Metallhefter entgegenschleudern können." Die Worte zeigten Wirkung, der Ausschuss revidierte sein Urteil. Seither ist Anderson für viele in Arkansas eine Heldin.

Zehn Minuten hatte der 20-jährige Attentäter von Newtown, ehe die Polizei die Schule stürmte. Zehn Minuten, die für ein Blutbad ausreichten. Zu Weihnachten wollte seine Mutter, die er ebenfalls erschoss, ihrem Sohn ein weiteres Gewehr schenken, den Scheck hatte sie bereits ausgefüllt. Minutiös hat die Staatsanwaltschaft von Connecticut das Verbrechen rekonstruiert. Der Bericht ist ein erschreckendes Dokument des Waffenwahns.

Auch an der Morning-Cutter-Star-Schule wurde der Opfer von Newtown gedacht. Nach einer Schweigeminute, erzählt Anderson, seien sich Kinder, Eltern und Kollegen weinend in die Arme gefallen und hätten gefragt: "Wie können wir uns besser schützen?" Mit Schrecken erinnerten sich noch manche, wie vor Jahren ein entflohener Häftling mit einem Gewehr über das Schulgelände gerannt war.

Doch für viele Menschen im Süden Amerikas wie in den Weiten des Mittleren Westens erscheint die Debatte über ein strengeres Waffengesetz wie von einem anderen Stern. Hier am Rande des Kurstädtchens Hot Springs in Arkansas lernen viele schon schießen, bevor sie schreiben können. Nancy Anderson ging bereits als kleines Kind mit dem Großvater auf die Jagd. Die Eltern betrieben auf dem Land eine Tankstelle samt Lebensmittelladen. Neben der Kasse habe stets eine geladene Flinte gelegen. "Waffen", sagt die Schulleiterin, "gehören zu unserem Haushalt wie Messer und Gabel."

Der Amoklauf von Newtown ließ Anderson nicht los. Immer wieder habe sie von der Direktorin der Sandy-Hook-Grundschule geträumt. Mutig, aber unbewaffnet hatte sie sich damals dem Attentäter entgegengestellt. Sie wurde erschossen. Im Traum, sagt Anderson, schlüpfe sie in die Rolle der Kollegin, halte eine Pistole in der Hand und strecke den Mörder nieder. Für sie gibt es darum nur eine richtige Antwort auf das Massaker: "Gegen einen schlechten Menschen mit einem Gewehr hilft nur ein guter Mensch mit einem Gewehr."