Vladimir Putin und Valery Gergiev besichtigten im Mai zusammen die neue Bühne des Mariinsky Theaters in St. Petersburg. © EPA/ANATOLY MALTSEV/dpa

Ganz zweifellos ist Valery Gergiev, 60, der einflussreichste russische Dirigent der Gegenwart. Sein Jahreseinkommen wird auf zwölf Millionen Euro geschätzt, neben dem Petersburger Mariinski-Theater leitet er das Philharmonische Orchester Rotterdam, das London Symphony Orchestra und von 2015 an auch die Münchner Philharmoniker. Er hat Anna Netrebko im Petersburger Konservatorium entdeckt (beim Putzen, allerdings nicht der Toiletten, wie die Legende sagt, sondern des Foyers), und in Interviews mit westlichen Medien betont er gern, dass "sein Freund" Wladimir Putin im Vergleich zu Boris Jelzin ein "wirklicher Demokrat" sei. Als die russische Armee 2008 im Konflikt mit Georgien seine südossetische Heimat besetzte, gab Gergiev prorussische Konzerte, und als Putin 2012 wieder Präsident werden wollte, fand er in Gergiev einen Wahlkämpfer. Man kann nicht sagen, dass Gergiev aus seinem Künstlerherzen je eine politische Mördergrube gemacht hätte.

Was haben sich die Münchner Philharmoniker also dabei gedacht, als sie ihn im Januar zum Nachfolger von Lorin Maazel kürten? Dass Gergiev seine Gesinnung an den Landesgrenzen der Russischen Föderation abstreifen würde wie einen Muff? Dass er gar gegen Putin zu Felde zöge? Sie werden sich eben gedacht haben, dass sie mitmischen wollen im Musikbusiness und dafür einen Strahlemax-Namen brauchen, ganz egal, wofür dieser steht (auch künstlerisch übrigens). Als hätten sie sich mit dieser Strategie in der Vergangenheit nicht schon genug blamiert. Bei James Levine wollten SPD und Grüne seinerzeit Einblick ins polizeiliche Führungszeugnis nehmen, weil in den USA angeblich Pädophilie-Vorwürfe kursierten; und die Zusammenarbeit mit Christian Thielemann scheiterte an unterschiedlichen Vorstellungen von Führungsarbeit und Disziplin.

Drei Konzerte hat Gergiev gerade in München gegeben. Vor dem Gasteig wurde demonstriert, der Stadtrat tagte, und auf einer Pressekonferenz redete sich der Dirigent, was Putins Anti-Homosexuellen-Gesetze betrifft, erneut um Kopf und Kragen: Vor Kindern sollte man besser über Puschkin und Mozart reden als über "nicht traditionelle Lebensformen". Man mag die ganze Empörung so kompensatorisch wie hysterisch finden. Was kann ein einzelner Musiker gegen die Weltpolitik ausrichten? Aber ebenso wenig wie Putins jüngste Amnestien sein Image aufpolieren, wird Valery Gergiev sich eines anderen besinnen. Dafür ist das Netz der Abhängigkeiten zu fest geknüpft. Das westliche Musikleben nur sollte so frei sein und so frei bleiben, sich zu überlegen, ob es einen wie ihn braucht.