Für die Deutschen wird 2014 ein gutes Jahr werden. Das ist kein Fakt, sondern eine Prognose – aber eine, die sich gut begründen lässt. In der Weltwirtschaft sind derzeit Kräfte am Werk, die Deutschland fast unaufhaltsam nach oben schieben. Das Geld ist so günstig wie nie, weil Anleger von überall her ihr Erspartes hierzulande anlegen wollen, wo es ihnen besonders sicher erscheint. Diese Finanzströme sind eine wichtige Stütze für die deutsche Konjunktur, weil Investitionen somit günstig finanziert werden können.

Zudem profitieren die hiesigen Unternehmen davon, dass sich das starke Deutschland die Währung mit den weniger starken Staaten im Süden der Europäischen Union teilt. Deren Schwierigkeiten drücken den Wechselkurs des Euro an den internationalen Devisenmärkten nach unten – mit der angenehmen Folge, dass die deutschen Firmen ihre Waren im Ausland preisgünstiger anbieten können.

Es muss schon ziemlich viel schieflaufen, damit unter solchen Bedingungen kein Aufschwung zustande kommt. Und weil in Deutschland zurzeit nicht so viel schiefläuft, dürfte die Wirtschaft im kommenden Jahr ordentlich wachsen. Die Löhne und die Gehälter werden steigen, die Steuereinnahmen zulegen, und die Staatsschuldenquote wird von ganz alleine zurückgehen. Es ist noch nicht so lange her, da galt es als ausgemacht, dass es in Deutschland nichts mehr zu verteilen gibt. Jetzt kann die Große Koalition unter Angela Merkel und Sigmar Gabriel nach bisheriger Planung in den kommenden vier Jahren rund 23 Milliarden Euro verteilen.

Und was macht die Große Koalition ohne große Krise?

Am Ende könnte es sogar die eine oder andere Milliarde mehr werden. Schließlich steht auch der Rest der Welt heute wirtschaftlich besser da als noch vor ein paar Monaten. In den Vereinigten Staaten geht es wieder aufwärts, und das strahlt wegen des ökonomischen Gewichts der amerikanischen Wirtschaft auf alle Kontinente aus.

Sogar in Europa ist wohl das Schlimmste vorbei. Irland und Spanien haben den europäischen Rettungsschirm bereits verlassen, Portugal könnte im Frühjahr folgen. Griechenland wird neue Hilfe benötigen, doch um sehr viel Geld geht es da nicht. Mit Ausnahme von Zypern dürfte die Wirtschaft in allen Krisenstaaten wieder wachsen.

Die Arbeitslosigkeit ist damit zwar noch lange nicht besiegt. Doch so bitter das für die Betroffenen ist: Für die deutsche Wirtschaft ist das kein existenzielles Problem. Die hiesigen Unternehmen verdienen ihr Geld zunehmend auf dem Heimatmarkt oder weichen nach Asien aus. Europa hat an Bedeutung verloren. Und wenn die Situation eskaliert, wird sich wie bisher schon die Europäische Zentralbank der Sache annehmen.

Es kann natürlich auch anders kommen. Risiken gibt es ja immer mehr als genug. Vielleicht gelangen in Griechenland extreme politische Parteien an die Macht. Vielleicht kippt die Konjunktur in Frankreich. Vielleicht platzt die Schuldenblase in China. Wahrscheinlicher aber ist, dass 2014 die Wende im Kampf gegen die Krise gelingt. Damit ist nicht gesagt, dass Europa wieder zu alter Stärke zurückfindet. Aber es dürfte erheblich ruhiger zugehen. Vielleicht sogar für die nächsten vier Jahre.

Angela Merkel hat nach ihrer Wiederwahl den Deutschen versprochen, dass es ihnen am Ende der Legislaturperiode besser gehen wird als heute. Es sieht ganz so aus, als werde sie ihr Versprechen halten können, ohne viel dafür tun zu müssen. Das unterscheidet diese schwarz-rote Regierung von früheren Allianzen der beiden großen Volksparteien. Damals waren die Themen vorgegeben: Die erste Große Koalition musste sich um die schwere Konjunkturkrise der sechziger Jahre kümmern, die zweite um die Weltfinanzkrise. Das dritte Bündnis zwischen Union und Sozialdemokraten muss sich nun sein Thema selbst suchen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Das ist für das Land zunächst einmal eine Chance. Merkel und Gabriel können sich um die Dinge kümmern, von denen die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands abhängt: die Infrastruktur, den demografischen Wandel, die Lebensverhältnisse derjenigen, die von der wirtschaftlichen Erholung nicht profitiert haben, die künftige Gestalt Europas.

Regierungstechnisch ist der Zugewinn an Gestaltungsfreiheit eine ziemliche Herausforderung. Eine Panne bei der Rettung einer Bank kann einen Flächenbrand auslösen. Das diszipliniert die Beteiligten und erzwingt pragmatische Lösungen. Wenn eine Brücke nicht gebaut wird, dann geht das Land nicht gleich zugrunde. Die Konjunktur ist derzeit sogar so stabil, dass auch größere Fehlentscheidungen – bei der Rente, bei der Energiewende, beim Mindestlohn – die Wirtschaft kurzfristig nicht aus der Spur bringen werden. Der Schaden wird erst im nächsten Abschwung zu besichtigen sein. Damit fällt ein wichtiges Regulativ politischen Handelns weg.

Die vergangenen acht Jahre haben gezeigt, wie Politik unter Druck funktioniert. Die kommenden vier Jahre könnten zeigen, wie Politik ohne Druck funktioniert. In diesem Fall muss sich auch die Krisenkanzlerin Merkel eine neue Rolle suchen. Sie kann sich nicht mehr in den Strom der Ereignisse stellen, sondern muss selbst Ereignis werden. So wird vielleicht in ihrer dritten Amtszeit offenbar, wofür Angela Merkel eigentlich steht. Das ist die politische Dimension des Aufschwungs.

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