Ohne Antibiotika und Mikroelektronik, ohne Pflanzenzucht, Blinddarmoperationen oder Solarzellen. Ohne diese und zahllose andere Errungenschaften menschlicher Neugier sähe das Leben ganz anders aus. Wir wären hungriger, kränker, ignoranter, die meisten von uns wären vermutlich schon tot – oder nie geboren worden.

Dabei fußen die Erfolge der modernen Forschung auf simplen Prinzipien: auf systematischem Ergründen und skeptischem Hinterfragen. Irgendwann in der frühen Neuzeit hatte sich diese kritische Geisteshaltung als jene herauskristallisiert, die zu verlässlichen Aussagen über die Welt führt. Doch ausgerechnet heute, da wir die Früchte jahrzehnte-, ja jahrhundertelangen Forschens ernten, in einer Zeit, in der alle Lebensbereiche von der Wissenschaft durchdrungen zu sein scheinen, ausgerechnet jetzt wird das Vertrauen in die erfolgreiche Erkenntnismaschinerie schwer erschüttert.

Gerade hat der frisch geehrte Physik-Nobelpreisträger Peter Higgs gesagt, heute würde er an keiner Universität mehr einen Job bekommen, da von jungen Forschern erwartet werde, "einen Aufsatz nach dem anderen rauszuhauen". Parallel zürnte der diesjährige Nobel-Laureat für Medizin, Randy Schekman, den führenden Fachzeitschriften Nature und Science. Er warf ihnen "Verzerrung" und "Tyrannei" vor, weil sie statt Relevanz "sexy Themen" und "steile Thesen" bevorzugten; damit könnten sie "Forscher dazu verleiten, zu pfuschen" – mit den beiden altehrwürdigen Institutionen griff er zwei tragende Säulen des Systems an.

Und der Starpsychologe Daniel Kahneman, ebenfalls Nobelpreisträger, warnte im Frühjahr, dass die gesamte Fachrichtung der Sozialpsychologie "gegen die Wand fahren" werde, nachdem sich eine Reihe von Ergebnissen aus wichtigen Studien des Feldes nicht bestätigen ließen.

Tatsächlich häufen sich die Meldungen, die nicht in das Idealbild der Wissenschaft passen: Fachzeitschriften ziehen heute 15-mal so viele fragwürdige Artikel zurück wie noch vor zehn Jahren. Als die Biotechfirma Amgen mehr als 50 wichtige Krebsstudien wiederholte, bestätigten sich deren Resultate nur in zehn Prozent der Fälle. Das heißt, neun von zehn vermeintlich sicheren Erkenntnissen der Wissenschaft waren gar keine.

Ähnlich erging es dem Pharmaunternehmen Bayer, wo sich laut einer internen Umfrage in gerade mal einem Viertel der einbezogenen 67 Projekte die jeweils relevanten Veröffentlichungen erfolgreich replizieren ließen. Verlassen kann man sich also auf viel weniger, als man meint.

Daran sind nicht nur Fälscher und Plagiatoren schuld, über die in den letzten Jahren so viel zu lesen war. Einzelne mögen böswillig betrügen, gravierender aber für die Qualität der Wissenschaft insgesamt sind Fehler im System. Die erscheinen zunächst vielleicht harmlos, wirken aber verhängnisvoll.

Denn gleichzeitig wächst die Menge der Forschungsergebnisse rasant: Weltweit arbeiten heute rund sieben Millionen Wissenschaftler. Sie versuchen, ihre Resultate in mehr als 30.000 Fachzeitschriften zu veröffentlichen. In einem einzigen Jahr erscheinen nach Zählung von Nature 1,4 Millionen Fachaufsätze – das sind Tag für Tag 3850 Stück. Selbst in ihrem eigenen Fachgebiet können Spezialisten kaum noch die Literatur überblicken und beurteilen, was davon wirklich etwas taugt. In dieser Lage können schwarze Schafe, blinde Flecken und Schlupflöcher die gesamte Wissenschaft in Misskredit bringen. Sollten sie überhandnehmen, es wäre ein Schaden für alle, mit Folgen für jeden.

Abhilfe ist dringend nötig. Junge Forscher versuchen, die Schwachstellen auszubessern: als Aufdecker, Fallensteller, Replikateure, Fehlerjäger, Negativpublizisten und Reformatoren.