Die Negativpublizisten

Selbst wenn Paper zweifelsfrei stimmen, verzerren sie in der Summe die Wirklichkeit – weil viele korrekte Studienergebnisse unter den Tisch fallen. Es sind Resultate fehlgeschlagener oder ergebnisloser Experimente.

JUnQ soll das ändern, eine höchst ungewöhnliche Fachzeitschrift. Ersonnen wurde sie auf einem Workshop von Nachwuchsforschern, beheimatet ist sie an der Universität Mainz. Ihr Titel ist kokett, klingt wie junk, englisch für Müll, steht aber für Journal of Unsolved Questions – "Zeitschrift für ungelöste Fragen".

Das Titelthema der Januarausgabe von JUnQ , "Qualität in der Wissenschaft", passt zur Mission des Teams. Der Chemiker Andreas Neidlinger beschreibt sie so: "Wir möchten Forschungsarbeiten öffentlich machen, die sonst in der Schublade verschwinden würden." Verschwinden, weil ein Experiment nicht zum gewünschten Resultat geführt hat – Negativergebnisse haben bei Fachzeitschriften kaum Chancen. Gleichzeitig gilt für junge Forscher: publish or perish! Wer nicht veröffentlicht, kann seine Karriere vergessen. So werden überwiegend positive Befunde eingereicht, von Studien, bei denen herauskam, was der Autor erwartet hatte. Seit 1990 hat sich der Anteil von Veröffentlichungen mit Negativergebnissen halbiert. "Dass etwas nicht funktioniert, ist aber für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn genauso wichtig", findet Neidlinger.

Offenbar hat JUnQ damit einen Nerv getroffen. Im Jahr 2012 erhielt das Team den Deutschen Ideenpreis, mit der aktuellen Ausgabe geht es schon in den vierten Jahrgang. Andererseits steckt in neuen Heft nur ein einziger Forschungsartikel. "Über ein gescheitertes Projekt zu schreiben ist nicht weniger Arbeit als ein gewöhnlicher Artikel", erklärt Neidlinger. Häufig erleben die JUnQ- Macher, dass Forscher zwar Manuskripte einreichen, bei den Nachfragen der Gutachter dann aber die Lust verlieren. Auch das ungewöhnliche Journal spürt die gewohnten Denkmuster: Was die Karriere nicht voranbringt, verdient auch keinen Aufwand.

Die Reformatoren

Dass sich etwas ändern muss, haben inzwischen auch Institutionen erkannt: Große Fachverlage machen mit einem Projekt ("Crossmark") Korrekturen und Widerrufe von Artikeln auffindbar. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft betont als Kriterium zur Mittelvergabe die Qualität von Veröffentlichungen, nicht mehr nur ihre Anzahl. Mehrere große Replikationsprojekte sind gestartet. Die wunden Punkte der Wissenschaft, das zeigen die Beispiele von den Aufdeckern über die Fallensteller bis zu den Fehlerjägern, können aber nicht geheilt werden, solange nicht der wissenschaftliche Prozess insgesamt reformiert wird. Wie will man künftigen Forschern garantieren, dass sie auf echte Befunde aufbauen?

"Ich befürworte das heutige System des Peer-Reviews zwar, aber ich denke, dass es ergänzt werden könnte", formuliert Diana Deca vorsichtig. Als Neurowissenschaftlerin promoviert sie an der TU München, als studierte Wissenschaftsphilosophin denkt sie über genau diese Ergänzung für das Peer-Review nach. Gemeinsam mit einem Kollegen sammelt sie seit vier Jahren Ideen ein, quer durch die scientific community . "Wir haben ziemlich viele Übereinstimmung vorgefunden", sagt Deca. Die Schnittmenge der Visionen: Gutachter sollen nicht länger anonym sein, ihre Arbeit soll öffentlich bewertet werden. Vor allem soll die Begutachtung eines Aufsatzes auch über dessen Publikation hinaus andauern, sodass weitere Experten und jeder Leser die Güte beurteilen können. Alle Reviews wären ebenfalls öffentlich – und bewertbar. Open evaluation heißt das. Mehr "Tempo, Kontrolle und Transparenz" verspricht Deca sich davon. "Außerdem kommen mehr Menschen und neue Bewertungsformen ins Spiel."

Dass solche Ideen funktionieren können, zeigt das Beispiel arxiv.org. Auf diesen Server laden vor allem Physiker, Mathematiker und Informatiker ihre neuesten Manuskripte ("preprint") hoch, derzeit rund 8000 Aufsätze pro Monat. Informelles Gegenlesen führt dazu, dass manche Aufsätze erst gar nicht zu einer Fachzeitschrift geschickt werden, viele andere werden dank Hinweisen der arxiv-Nutzer später in einer verbesserten Fassung abgedruckt. Und im Jahr 2006 wurde erstmals für einen ausschließlich auf arxiv veröffentlichten Aufsatz die Fields-Medaille verliehen – für Mathematiker das Äquivalent des Nobelpreises. Gerade wird der Nutzerkreis auf Biologen ausgeweitet.

Einzelne Komponenten für ein künftiges Modell existieren also bereits.

Fazit

An den unterschiedlichsten Stellen suchen Forscher schon nach Lösungen, sie investieren Mühe und (Frei-)Zeit, probieren neue Ideen aus. Jetzt muss aus den einzelnen Initiativen ein ernsthafter Umbau werden. Klar ist, die Qualitätskontrolle gehört auf viel mehr Schultern verteilt als bisher, der gesamte Prozess muss transparenter sein. Allein die schiere Masse an Forschern und Ergebnissen macht das nötig – und die digitale Vernetzung macht es möglich. Damit der Umbau funktioniert, müssen die Anreize und der Rahmen stimmen: Eine von mehreren zentralen Forderungen (siehe Kasten oben) lautet, dass Forschungsergebnisse wieder häufiger durch Wiederholung nachgeprüft werden sollen. Damit das kein frommer Wunsch bleibt, müssen bei der Planung künftiger Forschungsprogramme von vornherein eigene Budgets für die Replikation vorgesehen werden. Es geht um nicht weniger als eine neue Forschungsarchitektur.

Zuständig für deren Entwurf sind nicht in erster Linie Forschungspolitiker, sondern die Forscher selbst. Nicht nur weil sie das jetzige System am besten kennen. Sondern weil es ihr Job ist, Probleme zu lösen und Neues zu entdecken. So gesehen, waren die Chancen, einen neuen Rahmen für die menschliche Neugier zu erfinden, nie besser als heute: Sieben Millionen Wissenschaftlern sollte da doch etwas einfallen.

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