DIE ZEIT: Herr Zöllner, hat die Wissenschaft bei der Qualitätssicherung versagt?

Jürgen Zöllner: Von Versagen würde ich nicht sprechen, aber sie hat das Problem zu lange nicht ernst genug genommen. Wir leben in einer Wissenschaftsgesellschaft. Wissenschaft durchdringt heute alle Lebensbereiche. Sie ist die akzeptierte Methode, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, auf denen unsere Wirtschaft und unsere Technologie, ja unsere Zivilisation beruhen. Der Staat investiert Milliarden in die Forschung. Wenn dem so ist, dann muss die Gesellschaft sicher sein können, dass die Wissenschaft alles tut, um Schlamperei und Betrug zu verhindern.

ZEIT: Und diese Sicherheit gibt es heute nicht?

Zöllner: Ich fürchte nein. Aus anonymen Umfragen von Kollegen in den Lebenswissenschaften ergibt sich, dass in etwa einem Viertel aller Forschungsprojekte vermutlich nicht sauber gearbeitet wird. Das geht hin bis zu Fälschungen, um ein gewünschtes Ergebnis zu erhalten. Wissen Sie, mit wie vielen solcher Fälle sich die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) pro Jahr beschäftigt?

ZEIT: Verraten Sie es uns.

Zöllner: Pro Jahr werden bei der DFG 50 Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens angezeigt, von denen nur die Hälfte so ernst genommen wird, dass man sie untersuchen muss. Bei wiederum der Hälfte davon handelt es sich um Streitigkeiten über die Autorenschaft, um die eher innerwissenschaftliche Frage also, wer sich mit den Forscherlorbeeren schmücken darf. Am Ende bleibt nur eine Handvoll Fälle über, in denen es um Datenmanipulation geht. Die Diskrepanz zwischen der Zahl der vermuteten und der Zahl der aufgedeckten Unregelmäßigkeiten ist also offensichtlich. Ich sehe da dringenden Handlungsbedarf.

ZEIT: Sind solche Fehler oder Schummeleien in den Naturwissenschaften bedenklicher als Plagiate in den Geisteswissenschaften?

Zöllner: Überhaupt nicht. Nur sind die Dimensionen hier andere und auch die Auswirkungen. In die Gesundheitsforschung zum Beispiel werden Milliarden investiert. Wenn Sie dann erfahren, dass bemerkenswert viele Schlüsselexperimente aus bekannten Forschungsgruppen von der pharmazeutischen Industrie nicht reproduziert werden können, dann stimmt das bedenklich. Aber die Folgekosten können auch in den Gesellschaftswissenschaften hoch sein. Das zeigt die fehlerhafte Harvard-Studie von Reinhart und Rogoff zum Zusammenhang von Verschuldung und Wirtschaftswachstum. Darauf baute unter anderem der Internationale Währungsfonds einen Teil seiner Politik auf. Die Studie hat mittelbar auch das Verhalten von Frau Merkel in der Euro-Krise beeinflusst. Bis ein Doktorand herausfand, dass die Ergebnisse falsch waren, weil die Wissenschaftler sich in einer Excel-Tabelle vertan hatten.

ZEIT: Aber es gibt doch Gutachter oder zum Beispiel Richtlinien der DFG?

Zöllner: Die Gutachter sind oft überfordert. Wir haben ja – überspitzt gesagt – schon jetzt die Situation, dass die besten Wissenschaftler kaum noch zum eigenen Forschen kommen, weil sie laufend andere Forschungen oder Anträge begutachten müssen. Und die Richtlinien der DFG zum guten wissenschaftlichen Arbeiten stammen aus dem Jahr 1998. Kürzlich haben sie ein paar kleine Aktualisierungen erfahren. Aber mittlerweile eröffnen die modernen Informationstechniken so viele neue Möglichkeiten der Qualitätssicherung. Die sind noch längst nicht ausgeschöpft.