Wenn man dieser Frau etwas nicht vorwerfen kann, dann Inkonsequenz. Anne-Marie Rey gönnt sich eine warme Dusche pro Woche. Das Wohnzimmer heizt sie höchstens auf 20 Grad. Fleisch kommt nur dreimal die Woche auf den Teller. Und wenn sie Weihnachtsguetzli backt, dann atheistisch korrekt: Bei ihr gibt es Herzen und Sterne, aber niemals Kreuze, Engel oder gar Marien.

Konsequent ist Anne-Marie Rey auch in ihrem Engagement für den Schwangerschaftsabbruch. Seit mehr als 40 Jahren. 1971 gründete sie das erste Initiativkomitee, das straflose Abtreibungen verlangte. Drei Jahrzehnte und vier Abstimmungskämpfe lang lobbyierte sie als Co-Präsidentin der Vereinigung für Schwangerschaftsabbruch und als SP-Mitglied des Berner Grossen Rates, bis 2002 – "endlich!" – die Fristenregelung angenommen wurde. Die erlaubt es Frauen, eine Schwangerschaft bis in die zwölfte Woche straffrei abzubrechen. Neben der Politarbeit zog die ausgebildete Übersetzerin drei Kinder groß.

Und jetzt kämpft die 76-Jährige wieder. Gegen die Volksinitiative "Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache", über die wir am 9. Februar abstimmen. Christliche und rechtskonservative Kreise wollen den Schwangerschaftsabbruch aus der Grundversicherung der Krankenkassen streichen. Wer abtreibt, soll die Kosten selber tragen.

Das Argumentarium gegen die Initiative: Es stammt aus der Feder von Anne-Marie Rey, diesem "wandelnden Lexikon", wie Barbara Berger, Zentralsekretärin der SP Frauen, sagt. "Bedingungslos in ihrem Engagement", "radikal in ihren Ansichten", "sattelfest, was das Dossier betrifft", und mit dem Hang der ungeduldigen Seele, "die alles und sofort haben will": So beschreiben Berger und Claudine Esseiva, Generalsekretärin der FDP Frauen, die Grande Dame der Fristenregelung. Beide könnten sie die Tochter von Rey sein – nun kämpfen sie Seite an Seite mit ihr gegen die Abtreibungsinitiative.

Auf die Frage "Was treibt Sie am meisten um?" gibt Anne-Marie Rey eine kurze, klare Antwort: "Dasselbe wie vor 40 Jahren: die Abtreibungsfrage." Woher aber hat sie den Elan, jeden ihr missliebigen Internetbeitrag zu kommentieren, in Leserbriefen, Mails und auf Facebook gegen die "fiesen Seelenmassagen" ihrer Gegner anzuschreiben und auf ihrer Website Aufklärungsarbeit in Sachen Schwangerschaft und Abtreibung zu leisten? "Es ist die Wut", sagt sie. "Die Wut, dass es im 21. Jahrhundert noch Leute gibt, die den Frauen vorschreiben wollen, ob und wann sie Kinder zur Welt zu bringen haben." Sosehr die Wut sie anstachelt, so sehr ist die Selbstbestimmung der Frau das Ziel. Und deren Gleichberechtigung. Denn, sagt Rey, "solange Frauen nicht frei über die Mutterschaft entscheiden können, so lange bleibt die Gleichberechtigung der Geschlechter ein Traum."

Dass man Anne-Marie Rey trotzdem in keiner Abstimmungs-Arena sehen wird, jedenfalls nicht in der ersten Reihe, hat seinen Grund. "Ich kann mich nicht beherrschen", sagt sie. Ist sie nicht milde geworden in all den Jahren? Großzügig dem politischen Gegner gegenüber? "Im Gegenteil, ich rege mich immer mehr auf." Hat sie zumindest Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, die aus religiösen Gründen eine Abtreibung niemals gutheißen können? "Ich habe Mühe", sagt sie. "Ich verstehe nicht, wie ein vernunftmäßig denkender Mensch sagen kann, eine befruchtete Eizelle sei ein Mensch wie Sie und ich." Als Mitglied der Berner Freidenker sieht sie sich auf der Seite der Vernunft.

Steht man vor ihrer Haustür in Zollikofen, so zögert man. An ihrer Klingel steht nicht ihr Name, sondern der eines Mannes, ihres Mannes: Hans Jakob Rey. Wohnt so eine Feministin?