Sie nennen ihn den Hügel. Aber es ist kein Zauberberg. Die Abgeschiedenheit des Hauses auf der Anhöhe, dort, wo keine Straßenlaternen leuchten, ist keine Medizin, sie soll keine Linderung verschaffen. Was einst eine Klinik war, ist heute ein Wohnheim für geistig behinderte Eltern und ihre Kinder. Hier wird nicht mehr kuriert, hier wird mit menschlichen Defekten gelebt. Das Haus im Brandenburgischen ist das Zuhause von Barbara Seling* und ihrem achtjährigen Sohn Fabian. Barbara Seling leidet unter dem Dandy-Walker-Syndrom, einem Defekt im zentralen Nervensystem, der Körper und Kopf langsam macht. An ihrem Sohn Fabian ist nichts langsam. Schon als Kleinkind war er in vielem schneller als seine Mutter, bald verkehrten sich die Rollen: Obwohl noch ein kleiner Junge, ist Fabian seiner Mutter überlegen. Schon jetzt weiß und kann er mehr als sie. Wie andere Mütter ihr Kind auf das Leben vorzubereiten, ihm die Welt zu erklären, ihm Sicherheit zu geben – Barbara Seling ist dazu nicht fähig.

Das Haus von Uwe Frevert steht auf keinem Hügel. Wo er lebt, sind die Flächen eben, in seinem Zuhause sind Waschbecken und Herd tiefergelegt. Uwe Frevert war ein kleines Kind, als die Polio seinen Körper lahmlegte. Seitdem sitzt er im Rollstuhl, er kann die Beine gar nicht, den rechten Arm nur eingeschränkt bewegen. Uwe Frevert ist nun 57 Jahre alt, er hat zwei Söhne, den 17-jährigen Justus und Jonathan, 21. Vor einigen Jahren haben er und seine Frau sich getrennt, die beiden Jungs leben bei ihm.

Zum ersten Mal gibt es eine Generation behinderter Eltern

Dass behinderte Menschen wie Frevert und Seling in diesem Land aufwachsen, dass sie Kinder bekommen und Großeltern werden können, ist nicht immer selbstverständlich gewesen. Im Nationalsozialismus ließ man sie töten, und in den Jahren danach musste für sie erst wieder Platz geschaffen werden – auf den Straßen, in den Häusern und in den Köpfen. Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Republik gibt es das: eine Generation Behinderter. Und eine Generation behinderter Eltern. Was außerhalb des Normalen stand, versteckt wurde in Krankenhäusern, Anstalten und Heimen, ist heute Normalität. Eine Normalität, die neue Herausforderungen schafft, denn der Staat hat diese Menschen lange nicht wie Bürger behandelt. Nun muss das Verhältnis neu justiert werden, gesellschaftspolitisch und finanziell.

Eingliederungshilfe lautet das sperrige Wort, hinter dem sich Schicksale wie das von Frevert und Seling verbergen. Über kaum einen Punkt ist in den Koalitionsverhandlungen so gestritten worden. Hinter dem technokratischen Begriff steckt der gesetzliche Auftrag, behinderten Menschen die "Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft" zu ermöglichen. Die Eingliederungshilfe macht mit 14 Milliarden Euro mittlerweile den größten Posten im Sozialhaushalt aus.

"Da springt Hirsch Heinrich über das Gatter seines Gehä-hä...", liest Barbara Seling aus dem Kinderbuch vor. "Mami, Gehege", sagt Fabian. Barbara Selings Stimme ist monoton, manchmal braucht sie mehrere Anläufe, um ein Wort zu formen, dann springt Fabian ein. Jeden Abend bringt Seling ihren Sohn zu Bett, deckt ihn zu und liest ihm eine Geschichte vor. "Du hast gar keine richtige Mutter, die ist behindert", hat vor Kurzem auf dem Schulhof ein Junge zu Fabian gesagt. Fabian hat geschwiegen. Denn es stimmt ja, seine Mutter ist geistig behindert. Und er weiß, dass sie vieles, was andere Mütter können, nicht kann. Deshalb wohnen er und seine Mutter in dem Heim auch nicht zusammen: Fabian lebt in der Kinderwohnung unter dem Dach, Barbara 230 Kinderschritte entfernt in einer Einliegerwohnung. Das ist nicht immer so gewesen.

"Vor zwei Jahren haben sich Frau Seling und Fabian getrennt, damit sie zusammenbleiben können", sagt Betreuerin Isolde Hass. Fabian nennt sie "meine Isolde". Er kennt sie, seit er denken kann. Isolde hat seine Mutter betreut, als sie noch zusammenlebten. Sie hat Barbara Seling gezeigt, wie man einen Säugling wickelt, hat ihr beigebracht, dass kleine Kinder sich nicht nur von Nudeln mit Tomatensoße ernähren können, hat sie gelehrt, dass auf der Couch sitzen und Nein sagen nicht reicht, um einen auf den Fenstersims kletternden Jungen vor dem Sturz zu bewahren.

Fabian ist vier, als er aus seiner Mutter nicht mehr schlau wird. Wenn sie ihn zur Kita bringt, sagt sie: "Zieh dir die Schuhe an", dabei steht er schon fertig angezogen an der Tür. Wenn sie sagt: "Ich hab dich lieb", ihre Mimik aber wegen des defekten Nervensystems wie versteinert bleibt, dann glaubt er ihren Worten nicht. Fabian merkt, dass seine Mutter ihm keine Grenzen setzen kann, sondern er sie an ihre Grenzen bringt. Er lässt sich von ihr nichts mehr sagen, tobt durch die Wohnung, schreit sie an, nennt sie dumm. Barbara Seling kann mit Fabian nicht mehr mithalten.