Was wäre Europa bloß ohne Wegweiser wie Joschka Fischer, der vor ein paar Wochen in der ZEIT voraussagte, "all das, was Europa als lebendiges Gebilde ausmacht, das wird verschwinden, und in das Vakuum wird ein alter und ein neuer Nationalismus hineinstoßen"?

Ganz einfach: Europa wäre besser dran. Apokalyptik und Angstmache mögen auf Kanzeln und in Buchläden funktionieren. Als Antrieb für einen Kontinent, der die Demokratie, die Aufklärung und den Liberalismus erfunden hat, ist solche schwarze Pädagogik schlicht bizarr. Aus irgendeinem Grund aber hat sich ein mahnendes europäisches Über-Ich in besonders vielen deutschen Köpfen festgesetzt, und es scheint nicht zu stoppen. Es flüstert immerfort von einer "Föderation", von der "Vollendung" Europas als einziger Rettung – ohne dass seine Besitzer wüssten, was damit eigentlich gemeint sein soll.

Vielleicht ist es Zeit, dieses Über-Ich mit einer kühlen Logik zu schocken. Wenn Europa ein demokratisches Gebilde ist, dann kann die Integration, kann seine Vollendung nur so weit gehen, wie die Völker Europas zu ihr bereit sind. Gemessen an dieser Bereitschaft, ist Europa heute – Achtung! – fertig. Es ist tragisch, aber Tatsache: In ebenjenem Moment, in dem Europa maximalen Zusammenhalt bräuchte, um seine Verschuldungskrise zu überstehen, bringen seine Bürger minimale Akzeptanz für noch mehr Verdichtung auf. "Mehr Europa"-Beschwörung hilft dagegen nicht, im Gegenteil, sie macht eher allergischer. Was also ist 2014 zu tun, wenn man ein Freund Europas ist und es bleiben will?

Europäer sind zur Solidarität verdammt

Fangen wir mit einer komplett unromantischen Lagebetrachtung an, dann fehlt Europa, um zu gesunden, womöglich nicht der Mut zur Integration, sondern zur Desintegration. Rein ökonomisch schließlich könnte es das Vernünftigste sein, die Währungsunion kontrolliert aufzulösen, bevor dies unkontrolliert passiert, etwa durch Staatsbankrotte in Italien oder Frankreich und dadurch ausgelöste politische Kurzschlussreaktionen. Eine geregelte Euro-Demontage allerdings wird es nie geben, und zwar wegen einer Zirkelsicherung: Die kleineren Euro-Länder werden nicht aussteigen, solange Deutschland dies nicht tut, und Deutschland wird es auf keinen Fall als erstes Land tun. Damit hat sich dieser Ausweg erledigt. (Was durchaus rational ist; man drückt keinen Knopf, der entweder den Weltfrieden bringt oder eine Atombombe auslöst, nur um mal zu schauen, was passiert.)

Die länderübergreifende rationale Feigheit im Falle des Euro hat die zwangsläufige Folge, dass die Europäer währungspolitisch zu noch mehr Solidarität, noch mehr gegenseitiger Abhängigkeit und Kontrolle, noch mehr Integration, ja, sagen wir ruhig: verdammt sind. Wer sich vornehmer ausdrücken möchte, spricht von Alternativlosigkeit. Zu etwas verdammt zu sein sorgt allerdings in keinem Demokratie- und Freiheitsprojekt für gute Laune, nicht einmal in einem so alten und so tollen wie Europa.

Wenn dies aber unbestritten die Lage ist, wenn mehr unpopuläre Integration auf der ökonomischen Seite unausweichlich ist, Europa gleichzeitig jedoch dringend neue populäre Akzeptanz braucht, wäre es dann als Belohnungsaussicht für den anstehenden Klimmzug nicht gut, an den übrigen Gliedern der EU gewisse Entkrampfungen zu versprechen? Wäre es nicht vernünftig, dafür zu sorgen, dass die Europäer das ungute Gefühl loswerden, sie seien prinzipiell und überall zu einer "ever closer union" verurteilt, wie es als Programmsatz noch immer in den EU-Verträgen steht. Wäre es nicht dringend an der Zeit, die Bürger von dem Eindruck zu befreien, Europa habe sozusagen einen chronischen Verlauf genommen?

Integration als Selbstzweck ist vorbei

Im Saldo, so hätte eine erste ehrliche Bestandsaufnahme zu lauten, ist die europäische Integration eben keine reine Erfolgsgeschichte. Sie ist teilweise degeneriert. In den sechzig Jahren ihres Bestehens hat die EU in vielen Feldern mehr Kompetenzen auf sich geladen, als ihr guttut – und in einigen Feldern zu wenige. Für beides, für das Zuviel hier und für das Zuwenig dort, tragen in erster Linie die Mitgliedsstaaten die Verantwortung; sie, niemand sonst, haben die EU entsprechend ausgestattet, zuletzt mithilfe eines Lissabon-Vertrages, über dessen unheimliches Kompetenzpotenzial sie sich heute, bei genauerem Hinsehen, mächtig sorgen. Schuld an dieser Unwucht hat freilich auch der avantgardistische Dünkel vieler Kommissionsbeamter, die glauben, für die segensreichste politische Institution aller Zeiten zu arbeiten. In vier Jahren als Korrespondent in Brüssel habe ich immer wieder Eurokraten getroffen, die freiweg eingeräumt haben, dass ihnen der Grundsatz der Subsidiarität, also der Vorrang der nationalen Ebene, herzlich egal sei. Vor fünfzig Jahren mag eine solche Attitüde noch ihre Berechtigung gehabt haben; das heutige Europa hingegen braucht keine Integration als Selbstzweck mehr.