Vor einigen Wochen veranstaltete die Obama-Administration in einem Washingtoner Hotel eine Konferenz unter dem Namen "Select USA" . Es ging um die Förderung ausländischer Investitionen in den Vereinigten Staaten. Rund 1.200 Leute nahmen daran teil, weitere 1.300 mussten aus Platzmangel abgewiesen werden. Niemand hatte mit so großem Interesse gerechnet.

Offenkundig sind die USA für ausländische Investoren höchst interessant. Dafür sorgt der gewaltige Schub, mit dem niedrige Energiepreise derzeit die Produktion ankurbeln und Europa herausfordern. "Schiefergas und die Reduktion der Energiepreise sind sicherlich zum Vorteil der USA gegenüber Europa", bestätigte jüngst Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds.

Neuinvestitionen von mindestens 114 Milliarden Dollar in die amerikanische Industrie werden gerade von einheimischen und ausländischen Unternehmen aufgrund der billigen Energie geplant. Demgegenüber verharrt Deutschland auf mäßigem Niveau.

Die europäische Industrie ist alarmiert. Sie fürchtet um ihre Wettbewerbsfähigkeit, seit europäische Firmen beginnen, Kapitalanlagen von Europa in die USA zu verlagern. "Der Exodus hat begonnen", sagte ein Geschäftsführer aus Europa. Falls man den Kurs nicht ändere, werde dieser Prozess irgendwann nicht mehr umkehrbar sein.

Insbesondere Deutschland ist durch die Energiepreise herausgefordert. Dort tragen die Exporte mehr als die Hälfte zum Bruttoinlandsprodukt bei – mehr als in jeder anderen großen Volkswirtschaft. Die Herausforderung ist vergleichbar mit den Arbeitsmarktreformen vor zehn Jahren, die wesentlich zu Deutschlands jüngsten wirtschaftlichen Erfolgen beitrugen. Deutschland muss seine Energiewende in gleicher Weise reformieren, um seine Wettbewerbsstärke aufrechtzuerhalten. Sonst drohen niedrigeres Wirtschaftswachstum und Jobverluste bei Großunternehmen und im Mittelstand.

Die Energiewende basiert auf der Annahme, dass die Kosten für konventionelle Energieträger weiter wachsen. Das erschien vor einigen Jahren noch vernünftig. Stichworte waren damals "Peak Oil" – das Erreichen des Maximums der weltweiten Ölproduktion – und das Ende der Ölreserven. Dann aber revolutionierte eine neue Fördertechnik die Gas- und Ölproduktion in den USA. Die Wirkung war erstaunlich. Für Erdgas zahlt man in den USA nur noch ein Drittel des europäischen Preises. Heute macht Schiefergas 44 Prozent der gesamten amerikanischen Erdgasproduktion aus. Die USA haben Russland als weltweit größten Erdgasproduzenten überholt.

Die Anwendung der Schiefergastechnologie auf die Ölgewinnung hat die amerikanische Erdölproduktion seit 2008 um 56 Prozent erhöht. Die Internationale Energieagentur sagt voraus, dass die USA in den kommenden Jahren zum größten Ölproduzenten der Welt werden.

Die wirtschaftlichen Effekte für die USA sind enorm. 2012 hat die Energierevolution zur Entstehung von 2,1 Millionen Jobs beigetragen. Dank zunehmenden Gas- und abnehmenden Kohleverbrauchs im Energiemix sind die CO₂-Emissionen der US-Wirtschaft auf das Niveau von 1994 gefallen, obwohl die Volkswirtschaft seither um 50 Prozent gewachsen ist. Niedrigere Energiekosten ließen das durchschnittliche verfügbare Einkommen der US-Haushalte im Jahr 2012 um 1.200 Dollar steigen.

In Europa hingegen wurde Schiefergas dämonisiert. Die Gefahren wurden übertrieben, wie Erkenntnisse des Massachusetts Institute of Technology und des Umweltkomitees der US-Regierung beweisen. Zudem wird Schiefergas in Europa von vielen fälschlicherweise als kurzzeitiges Phänomen betrachtet. Die neuesten Analysen gehen jedoch davon aus, dass die Reserven der USA für mehr als 100 Jahre ausreichen.

Die Schiefergasrevolution hat die deutsche Regierung in ihrer Energiepolitik auf dem falschen Fuß erwischt. Das Streben nach erneuerbaren Energien – die Energiewende – war ursprünglich darauf ausgerichtet, kohlenstoffarme Energie zu niedrigen Kosten zu liefern. Das ist nicht passiert. Die Kosten steigen ebenso wie die CO₂-Emissionen, da der Kohleanteil im Energiemix steigt, um die Nuklearenergie zu ersetzen und um die schwankende Produktion der erneuerbaren Energien auszugleichen.

Energie kostet die Industrie in Deutschland doppelt so viel wie in den USA. Deswegen erhalten große, energieintensive Unternehmen Rabatte für den Aufpreis, den sie durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bezahlen. Ohne diese Rabatte würde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft untergraben.

Der deutsche Mittelstand dagegen wird nur begrenzt geschützt. Viele kleine und mittlere Unternehmen werden mit voller Wucht von den Preissteigerungen durch das EEG erfasst. Wenn aber deutsche Mittelständler schrumpfen oder pleitegehen, könnten Zulieferketten unterbrochen werden – mit negativen Konsequenzen für alle.

Deutschland riskiert seine industrielle Basis

In einer neuen Studie haben wir den Effekt von Energiekosten auf die deutsche Wettbewerbsfähigkeit analysiert. Bis zu sechs Prozent von Deutschlands Wirtschaft und Industrie sind bis 2030 gefährdet.

Dies führt zu einem Zielkonflikt. Deutschland kann auf seinem Kurs bleiben und seine Energieziele schnell erreichen. Allerdings würden Jobverluste in anderen Sektoren die Gewinne an "grünen Jobs" überwiegen. Der Nettojobverlust könnte im Jahr 2030 bis zu 1,3 Millionen erreicht haben. Das jährliche Durchschnittseinkommen wäre um rund 1.600 Euro niedriger, gemessen am heutigen Preisniveau.

Es geht nicht darum, die Energiewende aufzugeben, sondern darum, die Politik wieder auf Zukunftskurs zu bringen. Drei Schritte sind entscheidend dafür:

Erstens: Die Energiewende hat das Ziel, Deutschland den Weg in eine kohlenstoffarme Zukunft zu weisen. Bislang lag der Fokus auf Zugewinnen bei den erneuerbaren Energien. Die Kosten und die Wirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit wurden jedoch weitgehend ignoriert. Die Aufmerksamkeit muss deshalb auf die Kontrolle der Kostenexplosion durch das EEG gelenkt werden und auf die Einspeisung besonders teurer erneuerbarer Energien.

Zweitens: Gas muss als Ergänzung zu den erneuerbaren Energien gefördert werden. Zurzeit spielt Erdgas nur eine untergeordnete Rolle bei der Energieerzeugung in Deutschland. Doch gasbasierte Stromerzeugung ist sauber, kohlenstoffarm, billig und flexibel. Außerdem ist die Technologie ausgereift. Als kohlenstoffärmster fossiler Brennstoff würde es Deutschlands CO₂-Emissionen reduzieren.

Drittens: Energieintensive Unternehmen brauchen weiterhin Rabatte auf ihre Strompreise. Striche man die Rabatte – was die EU möglicherweise anstreben wird –, wären ganze Sektoren der deutschen Industrie samt ihren Zulieferketten bedroht.

Eine in diesem Sinne reformierte Energiewende wäre mit einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft und Deutschlands Rolle als führende Exportnation vereinbar. Eine vernünftigere Einbeziehung von Erdgas wäre ein wesentliches Element der Reform. Deutschlands Erdgasproduktion ist nicht wegen mangelnder Ressourcen geschrumpft – Perspektiven gibt es sowohl beim konventionellen Gas als auch beim Schiefergas –, sondern wegen politischer und bürokratischer Hürden. Wenn die Politik nicht zügig dafür sorgt, dass die Erdgasproduktion wieder aufgenommen werden kann, vergrößert sich die Abhängigkeit von Erdgas- und Kohleimporten.

Aus geologischer Sicht könnte die nationale Schiefergasproduktion 40 Prozent des deutschen Gasbedarfs im Jahr 2035 decken. In ganz Europa könnte Schiefergas 20 Prozent des Gasverbrauchs befriedigen. Bohrungen zum Nachweis der Vorkommen sind natürlich notwendig – dafür aber müssen erst die politischen Voraussetzungen geschaffen werden.

Wenn die Politik den eingeschlagenen Weg bei der Energiewende fortsetzt, werden die Kosten weiter steigen. Angesichts einer sich verändernden globalen Energielandschaft riskiert Deutschland damit einen Großteil seiner industriellen Basis. Aber das lässt sich ändern. Die Energiewende muss an eine Welt angepasst werden, die eine andere geworden ist.

Übersetzung aus dem Englischen Johann Laux