"Auf Wiedersehen" steht hoffnungsvoll unter dem Babybild, und auf der Rückseite des Fotos heißt es sehnend: "In the stars it is written ...", darunter das Kürzel "M". Diese Zeilen sandte Ende 1916 eine verheiratete Frau ihrem Geliebten an die Westfront. Hubert Frenzel hieß der junge Mann. Mit 17 Jahren hatte er sich freiwillig gemeldet, wohl auch um dem Skandal zu entfliehen, dass er ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau hatte, die noch dazu ein Kind von ihm erwartete.

Heute kann die heimliche Liebespost jeder lesen, der die Website www.europeana1914-1918.eu aufruft und dort den Suchbegriff "Frenzel" eingibt. Frenzels Enkeltochter hat das Foto und Briefe ihres Großvaters dem Onlineprojekt zur Verfügung gestellt. In den vergangenen Jahren haben dessen Macher auf Aktionstagen in ganz Europa dazu aufgerufen, private Dokumente aus dem Ersten Weltkrieg einzureichen, um die letzten Zeugnisse aus privaten Nachlässen zu sichern, bevor sie womöglich im Altpapier verschwinden.

Europeana ist ein von der EU geförderter Verbund renommierter europäischer Bibliotheken und Institutionen – darunter die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Bibliothèque nationale de France –, der schon seit vielen Jahren Dokumente zur europäischen Geschichte digitalisiert und kostenfrei zugänglich macht. So soll nach und nach ein "digitales Gedächtnis" entstehen. Der Erste Weltkrieg ist dabei eines von vielen Kapiteln des Onlinearchivs.

Auch an anderer Stelle sind die Jahre 1914 bis 1918 im Internet gegenwärtiger denn je. Archive zahlreicher Länder stellen Dokumente ins Netz, Museen präsentieren ihre Ausstellungen, historische Institute bereiten den Krieg multimedial auf – und das teils mit immensem Aufwand. So entsteht derzeit etwa unter www.1914-1918-online.net eine Online-Enzyklopädie unter der Leitung des Historikers Oliver Janz von der Freien Universität Berlin.

Das Besondere an der Europeana-Sammlung aber ist, dass sie den Ersten Weltkrieg konsequent aus der Perspektive der Beteiligten sichtbar macht. In bisher unbekannten Schrift- und Bildzeugnissen lässt sich hier rekonstruieren, wie einfache Soldaten und ihre Angehörigen den Krieg erlebten. Die letzten Zeitzeugen sind längst gestorben. Aus den gesammelten Dokumenten – Tagebücher, Feldpostkarten und Briefen – sprechen sie noch zu uns.

Wer sich auf der Europeana-Website etwa durch das Konvolut Hubert Frenzel klickt, erfährt, dass die Geliebte des jungen Frontsoldaten Marie hieß und als Englischlehrerin arbeitete. Verheiratet mit einem Lehrer im oberschlesischen Ratibor, war sie zehn Jahre älter als ihr Geliebter. Die Briefe von Hubert Frenzel verraten aber nicht nur etwas über eine heikle Liebschaft, sondern schildern auch die Schrecken des Kriegsalltags. Im September 1918 schreibt er aus dem Lazarett in Avesnes-sur-Helpe, wie er nach einem Granateinschlag verschüttet wurde und seine Schreie langsam erstickten – bis zwei Arme in der Erde nach ihm wühlten und ihn herauszogen.

Vor allem aus Fernsehdokumentationen zum Zweiten Weltkrieg waren solche Zeitzeugen-Erinnerungen in den vergangenen Jahren nicht wegzudenken. Der Zeitzeuge war der omnipräsente Gewährsmann dafür, "wie es wirklich war" – er verlieh dem von Historikern und Journalisten rekonstruierten Geschehen Authentizität und Unmittelbarkeit. Im großen Jahr der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg müssen nun auch Filmemacher dank der zahlreichen erschlossenen Ego-Dokumente nicht ganz auf die Stimmen von jenen verzichten, die dabei waren. Arte und die ARD etwa werden im kommenden Frühjahr den groß angekündigten Mehrteiler 14 Tagebücher des Ersten Weltkriegs ausstrahlen, der auf Quellen beruht, wie sie auch Europeana veröffentlicht.