Es war 1999, von Januar bis Dezember reiste ich durch unseren Kontinent – eine Expedition, die die Grundlage für mein späteres Buch In Europa bilden sollte. Ich verließ das nach Nationalsozialismus und Jahrzehnten des Kommunismus immer noch graue und verwirrte Ostberlin und fuhr in das arme, aber optimistische Warschau und weiter in das desolate, ja, sogar hungrige Moskau. Anschließend ging es nach Süden, durch die zerbombten, verwüsteten Städte Belgrad und Novi Sad. Ich setzte die Reise auf einem vollgeladenen Containerschiff fort und fuhr auf dem Rhein, an Frankreich vorbei, durch Deutschland und die Niederlande, in den Ohren Triumphmusik: "It’s getting better all the time!" Wieder zurück in meiner Stadt, in Amsterdam, kaufte ich De Telegraaf, die größte und populärste Tageszeitung in den Niederlanden, die letzte Ausgabe des Jahrhunderts. Auf der Titelseite stand in riesigen Lettern: "Kein Ende in Sicht!" Nie zuvor waren in diesem calvinistischen Land so viel Champagner und so viele Delikatessen verkauft worden, nie zuvor hatte ein solcher Wohlstand geherrscht.

Heute, vierzehn Jahre später, prosperieren Berlin, Warschau und sogar Moskau. Belgrad hat Verhandlungen über eine Mitgliedschaft in der EU aufgenommen. Deutschland hat, nach drei Jahren der Krise, die inoffizielle Führung Europas übernommen, ob es will oder nicht. Die Niederlande schlagen sich mit ihrer Wirtschaft und ihren zu großen Banken herum. Frankreich befindet sich in der Gefahrenzone. London denkt ernsthaft über den Austritt nach. In Lissabon dokumentiert die Fotografin Ana Luisa Nogueira die Wandparolen: "Die Zukunft wurde weggefegt." – "Du wirst in deinem beschissenen Leben nie ein Haus besitzen." – "Bis uns die Schulden scheiden."

Unsere europäische Dynamik gründete – und gründet – auf Verschiedenheit und Variation. Und mindestens fünf Jahrzehnte lang war das Projekt außergewöhnlich erfolgreich. Das ist es in vielerlei Hinsicht noch immer, das sollte man nie vergessen. Frieden, der einst so schwer erkämpfte Frieden, ist für die heutigen Generationen in Europa so selbstverständlich wie fließendes Wasser aus der Leitung. Und auch die wirtschaftlichen Erfolge sind spektakulär – fragen Sie zum Beispiel nur einmal einen Polen, einen Esten oder einen anderen Bewohner des ehemaligen Ostblocks. Doch anderswo toben seit 2010 Stürme und Moorbrände, und die Union, die aus dieser Krise zum Vorschein kommen wird, so fürchte ich, wird eine schwer mitgenommene Union sein. Viele der aktuellen Reibungen und Probleme sind, bis zu einem gewissen Grad, untrennbar mit der Phase verbunden, die der europäische Einigungsprozess gerade durchläuft.

In der ersten Phase wurde der "Raum" der Union bestimmt: Ein neuer Staat nach dem anderen wurde aufgenommen, und gleichzeitig gründete man die Europäische Kommission, den Europäischen Rat, das Europäische Parlament und andere Institutionen und entwickelte sie weiter. Die zweite Phase, in der wir uns jetzt befinden, ist viel schmerzlicher. Die europäische Verflechtung reicht inzwischen so weit und so tief, dass die Mitgliedsstaaten in vielerlei Hinsicht gezwungen sind, sich mit den inneren Angelegenheiten und der Lebensweise der anderen zu beschäftigen. Etwa mit den unterschiedlichen Sozialsystemen, den Haushalten und den Rentensystemen. Im Gegensatz zur Vergangenheit, als die Aggressivität und die militärische Übermacht einiger europäischer Staaten die größte Bedrohung darstellten, war es in jüngerer Zeit vor allem die innere Schwäche mancher Mitgliedstaaten, die die Union zu gewissen Zeiten fast bis an den Rand des Abgrunds brachte – und erneut bringen kann.

Welchen Einfluss hat all dies auf die Europäische Union? Wenn wir uns die Folgen auf Brüsseler Ebene anschauen, dann haben die Institutionen der Union – inklusive des Euro – diese Krise eigentlich verblüffend gut überstanden. Sie erwiesen sich als viel zäher und flexibler, als die meisten gedacht hatten. Vollkommen anders sieht es in der Welt außerhalb von Brüssel aus. Dort wurde in zunehmendem Maße ein umgekehrter Prozess in Gang gesetzt, ein Prozess der Desintegration. Ich verwende mit Absicht das Wort "Prozess": Es geht hier nicht um einen formalen Beschluss, sondern um eine Kette von kleinen und großen Faktoren, die alle auf einer Linie liegen. Zum Beispiel die Wirtschaft: Ein italienischer Unternehmer bezahlt zurzeit durchschnittlich doppelt so hohe Zinsen wie ein deutscher. Schon jetzt ist ein zypriotischer Euro aufgrund der Maßnahmen, die das Land ergriffen hat, um die Kapitalflucht von der Insel zu verhindern, weniger wert als ein niederländischer.

Hinzu kommt, dass die Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Bekämpfung der Krise den Kern der unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Kulturen berühren. Die Franzosen und Italiener, die ihre Schulden stets durch Abwertung der eigenen Währung haben verdampfen lassen, verstehen die deutsche Urangst vor Inflation nicht. Dies wirkt sich aus auf die Prioritäten von Wählern und Gewählten: Überall können wir eine Renationalisierung der Politik und der öffentlichen Debatte beobachten. Auch das haben wir, unter anderem, dem Finanzsektor zu verdanken, dem es mit gewiefter Lobbyarbeit gelungen ist, sogar offensichtliche Bankenkrisen – wie in Spanien oder Irland – in rein nationale Krisen umzuwandeln.