DIE ZEIT: Herr Kunze, der Eröffnungssong ihres jüngsten Albums heißt Europas Sohn. Hatten Sie das Gefühl, in Sachen Europa wäre eine Brandrede fällig?

Heinz Rudolf Kunze: Ich bin oft unterwegs, und in den vielen Hotels, in denen ich übernachtet habe, sprang mich oft schon beim morgendlichen Zeitunglesen die Schlagzeile an: Was wird aus Europa? Fremdenfeindlichkeit in Russland, rechte Parteien erstarken, Zweifel am Euro und so weiter. In dieser Situation wollte ich ein klares, plakatives Bekenntnis zu Europa abgeben. Ich musste bloß ein paar Jahre warten, bis daraus ein Lied werden wollte.

ZEIT: Was war der Anlass? Wut, Ärger, Sorge?

Kunze: Sorge. Sorge darum, dass diese Idee zerredet werden könnte, dass – wie Sigmar Gabriel neulich richtig sagte – dieses wahrscheinlich wichtigste Projekt des letzten Jahrhunderts zerbröseln könnte unter den Bedenken heutiger Zeitgenossen. Europa ist ein sehr spannender Kontinent, ein Brutherd von Gedanken. Seit der Aufklärung, vielleicht schon vorher, sind hier Ideen geboren worden, die die ganze Welt beschäftigt haben. Nicht nur im Guten! Da macht das Lied ja auch klare Eingeständnisse: "von Voltaire und Marx bis Hitlerei".

ZEIT: Ist das eigentlich Schillers Glocke, die da auf dem Albumcover über Ihnen hängt?

Kunze: Tja, diese Glocke ... wer weiß? Ich finde einfach, eine Glocke ist ein unheimlich spannendes Symbol. Es kann eine Alarmglocke sein. Es kann eine Hochzeitsglocke sein. Es kann natürlich auch eine Totenglocke sein. Glocken geben viel her.

ZEIT: "Ich bin Europas Sohn / Da hör ich gleich den Hohn / Heute ist man doch global / Inter inter kontinental". Das hört sich an, als stünde Europa gegen den Rest der Welt.

Kunze: Nicht zwangsläufig. Wie soll ich mich denn dem Meer entgegenstellen? Die Globalität ist eine Tatsache. Man kann Bauchschmerzen dabei haben, man kann sich Sorgen machen, zurückdrehen lässt sich das nicht. Deshalb sing ich ja: "Man ist nur wer man ist, wenn man sich selbst nicht vergisst". Edmund Stoiber hat mal gesagt – übrigens ganz ohne Stottern: Wenn Europa sich nicht einigt, wird das neue Jahrhundert ohne uns auskommen, dann werden Amerika, Russland, Indien und China das Spiel unter sich ausmachen. Das hat mich, bei allen Vorbehalten, die ich gegen Herrn Stoiber hege, nachdenklich gemacht.

ZEIT: War es nicht gerade die Westbindung, der Einfluss der USA, auf die das Nachkriegseuropa sich gründet, vom Kaugummi bis zur Popmusik?

Kunze: Doch, natürlich war es das. Dass man überall auf der Welt Jeans und Parka trägt, dass man Fast Food isst – das tue ich gelegentlich auch, so schlecht schmeckt das ja gar nicht, wenn man’s nicht zu häufig macht –, dass die amerikanische Literatur und der amerikanische Film uns bereichert haben, steht außer Frage. Und ohne die Rockmusik, die ein bisschen auch in England, hauptsächlich aber in Amerika erfunden wurde, gäbe es mich gar nicht. Deshalb hab ich mich ja immer dagegen gesträubt, Liedermacher genannt zu werden, für mich sind Liedermacher Leute, die erstens Berührungspunkte haben mit der deutschen Folklore und zweitens dem französischen Chanson. Mit beidem hab ich nix am Hut.