Nicht einmal mehr seufzen lässt sich noch: Ach, Europa!, denn sogar das ist schon ein Zitat. Kaum ein Buch, kein Essay, keine Analyse ohne den vertrauten Ruf der Resignation oder des huldigenden Entzückens. Überdruss und Sehnsucht, meist ist es sowieso beides, nur eines eben nie: Neuland.

Europa hat sich in einer Krise der Unsagbarkeit verlaufen. Was Sprechhaltung, Worte, Überbau angeht, scheint nichts, aber auch gar nichts übrig, das nicht bald wie seine eigene Dauerwiederholung wirkte. Mit einem ermattenden Set an immer Gleichem wird im Namen Europas geklagt, herbeigesehnt, imaginiert, festgezurrt, wieder verworfen oder noch einmal im Archiv gekramt. Was Europa war, ist, sein könnte, was es sollte, müsste, dürfte, dazu haben sich über zähe Dekaden hinweg gewaltige Diskursbrocken gebildet. Wortgeröll, das nunmehr so lange herumliegt, dass es mittlerweile automatisch zum Weltkulturerbe zählen müsste.

Hier die glanzlosen Vokabeln der Technokratie – Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Montanunion, Schengen, Schengen und nochmals Schengen – dort die hymnischen Formeln der Geburtsstunde, des gemeinsamen Friedens, der Gründungsväter, der Wiege der Demokratie.

Nein, wer zu Europa frisch nachdenken will, dem wird es nicht leicht gemacht. Insbesondere für Nachwachsende gibt es kaum eine Art, ungezwungen, das heißt auch: nicht zu Tode gelangweilt, über ihre geteilte Heimat zu sprechen. Als Gesprächsthema ist Europa für sie unwahrscheinlich geworden, eine Pflichtübung aus Mantras, Mahnungen, Müdigkeiten, die es zu ertragen gilt, ohne innerlich beteiligt zu sein.

Dabei ist es nicht bewusster Unwille, nicht trotzige Undankbarkeit, die jüngere Europäer in ihrem Gefühl hemmt. Europa, das wissen auch die, die ihm die kalte Schulter zeigen, hat bemühte, nur gespielte Zuneigung nicht verdient.

Es mag an einer zu großen Selbstverständlichkeit liegen, dass der europäische Verbund mittlerweile wie eine lästige Zwischenstufe erscheint. Für diejenigen, die keine unmittelbare Nachkriegszeit mehr erlebt haben, diejenigen, die in der siebten Klasse einen französischen Austauschschüler mit am Tisch sitzen hatten, diejenigen, die später jahrgangsweise vom Erasmus-Programm profitierten, ist das Europäische ein unnötiger Warteraum zwischen Lokal- und Globalpatriotismus, eine diffuse Ebene der Trans- und Supranationalität, die es nur geben muss, weil andere unentwegt nach ihr fragen.

Wie wird das Europa der Zukunft aussehen?, drängeln Eltern, Lehrer, Intellektuelle. Mit dem immer gleichen zukunftsnostalgischen Heimwehgesicht spulen sie ihre zum Klischee verkommenen Fragen ab: In was für einem Europa wollen wir leben? Wo bleiben Grenzen, Identität, das Narrativ? Erinnerungsorte, die Öffentlichkeit, der geteilte kulturelle Raum? Quo vadis, Europa?

Stagniert zwischen Gerundium, Konjunktiv und Futur I ist Europa zumindest grammatikalisch seit seinem Bestehen noch nicht sehr weit gekommen. Als ewiges Konstrukt des Werdens scheint es unfähig anzukommen und stellt offensichtlich dennoch einen Zustand dar, der unbedingt schon vorher bedingungslos beschützt werden muss. Zumindest ist dies der Sound, mit dem die Orte im Anderswo, an denen er schon Realität geworden ist, beschworen werden. Brüssel, Maastricht, Straßburg, dort soll das europäische Leben nämlich toben, dort sollen sie herumlaufen, die mehrsprachigen, kosmopolitischen, europäisch entflammten Bürger, mit ihren europäischen Biografien und ihrer europäischen Wirklichkeit.

Als Hoffnung, Beweis, vor allem Antithese müssen sie herhalten für all die Übrigen, für die das Gefühl der Zugehörigkeit eher dem Empfinden für die eigene Steuernummer entspricht. Etwas zum Vergessen, außerhalb des täglichen Bewusstseins, nichts, um das man sich kümmern müsste, solange es für den Ernstfall noch irgendwo im Kleingedruckten vermerkt steht.

Weitestgehend bewusstlos schlummert Europa also in seinen Bürgern, nicht sie, sondern Menschen jenseits der Grenzen sind es, die den Kontinent erfassbar machen. Von außen drängen sie hinein, aus der Ferne überwachen sie uns. Hier, im negativ definierten Bereich, wo kein Geld zum Umtauschen, kein Stau an Grenzen, kein Arbeitsvisum, wenn man einmal länger bleibt, das Leben stören. Wie frei er ist, merkt der Europäer erst im Ausland, wenn er Fingerabdrücke an Grenzposten hinterlassen muss oder ihm das städtische Leben im öffentlichen Raum fehlt. Zu Hause bleibt es bei lebensweltlichen Merkwürdigkeiten. Roaming-Gebühren, easyJet, gekrümmte Gurken, eine Wahnsinnsbürokratie, 58 Jahre Grand Prix.

Die Eurovision! Nahezu drei Jahrzehnte nach Hape Kerkelings Moderatorenimitation, drei Jahre nach Lena Meyer-Landrut könnte am Ende ausgerechnet dieser Gesangswettbewerb zum ultimativen Ausdruck von Gemeinschaft im Inneren herhalten. Wo gibt es das sonst, ein folkloristisches Event, bei dem knapp vierzig Länder auf Knopfdruck nebeneinanderher feiern und bei dem außer der Tatsache, dass sich befreundete Balkanstaaten gegenseitig Punkte für beachtlich freizügige Tanzbeiträge zuschanzen, Stunden über Stunden rein gar nichts geschieht? Unbeirrtes Singen, frenetisches Gejubel über Liebe und Heimat, artifiziell, pompös, getränkt von zu viel Wollen. Ein Ort, an dem sich alle treffen, Jahr für Jahr. Ratlos, euphorisch, ohne Worte.