Schon lange wird sie herbeigewünscht, gefordert und angekündigt: die neue "Erzählung" von Europa, die seine Politiker und Bürger inspiriert und mitreißt. Nun fordert auch José Manuel Barroso das neue Narrativ, und er tut, was Präsidenten in so einem Falle immer tun: Er gründet einen Ausschuss. Die alte Erzählung von Europa – die Geschichte der Völker, die sich über Generationen gegenseitig totgeschlagen und dann, endlich belehrt, sich in Frieden zur Zusammenarbeit vereinigt haben – sei erschöpft und "auserzählt". Schon bald soll die neue, frische Leiterzählung verkündet werden.

Wenn es denn so einfach wäre! Sinn- und identifikationsstiftendende "Erzählungen" werden nämlich nicht einfach konstruiert, sondern ergeben sich aus historischer Erfahrung. Das lässt sich besonders gut am alten europäischen Friedens-Narrativ studieren, das so selbstexplikativ ist, dass es niemals von offizieller Seite hätte aufgeschrieben werden müssen. Um Menschen zu ergreifen, müssen Narrative eine positive Zukunft beschreiben und spontan einleuchten. Sie werden gefunden und nicht erfunden.

Wenn die europäische Krise eine ökonomische ist, dann muss das Narrativ hierzu etwas erzählen. Offensichtlich befindet sich die EU in der Falle eines tief liegenden ökonomischen Dilemmas, das sich aus der Begegnung des globalen Kapitalismus mit einem unfertigen Verbund entwickelter Nationalstaaten ergibt, die weiterhin in Konkurrenz zueinander stehen. Aus dem Prozess der ökonomischen Globalisierung unter kapitalistischen Vorzeichen entsteht so nahezu zwangsweise ein Mechanismus fortlaufender Deregulierung, ein Phänomen, das der Soziologe Wolfgang Streeck mit Blick auf den "Altstar" der neoliberalen Schule, Friedrich von Hayek, als "Hayekisierung" bezeichnet (Gekaufte Zeit, Suhrkamp Verlag).

Streecks These lautet: Anders als immer wieder behauptet, herrsche in Brüssel keine Regulierungs-, sondern eine neoliberale "Deregulierungswut". Entsprechend empfänden die Menschen, die unter den Folgen dieser Deregulierung litten – beim Abbau des Sozialstaats oder der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen –, die EU als "Liberalisierungsmaschine". Doch hatte Brüssel nicht Wohlstand und Wachstum für alle versprochen?

"Wachstum" ist das Mantra des Wirtschaftsdiskurses und das eigentliche Narrativ des Kapitalismus. Doch fast alle Experten sind sich einig: Ein balancierter Kapitalismus, der den Produktionsfortschritt statt in gesteigerter Warenproduktion zum Beispiel in Form von Arbeitszeitverkürzung realisiert, ist vorerst undenkbar. Ohne Wachstum, so lautet auch in der EU von rechts bis grün das Credo, gibt es kein Ende der Krise.

Hinzu kommt ein Spezifikum der europäischen Selbstwahrnehmung. Geboren in der Stunde des Verlusts seiner geopolitischen Führungsrolle im Kalten Krieg, war die Union für die Nationen Europas, darunter das im Krieg geschlagene Deutschland und die spätestens mit dem Verlust der Kolonialreiche zweitklassig gewordenen Siegermächte Frankreich und Großbritannien, ein Vehikel, um im neuen bipolaren Nachkriegszeitalter noch einmal am Tisch der Großen Platz zu finden.

"Size matters" – die Sorge um die schwindende Größe Europas ist ein treibendes Motiv vieler seiner Freunde. So spricht der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz vom "gefesselten Riesen"; Jürgen Habermas fürchtet ein "musealisiertes und verschweizertes" Europa. Und Daniel Cohn-Bendit und Guy Verhofstadt zeichnen das düstere Bild eines in 25 Jahren immer noch ungeeinten Europas: "Voneinander isoliert, haben wir kein Gewicht mehr, wir würden zerquetscht, und unser soziales Modell würde nicht überleben."

"Warum eigentlich?", möchte man einwerfen. Stehen wir vor einer militärischen Invasion Chinas? Wollen Indien und Brasilien demnächst unsere freiheitlichen Verfassungen außer Kraft setzen?

Vielleicht hilft in dieser Lage ein Blick in die Geschichte. Denn so wie die Geburt des vereinten Europas als Antwort auf die Zerstörungen des Krieges und den Verlust der Weltgeltung zu sehen ist, verdankt sich die Entstehung vieler europäischer Demokratien dem Verlust vormaliger Macht und Größe. Am Anfang von Rechtsstaat, Demokratie und Bürgergesellschaft steht in einer verblüffenden Anzahl von europäischen Ländern das "Kleinerwerden". So finden sich in allen europäischen Himmelsrichtungen Nationen, deren einstige territoriale und machtpolitische Größe nach unten korrigiert wurde. Als Erstes fallen einem hierbei, von Spanien und Portugal bis Großbritannien, die einstigen Kolonialmächte in Europas Süden und Westen ein, historische Großreiche, die zu ihrer Zeit nicht weniger als die Weltmacht innehatten. In der Mitte des Kontinents finden wir die Reste der einstigen polynationalen Großmacht Österreich oder auch Deutschland mit seiner katastrophal gescheiterten Ambition auf Vorherrschaft. Aber auch die einstigen Groß- und Regionalmächte wie Schweden oder Serbien kennen den Verlust vormaliger "Größe".