Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Wer schweigt, macht sich mitschuldig. Deshalb möchte ich meinen Kollegen Günter Wallraff, den Moderator Markus Lanz, den Literaturkritiker Denis Scheck sowie den Schauspieler Dieter Hallervorden gegen die rassistischen Vorwürfe verteidigen, denen sie in letzter Zeit ausgesetzt waren. Rassisten wollen die alle fertigmachen.

In der Fernsehsendung Wetten, dass ..? hat Markus Lanz Zuschauer dazu aufgefordert, sich zu verkleiden, und zwar als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Die Sendung fand in Augsburg statt, eine der beliebtesten Produktionen der Augsburger Puppenkiste heißt Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Jim Knopf ist schwarz, er soll die Kinder zur Toleranz ermuntern. Günter Wallraff wurde angefeindet, weil er sich schwarz anmalte, um auf die Diskriminierung von schwarzen Menschen hinzuweisen. Didi Hallervorden bekam Ärger, als er ein antirassistisches Theaterstück inszenierte, in dem eine Hauptfigur aus naheliegenden Gründen schwarz sein muss. Er hatte einen weißen Schauspieler engagiert, der sich schwarz anmalte.

Antirassistische Kunst ist in Deutschland praktisch unmöglich geworden. Dahinter können nur Rassisten stecken. Das besonders Perfide: Die Rassisten tarnen sich. Sie tun so, als ob sie es nur gut meinen mit den "armen Schwarzen". Das war schon bei den Sklavenhaltern so.

Begründet wird dies von den getarnten Rassisten erstens mit dem Scheinargument, dass es in Deutschland ja auch schwarze Schauspieler gibt. Gewiss. In Film, Theater und Fernsehen ist es aber üblich, dass die Regisseure die für ihre künstlerische Vision geeignetsten Darsteller aussuchen und nicht etwa die, welche der Hauptfigur zufällig ähnlich sehen. Bully Herbig hat in Der Schuh des Manitu sehr schön einen Indianer gespielt – privat wirkt dieser Mann so wenig indianisch wie Heiner Geißler. Nein, eigentlich wirkt Heiner Geißler indianischer. Das ist doch überhaupt der Clou an der ganzen Schauspielerei. Schauspieler verkleiden sich. Sie sind es nicht wirklich – ist das so schwierig zu begreifen?

Außerdem gab es vor hundert Jahren in den USA Shows, in denen weiße Schauspieler sich schwarz anmalten und über Schwarze lustig machten, das hieß blackfacing. Deswegen soll heute kein weißes Kind sich in Deutschland zum Jim Knopf schminken. Auch dann, wenn es dies aus genau entgegengesetzten Motiven tut, etwa aus Bewunderung. Manchmal bedeuten Dinge hundert Jahre später eben etwas anderes, der Fachbegriff dafür heißt "Kulturgeschichte".

Menschen, die ins Visier von absurden Hashtags oder Shitstorms geraten, so lauten die neuen Fachbegriffe für das, was früher üble Nachrede hieß, sind natürlich erst mal erschrocken. Früher haben die selbst ernannten Wächter über Sitte und Anstand im Treppenhaus getuschelt, heute finden sie Tausende Mitstreiter. Wenn jetzt aber ein schwarzer Mensch sich tatsächlich von Lanz, Wallraff oder dem Augsburger Bürgermeister gekränkt fühlt, dann müsste ihm doch klar sein, dass diese Personen keinerlei böse Absicht hegten. Meiner Ansicht nach handelt es sich, wenn jemand aus Versehen das Tabu einer Personengruppe verletzt, nicht um einen Angriff, sondern um ein Versehen. Wer einen anderen versehentlich gekränkt hat und dann öffentlich als Rassist beschimpft wird, ist kein Täter, sondern ein Opfer. Wenn ich auf einer Party aus Versehen jemandem auf die Füße trete, und diese Person beginnt sofort, herumzubrüllen und mich wüst zu beschimpfen, dann bin ja auch nicht ich der Flegel, sondern die andere Person.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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