DIE ZEIT: Ist die europäische Krise vorbei, oder steht sie uns noch bevor?

Christoph Möllers: Ich kann nicht erkennen, dass die Wirtschaftskrise vorbei ist. Im Moment ist völlig unklar, ob die erreichte Stabilisierung sich dem Eingreifen der EZB verdankt oder einzelstaatlichen Reformen. An Letzteres glaubt niemand so recht. Und nach den Europawahlen werden wir feststellen, wie viele antieuropäische Parteien sich im Europäischen Parlament tummeln.

ZEIT: In Frankreich droht die rechtsradikale Partei Le Pens, die stärkste Partei zu werden.

Möllers: Zum ersten Mal wird der europäische Integrationsprozess mit einer länderübergreifenden grundsätzlichen Kritik konfrontiert sein. Das werden wir, vorsichtig gesagt, als eigene politische Krise empfinden.

ZEIT: Anderseits haben Sie den fehlenden Streit über Europa stets beklagt. Nun haben Sie ihn.

Möllers: Mich hat immer gestört, dass wir uns nie ernsthaft über Europa auseinandergesetzt haben, in Deutschland fast gar nicht, in anderen Ländern mehr, aber immer noch zu wenig. Deswegen hoffe, ich, dass der Streit mit den Antieuropäern etwas Gutes bewirkt: Wir werden uns endlich fragen, warum wir die Europäisierung brauchen. Vielleicht werden wir die Wirtschaftskrise irgendwann als Weg in die Vertiefung Europas verstehen, auch wenn sie im Moment wirklich kein Spaß ist.

ZEIT: Die Rechtspopulisten sagen: Die Europäisierung hat den Nationalstaaten geschadet.

Möllers: Tatsächlich ist der Nutzen der Europäisierung keineswegs so selbstverständlich, wie etwa die Kommission behauptet, die Europa-Kritiker gern als dumme Kinder behandelt. "Nutzen" hängt von dem ab, was man von Europa will. Der Nutzen zeigt sich in den Mitgliedsstaaten auch verschieden: Freizügigkeit und gemeinsame Institutionen muss man ebenso wollen wie Einfluss in der Welt, der aber nur gemeinsam möglich ist. Für die Bundesrepublik ist der wirtschaftliche Nutzen im Moment jedenfalls viel konkreter als der mögliche Schaden durch die Euro-Rettung.

ZEIT: Könnte Europa nicht genauso gut scheitern?

Möllers: Natürlich, und wenn Europa scheitert, wird es so unspektakulär sein wie seine Entstehung. Viele stört, dass der Europäisierung revolutionäre Momente fehlen. So wäre es auch beim Scheitern der EU. Sie würde zerbröseln, langsam und hässlich.

ZEIT:Einige Länder führen bereits wieder Grenzkontrollen ein.

Möllers: Das ist genauso irritierend wie die Tatsache, dass sich einige Regierungen umschauen, ob sie nicht noch was Besseres finden als die EU: die Franzosen in der Frankofonie oder im Mittelmeerraum, die Spanier in Lateinamerika. Trotzdem glaube ich nicht an das Scheitern der Europäischen Union – wenn es um die harten Interessen geht, werden die Mitgliedsstaaten sich mangels eines Besseren der EU zuwenden.

ZEIT: Nicht einmal den Regierungen scheint die Richtung klar zu sein.

Möllers: Die Regierungen sind damit intellektuell überfordert. Ich meine das nicht despektierlich – sie haben so viel mit dem Krisenmanagement zu tun, dass sie über strategische Fragen nicht nachdenken. Außerdem gewinnen sie mit Europa innenpolitisch im Moment nichts. Sie punkten höchstens in Geschichtsbüchern. Wenn es klappt.

ZEIT: Europa ist überall und bleibt unsichtbar.

Möllers: Die Unsichtbarkeit ist ein Problem. Dabei haben wir in den letzten drei Jahrzehnten unendlich viel an Europäisierung erlebt! Seit der einheitlichen europäischen Akte von 1983 ist Europa nicht wiederzuerkennen. Vieles ist neu aufgebaut, alles vertieft worden. Vielleicht kann man eine Organisation dieser Größe und dieses Formats einfach nicht schneller integrieren.