DIE ZEIT: Frau Juchli, Ihr Krankenpflegelehrbuch ist noch immer das Standardwerk für alle Auszubildenden. Wissen Sie, wann zum ersten Mal vom "Juchli" die Rede war?

Liliane Juchli: Ach, relativ früh. Es gab ja sonst kaum etwas zum Fach. Bei mir ist damals auch zuerst die Rede von "dem" Juchli angekommen.

ZEIT: Entschuldigen Sie, es muss "die Juchli" heißen.

Juchli: So ein Standardwerk, das muss doch von einem Mann sein, nicht wahr? Anfangs habe ich auch immer Post mit der Adresse "Herrn Professor Juchli" bekommen. Das hat sich verändert.

ZEIT: Sind Sie stolz, dass Ihr Lebenswerk so eng mit Ihrem Namen verknüpft ist?

Juchli: Das kam alles so langsam und war mit harter Arbeit verbunden. Für mich spielte es nie eine Rolle, ob die Menschen von der "Juchlibibel" oder vom "Standardwerk" sprachen.

ZEIT: Hat das auch damit zu tun, dass Sie sich bei der Arbeit an Ihrem Buch überanstrengt haben und krank wurden?

Juchli: Vielleicht. Während der Arbeit an der zweiten Auflage war ich klinische Schulschwester in St. Gallen, dann habe ich die Leitung der Krankenpflegeschule in Basel übernommen und gleichzeitig die Akademie für Erwachsenenbildung absolviert und an der Kaderschule Unterricht zum Thema klinischer Unterricht erteilt.

ZEIT: Das klingt nach viel Arbeit.

Juchli: Eine Absage kam nicht infrage. Mit dem Bild der Ordensfrau verband sich damals ganz stark ein: "Es geht schon. Ich mach das auch noch."

ZEIT: So rutscht man leicht in einen Zustand, den man heute Burn-out nennen würde.

Juchli: Ich war Schulleiterin der Schwesternschule in Basel, da hat man keine Depression! Als ich so krank war, dass ich Hilfe brauchte, hat man allen gesagt, ich ginge in eine Spezialklinik. Von der Psychiatrie war keine Rede.

ZEIT: Wie sind Sie mit der Geheimniskrämerei umgegangen?

Juchli: Wie soll man damit umgehen? Man wird einsam. Sehr einsam. Als junger Mensch geht man davon aus, dass man Kräfte hat und die einsetzen kann, wie man will. Die Erfahrung, dass es da Grenzen gibt, war für mich einschneidend.

ZEIT: Wie lange hat Ihre Erschöpfungsdepression gedauert?

Juchli: Drei Jahre vielleicht.

ZEIT: Eine Psychiaterin sagte mir, es sei vermessen, das Leben ohne Rückschläge bewältigen zu wollen. Bestimmte Traumata würden die Reflexionsfähigkeit stärken.

Juchli: Und den Reifeprozess. Ohne diese Einbrüche würden wir ja gar nicht die Kräfte mobilisieren, die mobilisiert werden wollen. Traumata sind nur unterschiedlich eingreifend. Ein Liebeskummer ist ein anderes Trauma als eine Naturkatastrophe, bei der man alles verliert.

ZEIT: Ist es nicht eigenartig, dass gerade eine Pflege-Expertin eine Erschöpfungsdepression erlebt?

Juchli: Es ist ein anspruchsvoller Beruf, und wir stoßen wie andere Menschen auch an Grenzen.

ZEIT: Ist das die einzige Begründung?

Juchli: Man wird krank, wenn zu wenig Resonanz da ist. Der Mensch braucht Lob. Er braucht die Bestätigung: Was du machst, ist gut. Diesen Satz auch mal auszusprechen war vor 30 Jahren noch nicht so üblich. Da kann eine Frustration entstehen, die zuerst unbewusst ist und dann an den Kräften zehrt. Das Wort Selbstpflege war damals außerdem noch kein Thema. Zur Pflege braucht es parallel die Selbstpflege. Das habe ich später auch in mein Pflegebuch geschrieben. Das konnte ich nur verbreiten, weil ich es selbst erfahren habe.

ZEIT: Wollten Sie immer Pflege-Expertin werden?

Juchli: Ich wollte eigentlich für die Ingenbohler Schwestern in die Mission und war schon fünf Wochen in England gewesen, um Englisch dafür zu lernen. Dann aber rief man mich zurück. Man brauchte mich als Krankenschwester in St. Gallen. So bin ich nicht in die Missionen gekommen.

ZEIT: Waren Sie enttäuscht?

Juchli: Zuerst war meine Trauer groß. Ich konnte es lange nicht richtig verkraften, dass ich nicht gehen konnte. Deswegen war ich ja Pflegerin geworden, deswegen wurde ich Schwester. Erst später wurde mir klar: Ich gehe ja diesen Weg, nur gehe ich ihn ganz anders. Mission bedeutete für mich Entwicklungshilfe, Hilfe zur Selbsthilfe. Heute würde ich sagen: Mein Weg, wie er gelaufen ist, ist nichts anderes als Entwicklungshilfe.

ZEIT: Reden Sie sich Ihre Enttäuschung schön?

Juchli: Ich begleite heute Menschen in Krisensituationen und fordere sie oft dazu auf, den Visionen nachzugehen, die sie zum Beispiel als 14-Jährige hatten. Wie sahen die aus? Irgendwas von dieser Vision kann später jeder in seinem Leben entdecken.

ZEIT: Viele schauen aber aufs Leben zurück und denken: Das mit meiner Vision, das hat nicht so gut geklappt.

Juchli: Genau! Weil sich Visionen vom eigenen Leben häufig nicht so erfüllen, wie man es meint. Aber erst wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass doch eigentlich alles drin war.