Am Ende dieser Geschichte wird Janna Buck traurige Briefe von ihren Schülern bekommen, mit Bildern, auf denen Tränen über Gesichter laufen. Briefe in krakeliger Kinderschrift, in denen steht, dass sie nicht weggehen soll, weil keiner so sein wird wie sie. Weil sie die Beste ist.

Vor fünf Monaten ahnten die Schüler der Klasse 3a an der Grund- und Gemeinschaftsschule Tremser Teich in Lübeck noch nichts von diesem Abschied. Ein Montag im August, viertel vor acht. Lärm im Treppenhaus, brüllende Kinder, mit Schlüsseln klappernde Lehrer. Im Klassenzimmer von Janna Buck ändert sich der Takt dieses Morgens. Klaviermusik, plötzlich laufen alle langsamer, reden leiser, steuern zielstrebig ihre Plätze an. Buck schreibt den Verlauf der folgenden Stunde an die Tafel, sie sagt nichts. Die Musik aber sagt: Gut, dass ihr da seid, holt eure Sachen raus, hört auf zu quasseln. Als der Unterricht beginnt, sitzen alle bereit, aus ihren Augen blitzt die Neugier.

Ein so verbindlicher Start in den Tag würde dem neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie gut gefallen, genau wie die Briefe, die Janna Buck von den Kindern bekommen hat. Lehrer, die mit ihren Schülern auch eine emotionale Ebene finden, erzielten größere Lernerfolge, sagt er. Seit über einem Jahr elektrisiert Hattie mit seinen Thesen zum guten Unterricht die internationale Bildungsforschung. Auch in den Lehrerzimmern ist die Botschaft seines Buches Visible Learning längst angekommen: Was Schüler lernen, darüber entscheidet vor allem der einzelne Lehrer. Auf seine Glaubwürdigkeit kommt es an, auf das Feedback, das er Schülern gibt, auf seine Fähigkeit, den Unterricht mit ihren Augen zu sehen. Alle anderen Einflussfaktoren, wie die finanzielle Ausstattung einer Schule, die Schulstruktur oder spezielle Lernmethoden, sind wesentlich weniger wirksam.

Was aber heißt das für Janna Buck, die Junglehrerin? Wie gut lassen sich Hatties Anforderungen im täglichen Klassen-Kampf umsetzen? Ist eine 28-Jährige wie Buck im Vorteil, weil sie einer neuen Generation von Lehrern angehört, die über Hatties "Erfolgsfaktoren" schon in der Ausbildung referierte und deshalb um die eigene große Wirksamkeit weiß?

Wir treffen Janna Buck einige Male in den ersten fünf Monaten ihres Lehrerlebens, erleben, wie sie als kreative Regisseurin 45 Minuten Unterricht immer wieder neu inszeniert, wie sie ihren Schülern schauspielernd Englisch beibringt, bei Elterngesprächen die schwierigen Themen geschickt verpackt und nach missglückten Unterrichtsstunden ihren Hang zum Perfektionismus verflucht.

Das Schuljahr ist gerade erst zwei Wochen alt. Janna Buck trägt noch die Bräune eines schönen Sommers auf der Haut. Ein dunkler Zopf schaukelt in ihrem Nacken. Die blauen Augen beherrschen zwischen liebevoll und streng jede Nuance des Lehrerblicks.

Janna Buck ist jetzt ausgebildete Lehrerin. Sie unterrichtet 28 Stunden pro Woche, 18 mehr als im Referendariat. Englisch, Deutsch, Sachkunde, in der dritten, vierten und neunten Klasse. Einmal in der Woche leitet sie ein Leseförderprogramm für Erst- und Zweitklässler. Auf jede einzelne Stunde bereitet sie sich vor. Anders gehe es gar nicht, sagt Buck. In vielem fehle ihr die Sicherheit. Sachkunde zum Beispiel hat im Studium keine Rolle gespielt. Und in Englisch hat sie kaum Erfahrung mit Grundschulkindern. Also liest sie sich ein, denkt nach, schreibt Folien, entwirft Arbeitsblätter. Von vier bis elf Uhr abends sitzt sie am Schreibtisch, jeden Tag. "Ich fühl mich nur noch müde."

Auch ihre Drittklässler drohen ihr nach 20 Minuten Unterricht wieder wegzudämmern. "Es wird höchste Zeit, dass ihr mal wach werdet", ruft Janna Buck in die Klasse. Allein 15 ihrer 21 Schüler hätten einen eigenen Fernseher im Zimmer, erzählt sie. Die Schule liegt, umgeben von kleinen Einfamilienhäusern, im Norden von Lübeck. Die 630 Schüler tragen Namen aus aller Welt.

Die Aufgaben zum "Füllerführerschein" schaffen an diesem Morgen nur wenige Kinder komplett. Eslem* (Name geändert) läuft durch die Klasse, ruft rein, stört. Gelbe Karte. Beim nächsten Vorfall gibt es Rot. Dann muss sie die Klassenregeln aufschreiben und begründen, warum es sinnvoll ist, sich daran zu halten.

"Achtung, Achtung!", ruft Buck jetzt. Ein dankbares Grinsen zieht sich über die Gesichter ihrer Schüler. "Eine Durchsage!", rufen sie im Chor. Und die lautet: Noch eine Minute weiterarbeiten, Satz zu Ende schreiben. Füller weg. Solche Rituale sind es, die Janna Buck in dieser Klasse gerettet haben. Als sie als Referendarin an die Schule kam, übergab man ihr die Leitung einer Klasse, die "völlig durch den Wind" war. Erstklässler, frech und respektlos. "Da rannten manche einfach aus dem Unterricht und versteckten sich im Schulhaus", erinnert sich Buck. Es war ihre Feuertaufe. Sie führte Regeln ein, arbeitete konsequent an Werten und einem sozialverträglichen Miteinander, jede Woche lud sie Eltern zum Gespräch. Als sie die Klasse auf Spur gebracht hatte, sagten die Kollegen: "Jetzt kann dir nichts mehr passieren." Zwei Jahre später wissen die Kinder genau, wie die Gesten ihrer Lehrerin zu verstehen sind, wann ein Blick für Begeisterung und wann für Ärger steht. Und trotzdem bleibt jede Stunde ein unvorhersehbares Abenteuer, von dem Buck nie weiß, wie es ausgeht.

Englischunterricht in der 4c. "Ich spreche hier nur Englisch. Wenn ihr nicht zuhört, habt ihr ein Problem", sagt Buck zur Einstimmung. Wenig begeisterte Gesichter. Schüler und Lehrerin sind sich noch fremd. Buck will wissen, wie die Klassenreise war. Keine Reaktion. Sie malt Skizzen an die Tafel. Eine Schule, Schüler, einen Bus. Wohin ging die Reise, wie war es dort? Niemand meldet sich.

John Hattie sagt, ein guter Lehrer müsse mehr sein als ein Lernbegleiter, müsse mehr tun, als nur Lernumgebungen zu schaffen, als hier mal ein Arbeitsblatt zu reichen, dort mal ein Experiment aufzubauen. Ein guter Lehrer sollte ein "activator" sein, der seine Klasse herausfordert und jeden Einzelnen an seine Grenzen bringt.