Biografien haben Konjunktur. Die Strukturgeschichte hatte sie, zumal in Deutschland, lange Jahre in den Hintergrund gedrängt. Wie aber sie schreiben, wie Zeugnis ablegen über einen Menschen in seiner Zeit, dessen Dasein längst erloschen ist? Wie sich einem fremden Leben nähern?

Die griechische Antike entwickelte dafür Lebensmuster, die fortan den Biografen die Arbeit erleichterten. Für das lateinische Mittelalter wurden die Kaiserbiografien des Römers Sueton zum Vorbild; in der Renaissance trat der griechisch schreibende Plutarch hinzu. Beide folgten dem Muster: Herkunft und Geburt, Kindheit, Erziehung und Bildung, öffentliche Karriere und historische Leistungen, Familienleben, Äußeres, Religiosität und Tod – insgesamt eine Abfolge von Wahrnehmungen im öffentlichen Raum, wenn nicht überhaupt die Beschreibung öffentlichen Auftretens, ganz mit fremden Augen, keinerlei Selbstzeugnis.

Just in frühchristlicher Zeit aber war die antike Tradition verblasst. Allein mit Heiligenleben, einem völlig anderen Genus, warteten die ersten mittelalterlichen Jahrhunderte auf. Der Typus des "heiligen Mannes" dominierte nun. Hier trat ein Ich hervor, das sich für das Jenseits rüstete. Erst Einhard, der Biograf Karls des Großen, bescherte uns mit seiner berühmten Vita Karoli, seinem Karlsleben, das er dem Andenken des ganz unheiligen Karl widmete, die Wiedergeburt der weltlichen Biografie. Es geschah in Anlehnung an Sueton.

Einhard, ein Gelehrter und Vertrauter Karls, schrieb sein Buch wohl um 827, anderthalb Jahrzehnte nach dem Tod des Kaisers am 28. Januar 814 in Aachen. Er schrieb es auf Lateinisch, eine Originalhandschrift des Autors ist nicht erhalten. Das Buch existiert in zwei oder drei leicht unterschiedlichen Fassungen, in mehr als 100 Handschriften, die über alle großen Bibliotheken Europas verstreut sind: von Kopenhagen über Paris, Berlin, London, München, Wien bis zur Vaticana in Rom. Alle diese Handschriften stammen aus dem 9. oder 10. Jahrhundert und liegen, so darf sicher vermutet werden, vergleichsweise nahe am ursprünglichen Wortlaut.

"Leben und Lebenswandel meines Herrn und Erziehers und einen Großteil seiner Taten zu beschreiben, habe ich gerne unternommen." So beginnt Einhard sein Karlsleben. Es sollte ein Werk der Dankbarkeit gegen seinen Gönner sein, in dessen Gunst der Autor sich lange sonnen durfte. Nichts sollte ausgelassen werden von dem, was ihm von seinem einstigen Herrn bekannt geworden sei, doch nichts "durch Weitschweifigkeit des Erzählens" die Leser belästigen.

Briefe an die Gemahlinnen nach Schema X

Knappheit und Vollständigkeit also. Bis in Sprachduktus, Stoffauswahl und Gliederung folgt der fränkische Autor Satz für Satz dem Vorbild Suetons. Ein anderes Muster steht ihm nicht zur Verfügung. Alles, was er von seinem Helden zu berichten hat, findet dort sein Vorbild. Einhards Karl erscheint wie ein antiker Caesar, statisch und fremdartig.

Taten, Charakter und Interessen, Familie, Herrschaftsordnung und Karls Ende werden thematisch gebündelt, nicht chronologisch geordnet, so als würde ein starres Lebensregister angelegt, kein Wandel in der Zeit verfolgt. Der fränkische Eroberer und Kaiser wird wie von außen gesehen, wird einem fremden, einem gleichsam geliehenen Muster unterworfen – ein wichtiges Stück Literatur gewiss, ein politischer Text obendrein, aber höchst distanziert. Er lässt kalt.

Karl selbst kommt nicht zu Wort. Pläne, Absichten, Scheitern, der ganze Herrschaftsvollzug: Das alles bleibt unbestimmt und vage. Keiner der Ratgeber tritt hervor. Bloß zwei Gelehrte finden als Lehrer des Königs Erwähnung sowie 30 Zeugen des Testaments, 15 Geistliche und 15 Grafen. Kein einziger Herrschaftsakt sieht sich durchleuchtet, weder der Beginn der Alleinherrschaft 771 noch die Kriegszüge gegen Sachsen, Langobarden und Araber, noch die Krönung zum Kaiser 800 in Rom.

Ein blutleeres Leben? Der König pflegte, so hält dieses Karlsleben fest, Umgang mit wenigstens zehn Frauen. Wie er aber zu ihnen stand, verrät kein Einhard und kein anderer Autor. Nur ein Brief an eine der Gemahlinnen hat sich zufällig erhalten, in der Nationalbibliothek in Paris. Er stammt aus dem Jahr 791 – Karl befand sich wieder einmal auf einem Feldzug – und war ursprünglich an die Königin Fastrada gerichtet. Doch das Schreiben, von der Hand eines Sekretärs, ist als Muster umgearbeitet: Alle Namen sind durch "ill." ("jene oder "jener") ersetzt, also auch die Namen der Königin und der Kinder Karls. Das Schreiben sollte das Muster sein, wie ein König an seine Gemahlin zu schreiben hat.