Manchmal erzählen erdachte Figuren etwas über die Wirklichkeit, das die realen Menschen noch nicht auszusprechen wagen. So war es mit den Romanheldinnen des 19. Jahrhunderts. Sie verweigerten sich den Konventionen und starben auf grausame Weise. Anna Karenina warf sich vor einen Zug, Emma Bovary nahm Arsen, Effi Briest starb an gebrochenem Herzen. Drei Frauen, die erst im Tod die Freiheit fanden, auf die sie im Leben verzichten mussten.

Anderthalb Jahrhunderte ist es her, dass diese Figuren erdacht wurden. Wer die große alte Tragödie vom Zusammenprall von Seele und Norm neu erzählen will, dreht eine Fernsehserie. Und erzählt nicht mehr von Frauen, sondern von Männern.

Tony Soprano, Mafiaboss in der amerikanischen Serie Die Sopranos, ist ein Kerl, der tut, was von ihm erwartet wird: Er checkt die Lage, fährt dicke Autos und wohnt in einem großen Haus. Er hat eine Frau, zwei Kinder – und mehrere junge Geliebte. Doch dann kommen Gefühle ins Spiel, und die Dinge entgleiten ihm. In der ersten Episode wächst ihm eine Entenfamilie, die in seinem Swimmingpool landet, ans Herz. Soprano findet sich in einer Psychoanalyse wieder. Seine Psychiaterin ist eine kluge Frau mit einem wissenden Lächeln auf den schönen Lippen, die vollkommen unbeeindruckt ist von seiner Macht, seinem Geld und seiner Brutalität.

Die Sopranos wurden mit 21 Emmys und fünf Golden Globes ausgezeichnet, sie wurden als Revolution des Fernsehens gefeiert. Als James Gandolfini, der zehn Jahre lang Tony Soprano spielte, kürzlich starb, erschienen hymnische Nachrufe. Vielleicht war der Erfolg der Serie deshalb so groß, weil die Hauptfigur Tony das Lebensgefühl vieler Männer verkörpert.

Auch andere Fernsehhelden dieser Zeit sind verletzte Typen wie Tony Soprano, Männer, die am bestehenden Konzept von Richtig und Falsch zugrunde gehen. Männer wie Walter White in Breaking Bad: ein Chemielehrer, der Lungenkrebs bekommt und seine Familie versorgt wissen will, weshalb er anfängt, Crystal Meth zu verdealen. Nicholas Brody in Homeland: ein US-Marine, der im Irak gefoltert wurde, als Held zurückkehrt und bald als Terrorist gesucht wird. Jimmy McNulty in The Wire: ein genialer Polizeiermittler, in dem seine Exfrau aber nur einen Alkoholiker sieht, der seine Kinder vernachlässigt.

Wie hart, wie weich muss ein Mann heute sein – das ist das große aktuelle Thema, um das diese Fernsehserien kreisen.

Auch in der Realität ist die Liste der männlichen Dramen lang, und sie wird immer länger. Psychische Störungen treten heute bei Jungen achtmal häufiger auf als bei Mädchen. Das konstatiert der Soziologe Walter Hollstein in seinem Buch Was vom Manne übrig blieb.

Zwei Drittel der Sonder- und Förderschüler sind männlich. Und auf 100 Jungs, die die Schule abbrechen, kommen in Deutschland bloß 88 Mädchen.

Männer stellen 93 Prozent der wegen Mordes, Mordversuchs oder Totschlags Inhaftierten. Und wenn man von Sexualdelikten absieht, sind zwei von drei Gewaltopfern ebenfalls Männer.

Männer sterben – obwohl sie längst nicht mehr so viel körperliche Arbeit verrichten wie früher – immer noch fünf Jahre früher als Frauen.

Die Selbsttötungsrate ist bei Männern in allen Altersgruppen dreimal so hoch wie die der Frauen.

Amokläufe, oft erweiterte Suizide, werden fast ausschließlich von Männern begangen.

Wohnungslose sind zu 75 Prozent Männer. Obdachlosigkeit ist ein Männerproblem, und es wird immer größer – mit zehn Prozent Zuwachs zwischen 2010 und 2012.

An den Folgen von Alkoholismus sterben jährlich dreimal so viele Männer wie Frauen. Auch zwei Drittel der wegen Alkoholmissbrauchs stationär behandelten Jugendlichen sind männlich.