Ein Belgier badet Anfang Januar in der Nordsee © Laurent Dubrule/Reuters

Manchmal erzählen erdachte Figuren etwas über die Wirklichkeit, das die realen Menschen noch nicht auszusprechen wagen. So war es mit den Romanheldinnen des 19. Jahrhunderts. Sie verweigerten sich den Konventionen und starben auf grausame Weise. Anna Karenina warf sich vor einen Zug, Emma Bovary nahm Arsen, Effi Briest starb an gebrochenem Herzen. Drei Frauen, die erst im Tod die Freiheit fanden, auf die sie im Leben verzichten mussten.

Anderthalb Jahrhunderte ist es her, dass diese Figuren erdacht wurden. Wer die große alte Tragödie vom Zusammenprall von Seele und Norm neu erzählen will, dreht eine Fernsehserie. Und erzählt nicht mehr von Frauen, sondern von Männern.

Tony Soprano, Mafiaboss in der amerikanischen Serie Die Sopranos, ist ein Kerl, der tut, was von ihm erwartet wird: Er checkt die Lage, fährt dicke Autos und wohnt in einem großen Haus. Er hat eine Frau, zwei Kinder – und mehrere junge Geliebte. Doch dann kommen Gefühle ins Spiel, und die Dinge entgleiten ihm. In der ersten Episode wächst ihm eine Entenfamilie, die in seinem Swimmingpool landet, ans Herz. Soprano findet sich in einer Psychoanalyse wieder. Seine Psychiaterin ist eine kluge Frau mit einem wissenden Lächeln auf den schönen Lippen, die vollkommen unbeeindruckt ist von seiner Macht, seinem Geld und seiner Brutalität.

Die Sopranos wurden mit 21 Emmys und fünf Golden Globes ausgezeichnet, sie wurden als Revolution des Fernsehens gefeiert. Als James Gandolfini, der zehn Jahre lang Tony Soprano spielte, kürzlich starb, erschienen hymnische Nachrufe. Vielleicht war der Erfolg der Serie deshalb so groß, weil die Hauptfigur Tony das Lebensgefühl vieler Männer verkörpert.

Auch andere Fernsehhelden dieser Zeit sind verletzte Typen wie Tony Soprano, Männer, die am bestehenden Konzept von Richtig und Falsch zugrunde gehen. Männer wie Walter White in Breaking Bad: ein Chemielehrer, der Lungenkrebs bekommt und seine Familie versorgt wissen will, weshalb er anfängt, Crystal Meth zu verdealen. Nicholas Brody in Homeland: ein US-Marine, der im Irak gefoltert wurde, als Held zurückkehrt und bald als Terrorist gesucht wird. Jimmy McNulty in The Wire: ein genialer Polizeiermittler, in dem seine Exfrau aber nur einen Alkoholiker sieht, der seine Kinder vernachlässigt.

Wie hart, wie weich muss ein Mann heute sein – das ist das große aktuelle Thema, um das diese Fernsehserien kreisen.

Auch in der Realität ist die Liste der männlichen Dramen lang, und sie wird immer länger. Psychische Störungen treten heute bei Jungen achtmal häufiger auf als bei Mädchen. Das konstatiert der Soziologe Walter Hollstein in seinem Buch Was vom Manne übrig blieb.

Zwei Drittel der Sonder- und Förderschüler sind männlich. Und auf 100 Jungs, die die Schule abbrechen, kommen in Deutschland bloß 88 Mädchen.

Männer stellen 93 Prozent der wegen Mordes, Mordversuchs oder Totschlags Inhaftierten. Und wenn man von Sexualdelikten absieht, sind zwei von drei Gewaltopfern ebenfalls Männer.

Männer sterben – obwohl sie längst nicht mehr so viel körperliche Arbeit verrichten wie früher – immer noch fünf Jahre früher als Frauen.

Die Selbsttötungsrate ist bei Männern in allen Altersgruppen dreimal so hoch wie die der Frauen.

Amokläufe, oft erweiterte Suizide, werden fast ausschließlich von Männern begangen.

Wohnungslose sind zu 75 Prozent Männer. Obdachlosigkeit ist ein Männerproblem, und es wird immer größer – mit zehn Prozent Zuwachs zwischen 2010 und 2012.

An den Folgen von Alkoholismus sterben jährlich dreimal so viele Männer wie Frauen. Auch zwei Drittel der wegen Alkoholmissbrauchs stationär behandelten Jugendlichen sind männlich.

Eine ganz neue Schicht von Männern: die Totalverweigerer

Dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zufolge ist in den neuen Bundesländern zudem eine ganz neue Schicht von Männern entstanden: die Totalverweigerer, "die sich mit minimalen Bedürfnissen einrichten und am allgemeinen gesellschaftlichen Leben kaum mehr teilnehmen". In manchen strukturschwachen Gebieten Ostdeutschlands beläuft sich der Männerüberschuss auf 25 Prozent. Die Frauen reagieren auf die schlechten Zukunftsperspektiven, indem sie sich anderswo eine Zukunft suchen. Die Männer bleiben zurück.

Einige dieser Dramen sind neu. Andere gab es schon immer, doch sie wurden gedankenlos hingenommen. Erst jetzt wird offenbar: Es gab schon bessere Zeiten fürs Mannsein.

Die Krise des Mannes ist am unteren wie am oberen Ende der Gesellschaft zu besichtigen.

Das untere Ende findet man zum Beispiel im Rollbergviertel in Berlin-Neukölln. Dort lebt ungefähr jeder Zweite von Transferleistungen. Ein Viertel der Bewohner ist unter 18 Jahre alt. Gilles Duhem, 46, ein Politologe und Volkswirt, rief hier vor zehn Jahren den Förderverein "Gemeinschaftshaus Morus 14" ins Leben, der unter anderem ein Mentorenprogramm für Schüler anbietet. Die größten Schwierigkeiten, sagt er, hätten Jungen. Duhem hat eine Theorie, warum das so ist:

"Das Problem des 21. Jahrhunderts sind die ungebildeten Männer und Jungen – ob Einwanderer oder Deutsche, ist nicht entscheidend. Die ungelernten Männer sind überflüssig geworden. Armee, Fabrik, Gewerkschaft, Kirche – dort sind sie früher untergekommen und haben gelernt, sich im Griff zu haben. Aber die Orte der Disziplin fallen heute weg. Es gibt kein gesellschaftliches Korsett mehr.

Für die Jungs ist das Problem, dass keiner sie erzieht. Die Kinder hier wachsen praktisch vaterlos auf, was für die Jungs fatal ist: In den arabischen und türkischen Familien gibt es einen Vater, aber der ist die ferne, unanfechtbare Autorität. Bei den Deutschen haben die Frauen fünf Kinder von fünf Vätern, doch keiner von denen lässt sich mehr blicken.

Die Jungs kommen in die Schule und haben noch nie in ihrem Leben ein Bilderbuch angeguckt. Die haben keine Ahnung von nichts. Und dann sollen die plötzlich mit Streit zurechtkommen. Gespräche führen, Konflikte besprechen, Gefühle benennen und kontrollieren, sich in unserer zivilisierten, feminisierten Welt zurechtfinden. Sie werden fast ausschließlich von Frauen unterrichtet, von Frauen 50 plus. Wie soll das gehen? Die Jungs katapultieren sich schnell ins Aus: Aggressionen gegen Lehrerinnen, Schulverweis, erste kleine Delikte. Das geht ganz schnell.

Die Jungs haben hohe Ansprüche, die sie von den vorangegangenen Generationen geerbt haben – der Mann war schließlich immer der Boss. Jetzt müssen sie lernen, damit zurechtzukommen, dass die Welt nicht so ist, wie sie das gern hätten. Dabei helfen wir ihnen in unserem Verein."

Nun könnte man einwenden, dass trotz dieser Benachteiligungen vor allem Männer an der Spitze der Gesellschaft stehen. Das Vermögen der Männer in Deutschland ist im Durchschnitt anderthalb mal so groß wie das der Frauen. Lenken Männer nicht die Konzerne? Steht nicht deshalb im Koalitionsvertrag der neuen Regierung eine Quote für Aufsichtsrätinnen?

Das stimmt. Aber wer sagt, dass all die Männer dort oben zufrieden sind?

Der Krise des Mannes begegnet man auch in einem Bungalow mit Panoramascheiben im feinen Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Dort residiert die Headhunting-Agentur von Heiner Thorborg, 69, Ferrarifahrer und Vermittler von Vorstandsmitgliedern und Geschäftsführern für die ganz wichtigen Unternehmen. Die Einrichtung in Thorborgs Firma besteht aus edlen, schlichten Metallschränken, an den Wänden hängt moderne Kunst.

"Ich hatte, als ich jung war, nur ein Ziel: Ich wollte Vorstand werden, unbedingt. Als Zwischenziel hatte ich mir vorgenommen, mit 30 Geschäftsführer zu sein, egal wo. Was für ein Motiv! Das mit dem Geschäftsführer habe ich geschafft, aber heute bin ich froh, dass ich nicht Topmanager in einem Großkonzern bin. Um nichts in der Welt möchte ich Chef von Daimler sein. Diese Leute sind total fremdbestimmt.

In meinem Job lerne ich immer wieder Männer kennen, die nicht tun, was sie wollen oder was eigentlich gut für sie wäre. Wenn es eine Position zu besetzen gibt, fragen sie sich nicht, ob sie das können. Sie fragen sich, wie viel sie verdienen, wie viel Ansehen der Job bringt. Ich denke mir, vielleicht sind Männer so gedrillt worden über all die Jahrhunderte.

Oft frage ich mich, wenn ich hier mit einem Kandidaten an diesem Besprechungstisch sitze: Woher nimmt der jetzt den Mut, zu sagen, er kann es? Bei manchen denke ich, dass sie selbst wissen, dass es nicht stimmig ist. Aber sie kommen aus der Falle nicht mehr raus. Vor Kollegen, der Familie, Freunden stünden sie als Versager da. Die Souveränität, zuzugeben, dass sie in zu großen Schuhen stecken, haben nicht viele. Lieber leiden sie. Depression, Alkohol, Tabletten – diese Spirale ist gang und gäbe.

René Obermann ist der Einzige, den ich kenne, der freiwillig sagte: Ich mag nicht mehr. Ich bin kein Konzernmanager, ich habe erkannt, wo meine Stärken und wo meine Schwächen liegen. Sein Ausstieg bei der Telekom ist eine Entscheidung, die großen Respekt verdient."

Das Scheitern ist im Lebenslauf eines Mannes nicht vorgesehen. Für Männer gilt immer noch die Regel: durchhalten, tapfer sein, nicht nachlassen.

So begegnen sie auch ihren Krisen.

Im Absolutismus haben Männer noch goldbestickte Röcke getragen, in der Romantik haben sie den Wert echter Freundschaft und tiefer Gefühle beschworen. Seit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft kleiden sie sich schlicht und praktisch. Der Beruf rückte ins Zentrum ihres Lebens, das Gefühl in den Hintergrund. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten sie praktisch im Büro. Dieses Männerideal scheint langsam außer Mode zu geraten, aber die Nachwirkungen sind noch immer zu spüren. Heute nehmen Männer Sabbaticals, reisen um die Welt und pflanzen in ihrer Freizeit Gemüse an. Im Mittelpunkt steht jedoch weiter das Tun, nicht das Empfinden. Die meisten Männer interessieren sich nicht für das Klein-Klein ihres Gefühlsalltags. Über ihre Nöte schweigen sie sich aus.

Gerade erst hat eine Studie der Technischen Universität Dresden ergeben, dass psychische Störungen – Ängste, Alkoholsucht, Depressionen – bei Bundeswehrsoldaten, die in Afghanistan eingesetzt waren, oft nicht erkannt werden. Nur jeder zweite Soldat mit Posttraumatischer Belastungsstörung sucht sich Hilfe. Offensichtlich würden von den Betroffenen "massive Barrieren wahrgenommen, die sie davon abhalten, sich gegenüber den zuständigen Diensten mit ihrem Leiden zu offenbaren".

Rasen statt drüber Reden

Frauen dagegen reden gern über Probleme. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass dieser Text nicht von einem Mann, sondern von zwei Frauen geschrieben wurde. Oder es ist so: Der moderne Mann befindet sich in Phase eins der Trauer über die verlorene Macht, in der Phase also, in der der Verlust noch geleugnet wird.

Michael Hoffmann ist Fahrlehrer in Grevenbroich bei Düsseldorf. Einige Male im Jahr sitzen je zwölf Kursteilnehmer in seiner Fahrschule, denen er rücksichtsvolleres – in der Regel: langsameres – Fahren beibringen soll. Die Teilnehmer der Nachschulungen sind zum Großteil Männer. Sie wurden von der Straßenverkehrsbehörde gezwungen, Hoffmanns Kurs zu besuchen, oder kommen, weil sie Flensburger Punkte abbauen müssen, damit ihnen der Führerschein nicht weggenommen wird.

Die meisten dieser Männer haben also keine Lust auf Hoffmann, und schon gar nicht haben sie Lust, über ihr Seelenleben zu reden. Oft genug tun sie am Ende aber genau das. Inzwischen hat Hoffmann seine eigene Philosophie des Rasens.

"Ich sehe das Autofahren als Spiegel der Seele, für mich ist es ein Instrument des menschlichen Ausdrucks. Es ist ganz einfach: Ein Mann, der keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat, lebt sie beim Autofahren aus. Ich bitte die Kursteilnehmer immer, ihre Fahrerbiografie aufzuschreiben: Wann haben sie wofür welche Punkte gesammelt – und wie war jeweils ihre Lebenssituation. Da gibt es oft sehr überraschende Parallelen: Männer, die plötzlich massenhaft Punkte bekommen – genau in der Zeit, in der sie von ihrer Freundin verlassen wurden oder als die Frau gestorben ist.

Darüber reden wir dann in der Gruppe. Es ist erstaunlich, wie gut die anderen in der Runde erkennen können, was da eigentlich los ist. Oft steht in der Spalte ›Lebenssituation‹ so etwas wie ›beruflicher Stress‹. Wenn wir weiterforschen, kommt aber raus: Es ist der Glaube, alles müsse schnell gehen, weil jemand zum Beispiel als Kind ständig von seinen Eltern gehetzt und unter Druck gesetzt wurde.

Einmal hatte ich jemanden, der im Heim groß geworden war. Er lief ständig einem Gefühl hinterher, die Welt retten zu müssen. Eine Aufgabe, die er unmöglich erfüllen konnte – genauso wenig, wie die Zeitpläne zu schaffen waren, die er sich auferlegte: von Düsseldorf nach München in dreieinhalb Stunden.

Es war auch mal ein Mann hier, der unglaublich von seiner Chefin drangsaliert wurde, bis auf die Toilette hat sie ihn mit Handyanrufen verfolgt. In der Runde wurde dann klar: Der fährt vor seiner Chefin weg. Eigentlich brauchte er keine Nachschulung, sondern einen neuen Job.

Wenn es gut läuft, sind in so einer Gruppe ein paar dabei, die erkennen, dass sie aus einer Angst heraus handeln – und woher die Angst rührt. Die erkennen, dass sie keine tollen Kerle sind, wenn sie sich vom Jobstress dazu treiben lassen, zu rasen und irgendwann einen totzufahren, sondern dass ihnen im Gegenteil der Mut fehlt, das zu machen, was richtig für sie wäre. ›Ein Schisser bist du!‹, hat einer meiner Nachsitzer einem anderen Raser zugerufen."

Wir leben im Zeitalter des Innenlebens. Der Alltag besteht nicht mehr aus Jagen und Kämpfen und immer weniger aus physisch anstrengender Arbeit. Er besteht vor allem aus Kommunikation, aus Gesprächen. Mit Kindern, Ehefrauen, Mitarbeitern. Sie alle sind nicht mehr Befehlsempfänger des Patriarchen, sondern verlangen, dass man mit ihnen spricht. Wer seine Gefühle nicht kennt, kommt da nicht weit.

Vielleicht ist deshalb für viele eine Gedankenwelt attraktiv, in der noch alles ist, wie es früher mal war.

Es sind die Fantasien junger Männer, die heute Hip-Hopper zu Superstars machen. Lil Wayne und Rick Ross brachten es zu Berühmtheit. Ihre Themen sind Geld und Blowjobs. Sie werden verhaftet, sie tragen Tattoos im Gesicht. Sie sind nicht kommunikativ, sondern einfach laut.

"Wir sind die neuen Rockstars, und ich bin der Größte von ihnen", hat der Rapper Kanye West neulich in einem Interview gesagt. Im Video zu seinem aktuellen Hit Bound 2 sitzt er auf dem Motorrad, seine nackte Verlobte Kim Kardashian vor ihm, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Es ist der Traum von einer vergangenen Zeit: Der Mann bestimmt, wo es langgeht, die Frau hat nichts an und sieht nichts als ihn.

Vor Kurzem ist Grand Theft Auto 5 herausgekommen, der fünfte Teil einer aufwendig produzierten Computerspielserie. In der ersten Woche nach Erscheinen wurde es allein in Deutschland eine Million Mal verkauft – fast ausschließlich an Männer. Die Charaktere des Spiels verticken Drogen, erpressen Schutzgelder, planen Entführungen. Nach ungefähr 100 Spielstunden ist man ein reicher, zufriedener Schwerverbrecher. Grand Theft Auto ist ein sogenanntes Open-World-Spiel: Die Spielwelt ist riesig, und man kann sich darin frei bewegen. Man rast im Sportwagen durch die Großstadt, fliegt einen Hubschrauber durch enge Schluchten, man schießt und fährt die über den Haufen, die einem auf die Nerven gehen.

Grand Theft Auto ist Männerkitsch.

Laut einer aktuellen Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest verbringen Jungs im Alter von 12 bis 19 Jahren unter der Woche täglich 78 Minuten mit Computer-, Konsolen- und Onlinespielen, am Wochenende 112 Minuten täglich. Mädchen spielen 33 Minuten unter der Woche und 41 Minuten am Wochenende.

Man muss nicht gleich in jedem Computerspieler einen potenziellen Amokläufer sehen, der den Unterschied zwischen virtuellem Geballere und echtem Schießen nicht versteht. Aber Realitätsflucht ist definitiv dabei. Computerspiele sind für Männer das, was für Frauen Soap-Operas sind: die Möglichkeit, abzutauchen in eine schöne Welt ohne fremde Erwartungen.

Zwei von drei Trennungen gehen von der Frau aus

Im Durchschnitt braucht es neun Monate, bis eine Frau, die ein psychisches Problem hat, sich ärztliche oder therapeutische Hilfe holt. Bei einem Mann dauert es 70 Monate – und in der Regel wurde er von einer Frau dazu überredet. Vielleicht kommt er dann zur Männerberatungsstelle von Björn Süfke in Bielefeld.

Ein schmuckloses Büro mit Gummibaum und Filzfußboden, optisch nur aufgefrischt von einem Poster an der Wand, das eine Landkarte zeigt: die Landschaft der männlichen Gefühle, mit dem "Vulkan der Wut", dem "See der Trauer", der "Wüste der Einsamkeit", der "Stadt der Stärken", dem "Land der Sehnsüchte". Das ist die Kulisse, in der der Psychologe Süfke mit Männern über deren Probleme redet. Über Gewaltausbrüche, Stress im Beruf – und immer häufiger über Schwierigkeiten in der Partnerschaft.

Süfke führt das darauf zurück, dass heute viele Frauen, wenn ein Mann ihre Bedürfnisse nicht erfüllt, ganz selbstverständlich die Beziehung beenden. Zwei von drei Trennungen gehen von der Frau aus. Bis in die siebziger Jahre hinein haben Männer – in Gestalt des Gesetzgebers – definiert, wie eine Ehe abzulaufen hat. Inzwischen, das ist die Erfahrung des Therapeuten, bestimmen Frauen, was in einer Ehe passieren sollte. Die gesetzliche Pflicht der Ehefrau zur Haushaltsführung, die bis 1977 galt, ist abgeschafft. Stattdessen gilt jetzt, erlassen von den Ehefrauen selbst, die Pflicht des Ehemanns zum Beziehungsgespräch.

So sehr orientieren sich die Männer an den tatsächlichen oder den vermuteten weiblichen Erwartungen, dass der Therapeut seine Besucher oft ermahnen muss, sie sollten ihm nicht schon wieder erzählen, was ihre Frau sich wünscht, sondern welche Wünsche sie selbst haben. Das ist Süfkes Hauptjob: Männer dazu zu bringen, über ihre Gefühle zu reden.

Auch er selbst, der Profi, spürt, wie schwierig das manchmal sein kann.

"Als mein Sohn knapp zwei war, gab es einmal eine schwierige Situation vor dem Zubettbringen. Wir waren im Bad. Er sollte Zähne putzen, und er wollte nicht. Und wie das eben so ist in solchen Situationen – es eskalierte. Ich war vollkommen hilflos und merkte, dass mir die Tränen kamen. Es war eine banale Situation, aber ich war wirklich verzweifelt. Wie vermutlich viele Männer hatte ich den Wunsch, immer zu wissen, wie es weitergeht – und jetzt zerbarst der Wunsch an einem Zweijährigen, der sich weigerte, eine Zahnbürste in die Hand zu nehmen.

Ich bin dann aus dem Bad gerannt, stand draußen mit dem Rücken zur Tür und dachte: ›Scheiße, da redest du als Therapeut immer von Rollenvorbildern und davon, dass Männer mal Emotionen zeigen sollen, und wenn du selbst vor deinem Sohn weinen musst, rennst du raus!‹ Also bin ich wieder reingegangen und habe mir extra nicht die Tränen weggewischt.

›Papa, warum weinst du denn?‹, hat mein Sohn gefragt, und wenn ich davon erzähle, muss ich aufpassen, dass mir nicht gleich wieder die Tränen kommen.

›Ich bin traurig, weil wir uns streiten‹, habe ich geantwortet. ›Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.‹

Und er: ›Ich auch nicht.‹

Wir haben uns dann in den Arm genommen, und es war gut."

Björn Süfke ist 41 Jahre alt und hat drei Kinder, die er gemeinsam mit seiner Frau großzieht. Beide sind berufstätig, beide kümmern sich um die Familie. Süfke gehört zu jenen Vätern, die sich nicht mehr nur als finanzielle, sondern auch als emotionale Versorger ihrer Kinder sehen.

Für die neuen Väter begeistert sich das Land seit einigen Jahren. Wenn man bedenkt, wie viel über sie geschrieben wurde, könnte leicht in Vergessenheit geraten, dass sie nur einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft bilden.

Ja: Inzwischen nimmt fast jeder dritte Vater Elternzeit – doch von denen beansprucht die große Mehrheit das Elterngeld maximal für zwei Monate. Väter im Alter von 25 bis 39 Jahren arbeiten sogar durchschnittlich etwa zwei Stunden länger pro Woche als die anderen Männer dieser Altersgruppe. Während die Wochenarbeitszeit bei kinderlosen Männern ab dem 40. Lebensjahr kontinuierlich abnimmt, steigt sie bei Vätern leicht an.

Der Mann ist immer noch derjenige, der das Geld verdient, und Männer wie Frauen halten daran fest.

Das Rollenmodell "Sie arbeitet, er bleibt zu Hause" ist nur für wenige akzeptabel – am wenigsten für Frauen: Männer halten es zu 13 Prozent für vorstellbar, Frauen nur zu neun Prozent, wie eine Allensbach-Studie kürzlich zeigte. Nur wenige Frauen binden sich an einen Mann, der einen geringeren Bildungsgrad hat, ihr also womöglich keine finanzielle Sicherheit bieten kann. Während Männer mit einem höheren Bildungsabschluss zu 30 Prozent "nach unten" heiraten, tun das nur neun Prozent der Frauen.

Es ist auch keineswegs so, dass alle sich über das gerade erwachende Interesse der Männer an der Kindererziehung freuen. Konsens in der Bildungs-Berichterstattung ist, dass es dringend mehr Erzieher in Kindergärten und mehr männliche Lehrer in den Grundschulen geben müsste. Weil Jungs, die immer häufiger allein von ihren Müttern erzogen werden, männliche Identifikationsfiguren brauchen – und zwar andere als die Schutzgelderpresser aus Grand Theft Auto. Doch als sich im Kindergarten von Björn Süfkes Sohn ein Mann beworben hatte, berief die Kitaleitung erst einmal einen Sonder-Elternabend ein. In hitzigen Debatten sprachen sich einige der vermeintlich fortschrittlichen Eltern gegen den Kandidaten aus. Dann machte einer der Väter einen Kompromissvorschlag: Er sei einverstanden, vorausgesetzt, seine Tochter werde nicht von dem Erzieher gewickelt.

Auch wenn es gern anders dargestellt wird – das Feld der Kindererziehung wird dem Mann nicht kampflos überlassen. Das Abweichen vom klassischen männlichen Rollenrepertoire ist bis heute nur in sehr engen Grenzen akzeptiert.

Selbst moderne, emanzipierte Frauen reagieren manchmal verschreckt, wenn ihr Mann wirklich einmal Schwäche zeigt. Therapeuten berichten, dass Frauen erst von ihrem Mann einfordern, Gefühle zu zeigen – und ihn genau dann verlassen, wenn er negative Gefühle, beispielsweise Depressionen, eingesteht. So haben diese Frauen sich das mit der Partnerschaft auf Augenhöhe dann nämlich doch nicht vorgestellt. Auch Erfolglosigkeit ist ein Liebestöter. Kein Jahr brauchte Bettina Wulff, laut stern die "unkonventionelle, moderne Frau" in Schloss Bellevue, um sich von ihrem Mann, dem gestrauchelten Bundespräsidenten, loszusagen.

Kann ein Countertenor männlich sein?

Die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist theoretisch eine schöne Sache, in der Praxis gehen einige lieb gewonnene Gewohnheiten über Bord. Rigide Schönheitsideale und das Schlankheitsdiktat setzen zwar vor allem Frauen zu; was einen Mann attraktiv macht, ist allerdings auch nur selten verhandelbar. Für die allermeisten Frauen muss der Mann ihrer Träume wohl mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllen: ein bisschen erfolgreicher, ein bisschen älter, ein bisschen größer als sie selbst.

Homosexuelle Männer nehmen sich die Freiheit, mit der männlichen Rolle zu experimentieren. Der 35-jährige Philippe Jaroussky ist ein Countertenor. Er singt also in der Sopranstimme, die sonst Frauen vorbehalten ist. Er steht in der Berliner Philharmonie auf der Bühne, ein hochgewachsener Mann im schwarzen Anzug, die Stimme glockenhell, wunderschön, aber durch und durch unmännlich.

"Es gibt heute immer noch einige, die es lächerlich finden, wenn ein Mann mit einer hohen Stimme singt. Das merke ich, wenn ich zum Beispiel in Fernsehsendungen auftrete, wo das Publikum sich mit klassischer Musik nicht so gut auskennt und nicht weiß, was ein Countertenor ist. Es gibt dann Lacher, Zwischenrufe, vor allem die jungen Männer sind irritiert, denken, ich will sie auf den Arm nehmen. So ist es auch, wenn ich vor Schulklassen auftrete.

Ich habe mit 18 angefangen, in der Sopranlage zu singen. Damals hat es mich vor allem aus musikalischen Gründen interessiert, weil die Technik sehr kunstvoll ist. Aber Musik ist nie nur intellektuell. Eine Stimme ist sinnlich, körperlich. Ich habe inzwischen akzeptiert, dass die Menschen sehr emotional auf meine Stimme reagieren.

Vor zehn oder zwanzig Jahren waren Countertenöre noch darum bemüht, zu zeigen, dass sie echte Männer sind, keine Kastraten, sie ließen sich Bärte wachsen und zeigten ihre Kinder vor. Ich muss das nicht. Es klingt vielleicht komisch, aber ich fühle mich männlich. Ich stelle das überhaupt nicht infrage.

Männer werden heute immer noch oft darauf reduziert, dass sie mutig und kräftig sind, Krieger eben. Aber nicht jeder Mann ist so, und ich denke, manche Männer finden es auch belastend, dass man das von ihnen erwartet. Mut ist keine männliche Eigenschaft, Sensibilität keine weibliche. Genauso wenig haben Frauen die Eleganz und den Feinsinn für sich gepachtet. Ich nehme es für mich jedenfalls in Anspruch, elegant und feinsinnig zu sein."

Die homosexuellen Männer haben es geschafft, sich von vielen Vorurteilen zu befreien. Das haben sie mit den Frauen gemeinsam, die ihre Rolle über die Jahrzehnte erweitert haben. Seit 13 Jahren dürfen Frauen den Dienst an der Waffe ausüben, so lange gibt es auch Lufthansa-Kapitäninnen. Inzwischen bekommen Frauen nicht nur den Literatur- und den Friedensnobelpreis, sondern auch, wie 2009 die Amerikanerin Elinor Ostrom, den für Wirtschaftswissenschaften. Eine Frau leitet das Internet-Unternehmen Yahoo, eine Frau leitet den Autokonzern General Motors, eine Frau leitet Karstadt. Kampfdrohnen werden auch von Frauen gesteuert. Und Playmobil hat seit einem Jahr eine Bankräuberin im Figurensortiment.

Und was ist mit den heterosexuellen Männern? Sie haben, abgesehen von den paar Vätermonaten, die Haartransplantation bekommen, die dank des Fußballtrainers Jürgen Klopp auf dem besten Weg ist, das männliche Pendant zur weiblichen Brustvergrößerung zu werden. Das ist die halbwegs amüsante Seite der Männerkrise. Weit beunruhigendere Symptome werden meist abgetan – oder verschwiegen. Viele der spezifisch männlichen Probleme werden gar nicht als männliche Probleme wahrgenommen, sondern als allgemein soziale: Obdachlosigkeit, Suizid, Burn-out, Gewalt, Schulversagen, Alkoholabhängigkeit.

Die alten Vorstellungen von Mann und Frau haben sich in die Gegenwart gerettet, und sie besagen: Die Frau ist passiv, sie wurde erst unterdrückt, dann befreit und schließlich gefördert; der Mann aber gilt als aktiv. Er ist für sein Glück und Unglück selbst verantwortlich.

Angenommen, ein Mann sitzt alleine daheim, ernährt sich von Bratwurst und Schmelzkäse, raucht, treibt keinen Sport und geht nicht zum Arzt. Die verbreitete Haltung einem solchen Mann gegenüber ist: Der scheint es ja darauf anzulegen, ein krankes Herz oder eine kaputte Leber zu bekommen.

Unerschöpflich ist das allgemeine Interesse daran, was und wie viel Frauen essen. In untergewichtigen Models sieht man Symbolträgerinnen einer gestörten, frauenfeindlichen Gesellschaft. Selbstschädigendes Essverhalten von Männern aber gilt als persönliches Versagen.

Eine Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Georgia und Columbia hat die Noten von 5.800 Kindern in den USA abgeglichen mit ihren prinzipiellen Fähigkeiten beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Mädchen und Jungen waren – außer beim Lesen – etwa gleich gut. Doch die Jungen hatten – anders als die Mädchen – durchweg schlechtere Noten, als die Tests erwarten ließen. Den Jungen fehlen, so die Autoren, die Konzentrationsfähigkeit und die Lernbereitschaft, die ihre Lehrer erwarten und in die Bewertung einfließen lassen.

In Deutschland sind die Jungen in der Schule von den Mädchen überholt worden. 37,8 Prozent aller Schülerinnen machten 2012 Abitur, aber nur 29,4 Prozent der Schüler.

Die übliche Deutung dieser Ungleichheit lautet: Selbst schuld, diese Halbstarken. Ein junger Mann braucht unser Mitleid nicht.

Matthias Franz ist Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Düsseldorf und Mitveranstalter eines regelmäßig stattfindenden Männerkongresses. Er beschäftigt sich mit Vaterlosigkeit als Folge von Trennungen und Kriegen und hat sich im vergangenen Jahr für ein Verbot der Beschneidung von Jungen eingesetzt. Franz befasst sich mit den besonderen Risiken, denen Jungen ausgesetzt sind, und auch mit dem Männerproblem Suizid.

Männer dürfen keine Niederlagen haben

Zwischen 2007 und 2011 hat sich die Selbsttötungsrate bei den Frauen um vier Prozent erhöht, bei den Männern aber um neun Prozent. Über diese Zahlen redet Franz quasi in jedem seiner Vorträge – doch niemand will es hören.

"Schon Jungen im Alter von zwölf Jahren haben eine dreimal so hohe Suizidrate wie Mädchen. Die Dunkelziffer ist sicher noch höher – häufig werden solche katastrophalen Ereignisse ja als Unfall deklariert. Niemand interessiert sich für diese Zahlen, noch nicht einmal diejenigen kümmern sich darum, deren Aufgabe das wäre. Ich habe wegen dieser Problematik zwei-, dreimal ans Bundesfamilienministerium geschrieben. Nie habe ich von dort in dieser Sache eine Antwort bekommen. Das Gruppenprogramm ›Palme‹ für alleinerziehende Mütter, das wir entwickelt haben, wurde im Familienministerium dagegen sofort wahrgenommen – kurios, nicht? Meiner Meinung nach gibt es ein kollektives Empathieversagen gegenüber Jungen."

Psychologische Autopsien, also Nachforschungen in der Biografie Verstorbener, zeigen, dass Männer, die sich umgebracht haben, auffällig oft ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater hatten. Über das individuelle Schicksal hinaus wirkt das Prinzip Mann, und das besagt: Schäme dich deiner Niederlagen. Keiner kann dir helfen.

Männer gehen, wenn sie lebensmüde sind, entschlossener vor als Frauen. Bei Frauen bleibt es häufiger beim Versuch. Wer einen Suizidversuch unternimmt, will seinen Mitmenschen etwas mitteilen. Der erfolgreiche Suizid dagegen ist der Abbruch aller Gespräche.

Man könnte folgende These wagen: Brächten sich viel mehr Frauen um als Männer – es gäbe Kampagnen, Forschungs- und Präventionsprogramme. Für Jungen und Männer gibt es: nichts. Ihre spezifischen Probleme bleiben im toten Winkel der gesellschaftlichen Debatte. Weil beide Geschlechter es nicht anders wollen. In einer Zeit, in der es psychologische Hilfsangebote für aggressive Hunde gibt, werden psychische Probleme von Männern kaum ernst genommen.

Vor zwei Jahren haben vier Schauspieler – zwei Frauen und zwei Männer – für eine Studie Hausärzte besucht. Mit der gleichen, vorher einstudierten Wortwahl, Mimik und Gestik haben sie angebliche psychische Beschwerden vorgetragen. Egal, ob die falschen Patienten leger gekleidet waren oder ob sie in Business-Garderobe kamen, egal, ob sie auf männliche oder weibliche Ärzte trafen: Bei den Schauspielern wurden dreimal seltener depressive Verstimmungen diagnostiziert als bei den Schauspielerinnen.

Das Kinderschutz-Zentrum Berlin klärt in einer Broschüre darüber auf, wie man erkennt, dass ein Kind in Gefahr ist. Jungen seien besonders "vulnerabel", heißt es in dem Text, der für Jugendamtsmitarbeiter geschrieben wurde. Jungen bis 14 Jahre sind, sieht man von Sexualdelikten ab, häufiger Opfer von Misshandlungen als Mädchen. Forscher gehen davon aus, dass Jungen auf Probleme eher mit Verhaltensauffälligkeiten reagieren – oder, wie manche sagen: Man bemerkt erst, dass ein Junge ein Problem hat, wenn er laut und aggressiv wird. Und ein Junge, der aggressiv ist, wird von Eltern, die ihrerseits zu Gewalt neigen, nicht selten brutal bestraft.

Das ist tragisch – für die Jungen und später für ihr Umfeld. Wer misshandelt wurde, hat das Schlagen gelernt. So reproduziert sich die Gewalt. Und die Gesellschaft rätselt, woher der Hass kommt.

Doch will sie es wirklich wissen?

Die Krise des Mannes wird nicht einfach nur übersehen. Die These, dass Männer Hilfe brauchen, wird schlicht bekämpft. Sie passt nicht in unser Bild von Frauen und Männern. Sie macht die Diskussion über Macht und Gerechtigkeit noch komplizierter, als sie schon ist. Denn natürlich gibt es sexuelle Gewalt gegen Frauen, natürlich gibt es den Gender Pay Gap, die Geschlechterdifferenz beim Verdienst von Männern und Frauen.

Deshalb werden Autoren und Experten, die sich mit spezifisch männlichen Problemen befassen, als Revanchisten und Antifeministen angesehen. Sie werden ähnlich wahrgenommen wie die Frauen, die sich in den siebziger Jahren mit Frauenfragen beschäftigten: als Menschen mit persönlichen Problemen, Frustrierte, die mit dem anderen Geschlecht nicht zurechtkommen und die Schuld dafür der Gesellschaft geben. Über den Soziologen Walter Hollstein, der der Politik vorwirft, sie habe das "angeblich so starke männliche Geschlecht vergessen" und "über Jahrzehnte hinweg nur Mädchen und Frauen gefördert", stand in der FAZ mit kaum verhohlener Verachtung: "Hollstein ist von Beruf gewissermaßen Mann."

Lange wurden Frauen dämonisiert und kleingemacht, sie werden es manchmal noch immer. Die Frauen haben viel – und noch nicht genug – gewonnen. Doch jetzt sind die Männer dabei, viel zu verlieren. Der gute Ruf ist schon dahin. Männer gelten heute schnell als lächerlich, brutal, rücksichtslos, rechthaberisch, gierig, ineffizient. Die Fluggesellschaften Qantas, Virgin Australia und Air New Zealand lassen allein reisende Kinder nicht mehr neben Männern sitzen. Der männlichen Sexualität wird misstraut: Die Gesellschaft kann gar nicht genug bekommen von den Geschichten über Vergewaltiger, Puffgänger und Pädophile.

Es ist eine Verlockung für Frauen, angesichts dieses Rollentauschs zu triumphieren. Die alte Regel des Geschlechterkampfes lautet: Es gibt immer einen Gewinner – und einen anderen, der exakt so viel verliert.

Doch welche Frau sollte sich darüber freuen, dass der Mann, den sie liebt, fünf Jahre vor ihr stirbt, weil er ungesund gelebt hat und nicht zum Arzt gegangen ist?

Welche Mutter sollte sich darüber freuen, dass ihr Sohn schlechtere Noten bekommt als ihre Tochter?

Welche Akademikerin sollte sich über all die Statistiken freuen, die besagen, dass hoch qualifizierte Frauen keinen Mann finden?

Als die Finanzkrise in den USA begann, schnellten die Scheidungszahlen in Manhattan nach oben. Reihenweise lösten die Frauen ihre Ehen auf. Ihre Männer hatten über Nacht jeglichen Sex-Appeal eingebüßt.

Die Frauen mochten sich der Gescheiterten entledigt haben. Danach waren sie allein.

Wenn es eines Tages eine Männerbewegung gibt, die Frauen können sich freuen.