Im Durchschnitt braucht es neun Monate, bis eine Frau, die ein psychisches Problem hat, sich ärztliche oder therapeutische Hilfe holt. Bei einem Mann dauert es 70 Monate – und in der Regel wurde er von einer Frau dazu überredet. Vielleicht kommt er dann zur Männerberatungsstelle von Björn Süfke in Bielefeld.

Ein schmuckloses Büro mit Gummibaum und Filzfußboden, optisch nur aufgefrischt von einem Poster an der Wand, das eine Landkarte zeigt: die Landschaft der männlichen Gefühle, mit dem "Vulkan der Wut", dem "See der Trauer", der "Wüste der Einsamkeit", der "Stadt der Stärken", dem "Land der Sehnsüchte". Das ist die Kulisse, in der der Psychologe Süfke mit Männern über deren Probleme redet. Über Gewaltausbrüche, Stress im Beruf – und immer häufiger über Schwierigkeiten in der Partnerschaft.

Süfke führt das darauf zurück, dass heute viele Frauen, wenn ein Mann ihre Bedürfnisse nicht erfüllt, ganz selbstverständlich die Beziehung beenden. Zwei von drei Trennungen gehen von der Frau aus. Bis in die siebziger Jahre hinein haben Männer – in Gestalt des Gesetzgebers – definiert, wie eine Ehe abzulaufen hat. Inzwischen, das ist die Erfahrung des Therapeuten, bestimmen Frauen, was in einer Ehe passieren sollte. Die gesetzliche Pflicht der Ehefrau zur Haushaltsführung, die bis 1977 galt, ist abgeschafft. Stattdessen gilt jetzt, erlassen von den Ehefrauen selbst, die Pflicht des Ehemanns zum Beziehungsgespräch.

So sehr orientieren sich die Männer an den tatsächlichen oder den vermuteten weiblichen Erwartungen, dass der Therapeut seine Besucher oft ermahnen muss, sie sollten ihm nicht schon wieder erzählen, was ihre Frau sich wünscht, sondern welche Wünsche sie selbst haben. Das ist Süfkes Hauptjob: Männer dazu zu bringen, über ihre Gefühle zu reden.

Auch er selbst, der Profi, spürt, wie schwierig das manchmal sein kann.

"Als mein Sohn knapp zwei war, gab es einmal eine schwierige Situation vor dem Zubettbringen. Wir waren im Bad. Er sollte Zähne putzen, und er wollte nicht. Und wie das eben so ist in solchen Situationen – es eskalierte. Ich war vollkommen hilflos und merkte, dass mir die Tränen kamen. Es war eine banale Situation, aber ich war wirklich verzweifelt. Wie vermutlich viele Männer hatte ich den Wunsch, immer zu wissen, wie es weitergeht – und jetzt zerbarst der Wunsch an einem Zweijährigen, der sich weigerte, eine Zahnbürste in die Hand zu nehmen.

Ich bin dann aus dem Bad gerannt, stand draußen mit dem Rücken zur Tür und dachte: ›Scheiße, da redest du als Therapeut immer von Rollenvorbildern und davon, dass Männer mal Emotionen zeigen sollen, und wenn du selbst vor deinem Sohn weinen musst, rennst du raus!‹ Also bin ich wieder reingegangen und habe mir extra nicht die Tränen weggewischt.

›Papa, warum weinst du denn?‹, hat mein Sohn gefragt, und wenn ich davon erzähle, muss ich aufpassen, dass mir nicht gleich wieder die Tränen kommen.

›Ich bin traurig, weil wir uns streiten‹, habe ich geantwortet. ›Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.‹

Und er: ›Ich auch nicht.‹

Wir haben uns dann in den Arm genommen, und es war gut."

Björn Süfke ist 41 Jahre alt und hat drei Kinder, die er gemeinsam mit seiner Frau großzieht. Beide sind berufstätig, beide kümmern sich um die Familie. Süfke gehört zu jenen Vätern, die sich nicht mehr nur als finanzielle, sondern auch als emotionale Versorger ihrer Kinder sehen.

Für die neuen Väter begeistert sich das Land seit einigen Jahren. Wenn man bedenkt, wie viel über sie geschrieben wurde, könnte leicht in Vergessenheit geraten, dass sie nur einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft bilden.

Ja: Inzwischen nimmt fast jeder dritte Vater Elternzeit – doch von denen beansprucht die große Mehrheit das Elterngeld maximal für zwei Monate. Väter im Alter von 25 bis 39 Jahren arbeiten sogar durchschnittlich etwa zwei Stunden länger pro Woche als die anderen Männer dieser Altersgruppe. Während die Wochenarbeitszeit bei kinderlosen Männern ab dem 40. Lebensjahr kontinuierlich abnimmt, steigt sie bei Vätern leicht an.

Der Mann ist immer noch derjenige, der das Geld verdient, und Männer wie Frauen halten daran fest.

Das Rollenmodell "Sie arbeitet, er bleibt zu Hause" ist nur für wenige akzeptabel – am wenigsten für Frauen: Männer halten es zu 13 Prozent für vorstellbar, Frauen nur zu neun Prozent, wie eine Allensbach-Studie kürzlich zeigte. Nur wenige Frauen binden sich an einen Mann, der einen geringeren Bildungsgrad hat, ihr also womöglich keine finanzielle Sicherheit bieten kann. Während Männer mit einem höheren Bildungsabschluss zu 30 Prozent "nach unten" heiraten, tun das nur neun Prozent der Frauen.

Es ist auch keineswegs so, dass alle sich über das gerade erwachende Interesse der Männer an der Kindererziehung freuen. Konsens in der Bildungs-Berichterstattung ist, dass es dringend mehr Erzieher in Kindergärten und mehr männliche Lehrer in den Grundschulen geben müsste. Weil Jungs, die immer häufiger allein von ihren Müttern erzogen werden, männliche Identifikationsfiguren brauchen – und zwar andere als die Schutzgelderpresser aus Grand Theft Auto. Doch als sich im Kindergarten von Björn Süfkes Sohn ein Mann beworben hatte, berief die Kitaleitung erst einmal einen Sonder-Elternabend ein. In hitzigen Debatten sprachen sich einige der vermeintlich fortschrittlichen Eltern gegen den Kandidaten aus. Dann machte einer der Väter einen Kompromissvorschlag: Er sei einverstanden, vorausgesetzt, seine Tochter werde nicht von dem Erzieher gewickelt.

Auch wenn es gern anders dargestellt wird – das Feld der Kindererziehung wird dem Mann nicht kampflos überlassen. Das Abweichen vom klassischen männlichen Rollenrepertoire ist bis heute nur in sehr engen Grenzen akzeptiert.

Selbst moderne, emanzipierte Frauen reagieren manchmal verschreckt, wenn ihr Mann wirklich einmal Schwäche zeigt. Therapeuten berichten, dass Frauen erst von ihrem Mann einfordern, Gefühle zu zeigen – und ihn genau dann verlassen, wenn er negative Gefühle, beispielsweise Depressionen, eingesteht. So haben diese Frauen sich das mit der Partnerschaft auf Augenhöhe dann nämlich doch nicht vorgestellt. Auch Erfolglosigkeit ist ein Liebestöter. Kein Jahr brauchte Bettina Wulff, laut stern die "unkonventionelle, moderne Frau" in Schloss Bellevue, um sich von ihrem Mann, dem gestrauchelten Bundespräsidenten, loszusagen.