Hamidou Samake sitzt im Schatten eines Olivenbaums. Er lässt einen dürren Zweig durch die Finger gleiten und wartet darauf, dass ein weiterer enttäuschender Tag auf Malta dem Ende zugeht. Sein ganzes Leben auf dieser Insel bestehe aus Warten, sagt er. Den Morgen über hat er mit Freunden an einer Kreuzung ausgeharrt und gehofft, dass jemand anhält, der Arbeiter braucht. Doch wie so oft hat er umsonst am Straßenrand gesessen. Auf Malta gebe es kaum Arbeit für jemanden wie ihn, für einen 28-jährigen Flüchtling aus der Elfenbeinküste.

Jeder Satz spiegelt wider, wie enttäuscht Samake ist, wie gern er Malta in Richtung Nord- oder Mitteleuropa verlassen würde. Er hat eine Aufenthaltsgenehmigung, aber Geld vom Staat bekommt er nicht, und arbeiten darf er offiziell auch nicht. "Ich würde gerne etwas verdienen und Geld nach Hause schicken", sagt Samake. "In Italien wäre das kein Problem. Aber ich bin auf Malta gelandet, ich habe Pech gehabt."

Samake lebt mit 36 anderen Männern im Peace Laboratory, einem als "Friedenslabor" bezeichneten Flüchtlingscamp auf Malta. Seine Mitbewohner kommen aus Äthiopien, Nigeria, Mali, Sudan, Eritrea und Somalia. Die meisten von ihnen sind schon vor Jahren in kleine Boote gestiegen, um über das Mittelmeer nach Italien zu fahren. Sie flohen vor Verfolgung, Krieg und Perspektivlosigkeit.

Statt an der italienischen Küste landeten sie auf Malta, Europas kleinstem Land, das zu den am dichtesten besiedelten Staaten der Welt zählt. Allein im Juli kamen 1.000 Flüchtlinge mit Booten aus Nordafrika. Maltas Regierung erklärt, sie sei überfordert. Gemessen an der Einwohnerzahl nimmt kein EU-Mitglied mehr Flüchtlinge auf: In Malta werden siebenmal so viele Asylanträge gestellt wie im europäischen Durchschnitt.

Die boat people, wie die Ankömmlinge hier heißen, werden nach der Ankunft in Lager gesperrt. Bis zu 300 Mann schlafen in einem Raum voller Mehretagenbetten. Die Enge ist drückend. Das Freizeitprogramm besteht aus einem Fernseher und einem Käfig, in dem einmal am Tag Fußball gespielt werden darf. Bis zu 18 Monate müssen die Asylsuchenden in den Spezialgefängnissen bleiben, dann werden sie in sogenannte open centres verlegt. Dort leben sie maximal zwei weitere Jahre. Danach landen viele auf der Straße oder bei Wohltätigkeitsorganisationen, in Camps wie dem Peace Lab.

Das "Friedenslabor" wird seit 2002 von einer christlichen Gruppe betrieben, damals kamen zum ersten Mal Hunderte Migranten aus Afrika über das Meer. In den vergangenen zehn Jahren erreichten 419 Boote mit 18.356 Passagieren an Bord die Insel. Die meisten von ihnen stammen aus Somalia und Eritrea.

"Auf Malta sind wir nicht willkommen. Die Leute hier sagen, die Insel sei zu klein", klagt Samake. "Wenn wir aber Malta verlassen und nach Frankreich oder Deutschland gehen, werden wir dort festgenommen und hierhin zurückgeschickt. Dann kommen wir auf Malta ins Gefängnis, für sechs Monate oder ein Jahr. Wer hat sich solch ein System nur ausgedacht?" Das System, das Samake an die Insel fesselt, wurde von den Regierungschefs 1990 mit dem Dublin-II-Vertrag festgeschrieben, der 2003 in Kraft trat. Demnach bleibt das EU-Land für einen Flüchtling zuständig, in dem er erstmals europäischen Boden betreten hat. Im Juni dieses Jahres unterzeichneten die EU-Staaten den Dublin-III-Vertrag, der die bisherige Praxis bestätigt und fortsetzt.

Seit den Bootskatastrophen vor Lampedusa, bei denen zuletzt Hunderte Afrikaner starben, diskutiert Europa über seine Flüchtlingspolitik. Die maltesische Regierung verlangt, dass die ankommenden Migranten gerechter in Europa verteilt werden. Malta fühle sich in Stich gelassen, sagte Ministerpräsident Joseph Muscat in Interviews. "Bis heute hören wir von der EU nur leere Worte." Was er nicht sagt, ist, dass Malta seit 2008 mehr als sieben Millionen Euro von der EU für eine menschenwürdigere Behandlung der Flüchtlinge erhalten hat.