Patricia Kopatchinskaja, 1977 in Chișinău/Moldawien geboren, in Bern zu Hause, ständig unterwegs © Marco Borggreve

Zum Znüni – also zum zweiten Frühstück – in einer Küche im behaglichen Berner Universitätsviertel sitzen, bei Birchermüesli, Croissants und hausgemachter Marmelade, und mit einer gebürtigen Moldawierin, die in Wien studiert hat und in Bern zu Hause ist, über ihre polnisch-griechisch-jüdischen Wurzeln sprechen: Europäischer geht es kaum. Europa, sagt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, 36, sei für sie ein Teppich mit vielen verschiedenen Mustern und Farben, die zwar nicht zusammenpassten, sich aber trotzdem mischten, über alle Webfehler und Mottenlöcher hinweg. "Manchmal muss man eins der Löcher stopfen oder etwas Neues anstückeln, aber das ist nicht schlimm. Umso mehr schillert der Teppich." Und mit ihm das einzelne Leben: So hat die Musikerin ihre jüdischen Wurzeln erst kürzlich entdeckt, durch ein Foto, das den Grabstein der Großmutter in Rio de Janeiro mit Davidstern zeigt. In der Familie war das nie ein Thema.

Das Zusammengesetzte hat sich in Kopatchinskajas Kunst tief eingegraben und prägt sie in einer Weise, die verstört. Wer ist diese Geigerin, die vieles radikal anders macht? Die barfuß auf die Bühne kommt, um die Erde darunter besser zu spüren, sich eher vor den schönen Tönen scheut als vor den spreiseligen, schrundigen und hässlichen, die am liebsten in stilisierten Kostümen à la Diagilew auftreten würde ("Wir Interpreten spielen doch immer eine Rolle!"), in ihren Programmen moldawische Volksmusik mit harter Avantgarde kombiniert und die demnächst auch als Konzertmeisterin zu erleben sein wird, beim Opernorchester im russischen Perm kurz vorm Ural, da, wo Europa ostwärts endet, mit Gustav Mahlers 3. Sinfonie? Wer ist sie: eine Scharlatanin? Ein lustiges, flüchtiges Branchen-Hexlein? Eine, die den Musikbetrieb in seinen Ritualen und Reflexen aushebelt und gleichzeitig so virtuos wie niemand sonst auf seinen Saiten spielt?

Der Ururgroßvater erkämpfte sich im Ersten Weltkrieg ein Eisernes Kreuz

Die Antwort gibt die Musik am Abend vor dem Birchermüesli, im Berner Konservatorium, und zwar immer dann, wenn sie nicht wie Musik klingt. Im Wiehern eines Pferdes oder im Klackern bunter Glasmurmeln in György Kurtágs Duos op. 4 für Violine und Zymbal, im zirpenden, pochenden, trippelnden Naturlaut von George Enescus 3. Violinsonate, in den Echos und Nebeln, die einem gleich zu Beginn aus einem Stück hinreißender moldawischer Volksmusik entgegenschlagen. Rapsodia nennt Patricia Kopatchinskaja dieses Programm, das sie zusammen mit ihren Eltern, der Geigerin Emilia Kopatchinskaja und dem Zymbal-Spieler Viktor Kopatchinski, der russischen Pianistin Polina Leschenko und dem kroatischen Kontrabassisten Ivan Nestic bestreitet. Musik nicht als sentimentale Beschwörung der Wirklichkeit (dann wäre sie Kolportage, Kitsch, Folklore), sondern als Akt der Zivilisationskritik, als offensive Um- und Einkehr ins Herkunftliche, Musikantische, Vollblütige. Deshalb die nackten Füße und balkanesk fliegenden Bogenhaare, daher die Lust, jede Erwartung zu brechen. "Das Publikum will immerzu Wiener Schnitzel essen", klagt Kopatchinskaja, "und es weiß immer schon, dass die Revolution nicht stattfindet." Das klingt, als könnte das kulturelle Europa ausgerechnet von seinen Armenhäuslern noch etwas lernen, den kleinen, über Jahrhunderte hin ausgebeuteten Völkern an der Peripherie. Den Albanern, Slowenen oder Zyprioten. Oder den Moldawiern.

Was wie eine Binse anmutet – welche Kunst hätte keinen Ort, keine Herkunft, kein Gedächtnis? –, bewahrheitet sich bei Kopatchinskaja schon biografisch, wie gesagt. Traurige moldawische Witze werden an diesem strahlenden Dezembermorgen in Bern erzählt und viele Geschichten. Die vom Ururgroßvater, der sich im Ersten Weltkrieg auf der Seite der Deutschen ein Eisernes Kreuz erkämpfte, welches die Familie, als später die Russen kamen, nicht etwa wegwarf, sondern gut versteckte – man wusste schließlich nie, woher die nächsten Besatzer kommen würden; oder die von der Urgroßmutter, die, kaum aus Sibirien zurück, nur deshalb in letzter Sekunde nicht erschossen wurde, weil ein Kommunist sich daran erinnerte, wie vorzüglich er bei ihr einst verköstigt worden war. "Die Rettung für uns Moldawier war immer", sagt Kopatchinskaja, als hätte sie das alles selbst erlebt, "dass wir unseren Prinzipien treu geblieben sind, egal, was in der Welt gerade passierte. Unserer Art zu leben, unserer Kultur, unserer Musik."