​Wenn die grüne Bürgermeisterin von Kreuzberg in die Bezirksversammlung geht, bekommt sie neuerdings Gegenwind von links. "Halt die Fresse, Monika", schreien Autonome sie an. Farbbeutel klatschen gegen die Geschäftsstelle der Grünen. Sogar der links-grüne Veteran Hans-Christian Ströbele ist im Kreuzberger Alternativmilieu nicht mehr überall wohlgelitten. Es geht um ungefähr 120 Flüchtlinge, die seit einem Jahr mitten im Stadtteil ein Protestcamp aufgeschlagen haben. Sie habe eine "Kreuzberger Lösung" gesucht, sagt Monika Herrmann, eine Lösung mit viel Reden und ohne Gewalt. Mag nebenan in Neukölln der SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky unter reger öffentlicher Anteilnahme Recht und Gesetz und seine Prinzipien hochhalten. Im grün-linken Kreuzberg will die Bürgermeisterin ein Anti-Buschkowsky sein, pragmatisch, praktisch, links.

Nun zeigt sich: Sie ist nicht links genug.

Früher waren Straßenkämpfe in Kreuzberg ideologisch übersichtlich: dem schwarzen Block stand ein konservativer Innensenator gegenüber, man konnte sich in Ruhe hassen. Aber jetzt geht die Staatsgewalt von den Grünen aus, die dafür noch immer keine Sprache und keine Philosophie haben. So hat Monika Herrmann dem CDU-Innensenator Frank Henkel, der von ihr die Räumung der Zelte fordert, entgegnet: "Man sieht sich immer zweimal im Leben" – einmal bei einer brachialen Polizeiaktion, die von den Hasspostschreibern vielleicht goutiert würde. Und dann wieder, wenn die Geräumten an einem anderen Ort der Stadt wieder auftauchen und das ganze Spiel von vorne losgeht – mit anderen Worten: Draufhauen hat keinen Sinn. Aber was dann?

Richtig schwierig wird es für die grüne Bürgermeisterin, seit ihr die linke Szene die Unterstützung entzieht. Vor einigen Wochen rückten 250 Mann in die Bezirksverordnetenversammlung ein, die Flüchtlinge und ihre autonomen Unterstützer, von denen viele nichts lieber sähen als eine Eskalation, brennende Autos, blutende Köpfe. Auf der Balustrade saßen einige und kifften, vier Stunden lang hielten sie Vorträge, ließen sich alles ins Englische übersetzen, spielten die Nazi-Karte: "Folter, Mord und Deportation – eine deutsche Tradition". Hermann, 42, nennt das "Rituale". Sie unterstützt die Forderungen der Flüchtlinge nach Abschaffung der Residenzpflicht, also der Pflicht zum Aufenthalt in einem Landkreis oder einem Bundesland, nach einer Arbeitserlaubnis, nach Abschaffung der Dublin-II-Regel, mit der Mitteleuropa das Problem der Flüchtlinge an seine Außengrenzen verlagert. Auch sie will menschenwürdige Standards der Unterbringung. Sie unterstütze all das, sagt sie, "aber die Schlafzelte müssen weg". Das genügt. Für die linke Szene ist nun Monika Herrmann der Feind. Ihre "Kreuzberger Lösung" ist ein sehr einsames Unterfangen.

Monika Herrmann hat ihr Flüchtlingsproblem nur geerbt. Als die gelernte Politologin im Sommer Bürgermeisterin von Kreuzberg wurde, standen die Zelte schon. Manche der Bewohner – Iraner vor allem – waren auf einem langen Protestmarsch zu Fuß aus Bayern gekommen. Andere, die meisten von ihnen Afrikaner, kamen über die italienische Flüchtlingsinsel Lampedusa. Sie alle hatte Herrmanns grüner Amtsvorgänger eingeladen, auf dem Oranienplatz mitten im Justemilieu der Kreuzberger Autonomen ihre Wut auszustellen: "Kolonialismus", steht auf grellroten Plakaten, "Menschenwürde", "Lager", "Rassismus". Was im Sommer noch an ein Mini-Woodstock erinnerte, sieht jetzt, bei Kälte, Nebel und Nässe, schon ein wenig nach Feldlazarett und Belagerung aus.

Gemessen an der hochideologischen Asyldebatte der neunziger Jahre, geht Deutschland heute gelassen mit seinen Flüchtlingsproblemen um. Der CDU-Sozialsenat hat die Grüne Monika Herrmann mit Geld aus einem Programm für Obdachlose unterstützt, als sie endlich ein Haus für 80 der Gestrandeten gefunden hatte. Innensenator Henkel drohte zwar mit Räumung der verbliebenen Zelte. Aber niemand glaubt so recht daran.

Auch die Flüchtlinge verhalten sich heute anders. Sie sind politischer. Gerade die Afrikaner, die unter Gaddafi als Handwerker und Elektriker ein gutes Auskommen hatten, machen den Westen und seine Intervention in Libyen für ihr Los verantwortlich. Sie bringen neben ihrem Zorn auch die Bereitschaft mit, sich selbst erheblich zu schaden; während eines Hungerstreiks haben einige sich sogar den Mund zugenäht. Die autonome Unterstützerszene bestärkt sie in ihrer Militanz und nutzt das Elend für ihre antideutsche Propaganda.

Für die Grünen ist die Kommunalpolitik ihre Königsdisziplin. Politik machen, wo man lebt und arbeitet – das war in den späten Siebzigern, als die Partei sich gründete, der Ausweg aus dem anstrengenden K-Gruppen-Irrsinn der früheren Jahre. Stadtteilinitiativen, Anti-Psychiatrie, Frauengruppen und in Berlin vor allem die Legalisierung besetzter Häuser – das waren die Ursprungsmilieus der Grünen, das war die "Bewegung", die dem parlamentarischen Arm der Partei seine Existenzberechtigung verlieh.

Wem ist grüne Kommunalpolitik verpflichtet?

Man muss das wissen, um zu verstehen, warum die Bürgermeisterin Monika Herrmann tut, was viele Anwohner inzwischen "Kapitulation" nennen. Flüchtlinge besetzen den Oranienplatz – Monika Herrmann besorgt ihnen ein Haus. Flüchtlinge besetzen eine Schule, zerstören die Einrichtung, liefern sich eine Messerstecherei – Monika Herrmann lässt sie gewähren. Flüchtlinge verkaufen Drogen, bedrängen sogar Kinder im Görlitzer Park – einer der wenigen Grünanlagen Kreuzbergs – Monika Herrmann wirbt für legalen Drogenhandel.

Wem ist grüne Kommunalpolitik verpflichtet? Den Anwohnern? Dem moralischen Universalismus? Der linken Szene? "Ich war nie Teil des schwarzen Blocks", sagt Herrmann, die am linken Berliner Otto-Suhr-Institut über die Verwaltungsreform in Kreuzberg promoviert hat. Als junge Frau war sie eine Zeit lang bei einer autonomen Frauengruppe. "Aber die Strukturen waren mir zu autoritär." Viel prägender, glaubt die Tochter zweier bekannter Berliner CDU-Politiker, war die Bekennende Kirche, die katholische Sozialethik. Evangelii Gaudiumdie Schrift des neuen Papstes, entlockte ihr auf Twitter Begeisterungsrufe.

Viele Anwohner des Oranienplatzes haben durchaus Sympathien für die Flüchtlinge; manche lassen sie bei sich duschen, bringen Tee oder Kleider vorbei. "Aber sie sind es leid, sich als Rassisten beschimpfen zu lassen, wenn sie abends um Ruhe bitten oder über den Müll stolpern", sagt Monika Herrmann. Aber warum hat sie die Zelte dann nicht räumen lassen, nachdem sie den meisten Flüchtlingen mithilfe der Caritas und des CDU-Sozialsenators Mario Czaja ein Haus besorgt hatte? "Ich will der Szene nicht die Bilder bieten, auf die sie wartet."

Auf andere Bilder hat sie entschiedener reagiert. Gleich an ihrem ersten Arbeitstag beklagte sie sich in einem Interview über die Bierbikes – ein Element der Kreuzberger Ballermann-Kultur, bei dem Touristengruppen zu sechst einen fahrbaren Stammtisch antreiben. "Fette, grölende Kerle ohne Unterhemd – ich will das nicht sehen", hat sie da gesagt. Schwitzende weiße Radfahrer stören; aber wer Familien im Park tyrannisiert, kann auf grüne Solidarität zählen?

Monika Herrmann spricht gern über ihr Flüchtlingsproblem. Der Schwerpunkt aber liegt auf der Kritik der europäischen Einwanderungspolitik. Nur in Nebensätzen deutet sich gelegentlich einmal Empörung darüber an, dass ihr Bezirk Flüchtlingen in einer besetzten Schule Strom und Wasser zur Verfügung stellt und Klos repariert, die dann am nächsten Tag wieder kaputtgeschlagen werden. "Und dann jammern, dass man schlecht behandelt wird", sagt sie.

Den Konflikt, den sie irgendwann wird austragen müssen, den Konflikt mit der grünen Basis, den schiebt sie aber trotzdem immer weiter vor sich her. Sie weiß, dass die Spannung zwischen einem starken Sozialstaat und einer offenen Migrationspolitik gerade in ihrer Partei thematisiert wird. Sie weiß, dass die Berliner Integrationsbeauftragte Monika Lüke recht hat, wenn sie sagt: "Da erzwingen sich Leute Asyl durch Nötigung, auf das andere jahrelang in rechtsstaatlichen Verfahren warten." Herrmann weiß, es wäre höchste Zeit für die Grünen, all das einmal ehrlich auszubreiten. Aber sie tut es nicht.