Mit dem Tod von Kurt Cobain begann die Gegenwart

Am 5. April 1994 hat sich Kurt Cobain, der Sänger von Nirvana, in seinem Haus in Seattle erschossen. Ich besaß Tickets für ein Konzert, das zwei Tage vorher in London geplant gewesen war und das ich unbedingt hatte sehen wollen: Keine Band war mit ihrem Sound so sehr die Essenz jener Zeit wie Nirvana. Dann aber hatte sich der heroinsüchtige Cobain in eine Entzugsklinik einweisen lassen, und die Tour war abgesagt worden. Nun war er tot, mit 27. Mir blieben nur die Tickets und die Ahnung, dass dieses Ereignis ein historisches war.

Es ist unglaublich, aber selbst 2014 sitzt Cobain immer noch als untoter Rock-’n’-Roll-König auf seinem Thron. Er ist verblüffend lebendig: durch die Erinnerung an seinen frühen Tod, durch Wiederveröffentlichungen, als Posterfigur, als ewig präsenter letzter Rebell.

Das liegt nicht allein daran, dass er ein großes Werk hinterlassen hat – wovon man sich am besten auf dem Album Nevermind von 1991 überzeugen kann oder auf den 1994 postum erschienenen Aufnahmen des MTV-Unplugged-Konzerts. Ähnliche Meisterwerke gibt es auch von Bands, deren Name inzwischen verblasst ist. Doch Cobain zeichnet aus, dass er einen Kampf gekämpft und verloren hat, den heute kaum einer mehr auf sich nimmt: um die Authentizität als Künstler, der sich selbst verzehren muss, um zu brennen – als sei der Untergang die letztgültige Weihe des eigenen Schaffens. Auf den alten Aufnahmen und Videos hört und sieht man seinen Willen, alles, wirklich alles von sich in die Musik zu geben. Es war ein größenwahnsinniger, lächerlicher Kampf, der den Rock damals mit unglaublicher Energie aufgeladen hat, nachdem er über die Jahre alt und fett geworden war.

Cobain hat es geschafft, mit seiner Musik eine Generation zu verbinden, man nannte sie die Generation X. Es war eine recht larmoyante Jugend, die sich in der Rezession der frühen neunziger Jahre ins Abseits geschoben fühlte. Solcher Pessimismus erwischt ungefähr jede zweite Generation, weil es eben immer wieder Krisen gibt. So kam es, dass ein Depressiver zum Vorbild wurde: Man ließ sich gehen und verzehrte sich, wie Cobain. Ein möglicherweise letztes Mal waren verschwitzte, langhaarige Männer in zerrissenen Klamotten cool.

Man hat Cobain auch dafür bewundert, wie sehr er sich der eigenen Rolle als Star bewusst war; er kritisierte die Mechanismen der Popindustrie. Allerdings würde man in ihm heute, wäre er noch am Leben, mehr als je zuvor den sinnlos gequälten Geist sehen. Zum Glück ist die Rockmusik ironischer und weiser geworden – vielleicht erkennt man daran, dass die Zeiten bessere sind.

Jörg Burger

Der Siegeszug der Strickjacke und der Grunge-Mode

Vermutlich wurde Helmut Kohl Anfang der neunziger Jahre von denselben Menschen gehasst, die Kurt Cobain liebten. Dabei haben die beiden durchaus etwas gemeinsam: Sie entdeckten fast zeitgleich die Strickjacke als Ausdrucksmittel. Als Kohl 1990 Michail Gorbatschow im Kaukasus traf, um die deutsche Einheit zu verhandeln, trug er einen dunklen Cardigan. Der Kanzler, dem man ansonsten kein sonderliches Gespür in Kleidungsfragen unterstellte, hatte damit die Strickjacken-Diplomatie erfunden. Er verzichtete auf die Rüstung des Politikers, den Anzug, und trat somit symbolisch von der eigenen Macht zurück.

Dabei war der Cardigan zu militärischen Zwecken erfunden worden. Er wird zurückgeführt auf James Thomas Brudenell, den 7. Earl of Cardigan, der im 19. Jahrhundert General im Krimkrieg war und mit der Strickjacke gegen die Kälteprobleme der englischen Armee ankämpfte. Helmut Kohl hat sie zum Friedensbringer umgedichtet. Er machte damit das internationale Parkett zur Kuschelwiese. Zu Hause fand man das allerdings nicht geschickt, sondern schlicht unelegant.

Die Strickjacke von Kurt Cobain hingegen wurde in den neunziger Jahren zum Stilvorbild einer Generation, die sich unverstanden fühlte, obgleich sie sich selbst am wenigsten verstand. Cobains Cardigan, in dem er gerne auftrat, wurde zur Ikone des Grunge, einer rebellischen Haltung, der es nicht nur an eigenen Idealen mangelte, sondern auch an Feindbildern. In diesem Sinne war der Stil von Kurt Cobain Protest und Ironisierung der eigenen Haltung. Man wandte sich gegen Papa und Mama, obwohl man denen eigentlich nichts vorzuwerfen hatte – oder gerade deswegen. Zuvor sollte Protest martialisch wirken, nun wurde er infantil wie die Ringelpullover, die Motto-T-Shirts und die bunten Sonnenbrillen, die Cobain trug – und die Hipster von heute immer noch tragen.

Auch in Designer-Kollektionen wurde der Grunge-Stil der neunziger Jahre immer wieder zitiert. Von Alexander Wang, Proenza Schouler und Isabel Marant, zuletzt schuf Hedi Slimane eine ganze Grunge-Kollektion. Tatsächlich ist Grunge einer der letzten Kleidungsstile, die klar einer Epoche, den frühen Neunzigern, zuzuordnen sind. Seitdem ist es kaum noch möglich, Mode mit einer bestimmten Bewegung zu verbinden.

Der Grunge-Stil markierte auch das Ende aller Ambitionen, eine gesellschaftliche Haltung durch Kleidung auszudrücken. Letztlich war die Aussage des Cobain-Cardigans nicht weit entfernt von der des Kohl-Cardigans. Er sagte: Hier kommt jemand, der nichts Böses will. Schon weil er gar nicht wüsste, was er ändern wollte. Weil Widerstand zwecklos ist.

Tillmann Prüfer