ZEITmagazin: Herr Bernheimer, Sie haben das Buch "Narwalzahn und Alte Meister" geschrieben. Was hat es mit dem Narwalzahn auf sich?

Konrad Bernheimer: Es ist ein Buch über die Geschichte meiner Familie. Dieser Wal-Stoßzahn ist eines unserer Familienheiligtümer. Der Urgroßvater hatte den Satz geprägt: "In jeden anständigen Haushalt gehört ein Narwalzahn" – als Glücksbringer. Ich glaube, dieses magische Horn hat uns tatsächlich Glück gebracht. Und wir haben es, trotz aller Wirrungen der Geschichte, nie verloren.

ZEITmagazin: Die Geschichte Ihrer Familie ist auch durch Unglück und Schmerz geprägt. Sowohl Ihr Vater als auch Ihr Onkel und Ihr Großvater Otto waren im KZ Dachau. Haben sie von dieser Zeit erzählt?

Bernheimer: Es gibt nicht nur das Schweigen der Täter, es gibt auch das Schweigen der Opfer. In unserer Familie ist nie darüber gesprochen worden. Ich weiß, dass mein Vater, als er aus Dachau herauskam, mit seinem Bruder zusammen noch einige Wochen in den Kellern der Gestapo im Wittelsbacher Palais inhaftiert war. Er hat nie über das, was dort in den Kellern passiert ist, geredet. Meine Mutter erzählte, dass er geschunden herauskam und für den Rest seines Lebens psychisch und körperlich sehr gelitten hat. Das hat letztlich, so bin ich überzeugt, zu seinem Tod geführt.

ZEITmagazin: Wie wurde Ihre Familie vor den Nazis gerettet?

Bernheimer: Mein Großvater Otto war ein paar Jahre zuvor Honorarkonsul von Mexiko in Deutschland geworden. Als der mexikanische Präsident erfuhr, dass nach der Reichspogromnacht alle männlichen Mitglieder der Familie ins KZ gekommen waren, sandte er ein Telegramm an den Reichsminister des Auswärtigen, Ribbentrop, und stellte ihm ein Ultimatum: Er möge auf der Stelle allen Bernheimers die Ausreise ermöglichen, andernfalls würden eine ganze Reihe von prominenten Deutschen in Mexiko verhaftet werden. Als das Telegramm in Berlin und bei der Lagerverwaltung in Dachau ankam, waren schon zwölf prominente Deutsche in Mexiko unter Hausarrest. Dann schaltete sich Göring ein, er hatte bei meinem Großvater mal Teppiche gekauft. Nach schwierigen Verhandlungen musste meine Familie alles, was sie in Deutschland besaß, abgeben und für viel Geld eine heruntergekommene Kaffeeplantage in Venezuela kaufen. So kam sie nach Südamerika.

ZEITmagazin: Warum ausgerechnet eine Plantage in Venezuela?

Bernheimer: Göring hatte dort eine Tante, die eine völlig heruntergewirtschaftete Hazienda besaß, die sie nicht loswurde. Da kam der Kasus Bernheimer genau recht. Göring ergriff die Chance, für seine Familie einen Haufen Geld herauszuholen. Er hat meinem Großvater sagen lassen, wenn er diesen Vertrag nicht unterschreibe, werde kein Bernheimer Deutschland lebend verlassen. Meinem Großvater wurde der Vertrag Wort für Wort aufgezwungen. Aber wenn der mexikanische Präsident damals nicht so entschlossen gehandelt hätte, wäre niemand aus meiner Familie lebend aus dem Konzentrationslager Dachau herausgekommen.